Fußball

Der lange Poker um Herthas EM-Helden Hany Mukhtar

Man könnte meinen, dass nach dem Treffer im EM-Finale der Poker um Hany Mukhtar jetzt begonnen hat. Doch in Wahrheit buhlt Hertha BSC schon seit zehn Monaten über einen neuen Vertrag mit seinem Riesentalent.

Foto: Christof Koepsel / Bongarts/Getty Images

Die WM-Helden in Rio feierten die Nacht durch, der nächste Termin für Philipp Lahm & Co. war die Fahrt zum Flughafen am späten Nachmittag des kommenden Tages. Die EM-Helden von Budapest feierten zwar auch, doch der Zeitplan war eng gesteckt. Um 7 Uhr klingelten im Hotel der deutschen U19-Nationalmannschaft die Wecker, um 7.50 Uhr mussten die Zimmer geräumt und die Taschen im Bus abgegeben sein. Nach dem 1:0-Finalsieg über Portugal spielte die kurze Nacht keine Rolle. Wieder und wieder musste Hany Mukhtar von Hertha BSC, Schütze des 1:0-Siegtores, die Szene schildern. „Ich bin einfach auf den ersten Pfosten gelaufen. Da hatte ich das Quäntchen Glück. Ich danke meiner Familie, die immer hinter mir steht.“

Neben prominenten Glückwünschen von Jerome Boateng („Herzlichen Glückwunsch an die U19-Europameister“) oder Mesut Özil („Gratulation! Starke Turnierleistung!“) gab es familiäre Grüße. U19-Kapitän Niklas Stark berichtete: „Sogar meine Oma hat mir eine SMS geschrieben, die holt sonst nie ihr Handy raus.“ Um 10.45 Uhr ging es im Flugzeug mit dem Tross von Bundestrainer Marcus Sorg nach Frankfurt.

In Berlin gratulierte Hertha-Trainer Jos Luhukay seinem Trio, neben Mukhtar gehören auch Anthony Syhre und Torwart Marius Gersbeck zum Europameister-Kader: „Alle Ehre geht an die Jungs, an Marius, Thony und Hany, an die Mannschaft und den Trainerstab. Wir sind stolz auf unsere Jungs, dass sie mit dem Titel zurückkommen. Hany hat das goldene Tor gemacht im Finale, das ist ein Riesenerfolg für ihn.“

Mehr als die halbe Bundesliga dürfte Interesse haben

Wenn die WM in Brasilien vor vier Wochen ein großer Marktplatz war, ist eine U19-Europameisterschaft wie die in Ungarn zumindest ein kleiner Marktplatz. Bei Europameister Deutschland fielen mehrere Spieler positiv auf. Allen voran Davie Selke, der sich mit sechs Treffern die Torjäger-Krone der EM sicherte. Und Hany Mukhtar, der quirlige Mittelfeldspieler, der im Halbfinale gegen Österreich traf (4:0) und das Goldene Tor im Finale erzielte.

Damit dürfte mehr als die halbe Bundesliga Interesse haben an Selke, der bei Werder Bremen unter Vertrag steht, und an Mukhtar. Zumal beide Spieler, zum Leidwesen ihrer Heimatklubs, Verträge haben, die nur bis Juni 2015 laufen. Werder-Manager Thomas Eichin erklärte Sturmjuwel Selke für unverkäuflich: „Die Manager können sich ihre Anrufe sparen. Wir geben den Spieler nicht ab.“

Von der B-Jugend gelang direkt der Sprung zu den Profis

Am Beispiel von Mukhtar und Hertha lassen sich die Herausforderungen für einen Klub darlegen, wie viel Geduld es braucht, um ein Talent zu entwickeln. Und wie schwierig es für den ausbildenden Verein wird, falls der Erfolg eintritt. Mukhtar, 19, ist seit 2002 bei Hertha. Er war Kapitän der B-Jugendmannschaft, die 2012 Deutscher Meister wurde. Wegen seines Talentes sprang er direkt von der B-Jugend in den Profikader.

Luhukay führte den Youngster behutsam heran. In der Zweiten Liga kam Mukhtar auf sieben Einsätze, alle im heimischen Olympiastadion. In der vergangenen Bundesliga-Saison waren es zehn Einsätze, davon zwei in der Anfangsformation.

Seit September liegt ein Vertragsangebot vor

Hertha BSC hat Mukhtar im vergangenen September ein Angebot zur Vertragsverlängerung vorgelegt. „Wir hatten lange, intensive Gespräche“, berichtet Trainer Luhukay. Mukhtar signalisierte sein Interesse. Sein damaliger Berater argumentierte jedoch, dass Mukhtar mehr Einsatzzeiten benötige. Ob er vielleicht an einen spielstarken Zweitligisten ausgeliehen werden könne? Hertha sagte zu, behilflich zu sein. Unter der Voraussetzung einer Verlängerung um drei Jahre sei das denkbar. Dann war die Rede von Greuther Fürth und RB Leipzig.

Aber plötzlich herrschte Funkstille. Über Wochen hin wich der Spieler aus. Bis sich herausstellte, dass Mukhtar den Berater gewechselt hatte. Mittlerweile lässt er sich von „Sports total“ vertreten, der derzeit angesagten Agentur unter jungen deutschen Profis. Zu den Klienten gehören Marco Reus, Mario Götze und Toni Kroos. Nun schwirrten Argumente durch den Raum wie: Mit dem Vertrauen von Hertha scheine es nicht weit her zu sein, wenn der Klub den Spieler verleihen wolle. Und RB-Sportdirektor Ralf Rangnick klimperte unverhohlen mit einem großen Geldbeutel.

Ein Stammplatz kann nicht garantiert werden

Daraufhin zog Hertha die Reißleine. „Wir geben Hany nicht ab, weder wird er verkauft noch verliehen“, sagte Manager Michael Preetz schon Ende Juni der Morgenpost. Gestern bekräftigte Preetz: „Das war eine tolle Erfahrung für die Jungs. Hany kommt jetzt mit dem Selbstbewusstsein des Titelgewinns zurück, das wird ihm einen neuen Schub geben.“ Gleichwohl bleibe die Herausforderung für Mukhtar die gleiche wie bisher. Preetz: „Hany muss sich anbieten und sich empfehlen, um auf Bundesliga-Einsätze zu kommen.“ Auch der Trainer lobte seinen Schützling, hat aber gleichzeitig die gesamte Gruppe im Auge. „Hany hat bei uns alle Perspektiven. Aber ich kann nicht sagen: Weil Hany Europameister geworden ist, bekommt er bei uns einen Stammplatz. Er muss sich weiterentwickeln. Dieses Turnier wird eine zusätzliche Motivation für ihn sein.“

Luhukay sagt weiter: „Hany hat seit fast einem Jahr einen Vertrag von Hertha vorliegen. Unser Angebot steht. Aber dazu gehören zwei Seiten. Hany muss entscheiden, ob er bei Hertha bleiben will.“ Die Gefahr, die Hertha läuft: Dass ein top ausgebildeter Mukhtar im kommenden Sommer Berlin verlässt, weil ein anderer Klub mehr Geld zahlt. Manager Preetz: „Wir wollen Hany halten. Aber wir wissen nicht, ob es funktioniert.“

Die Zukunft beginnt für Herthas Europameister sofort: Während die WM-Helden von Rio im Anschluss Urlaub hatten, fliegen Mukhtar und Gersbeck Sonntag mit Hertha ins Trainingslager nach Schladming in die Steiermark.