Einen Zettel mit dreißig Fußballvokabeln auf Niederländisch und auf Deutsch hatte Trainer Jos Luhukay seinen holländischen Zugängen gegeben. John Heitinga und Roy Beerens – beide sollen im Trainingslager in Ostwestfalen rasch verstehen, wie Hertha auf dem Platz kommuniziert. „Amtssprache ist Deutsch“, heißt es bei den Berlinern. Doch nicht nur die Sprache soll gelernt werden, sondern auch das Spielverständnis. Deshalb gibt es für die Hertha-Profis neben der körperlichen Grundlagenarbeit zudem Theoriestunden, in denen das Abwehrverhalten geübt wird. Die Neuen, beide verständigen sich noch überwiegend auf niederländisch oder englisch, sollen die Luhukay-Spielweise so schnell wie möglich verinnerlichen.
Statt die Spieler am Abend nach einem anstrengenden Trainingstag mit einem Vortrag zu langweilen, stellte sich der niederländische Trainer zwei Mannschaften auf den Fußballplatz der Hotelanlage Klosterpforte. Die Spieler standen still wie übergroße Schachfiguren auf dem Feld. Nur Luhukay wuselte zwischen seinen Profis hin und her und erklärte, worauf es ankommt. Die Außenverteidiger müssten sich entscheiden, ob sie den Mann decken oder den Raum. Keine Punkte und Diagramme auf Smartboards wie bei Spielanalysen oder Taktikbesprechungen, bei denen müde Profis wie Schulkinder mehr oder weniger aufmerksam den Ausführungen lauschen. Luhukay mag es direkt. Die Spieler sollen die Situationen so sehen, wie sie im Spiel passieren. Auf dem Platz.
Die Abwehr soll näher an das Mittelfeld rücken. „Wir müssen das Spielfeld enger machen, um schneller in Ballbesitz zu kommen“, rief der Trainer laut zu seinen Spielern. Er war in Fahrt. In solchen Momenten ist zu spüren, mit welcher Leidenschaft Luhukay Fußball-Lehrer ist. Nicht einfach nur Trainer. „Ich hoffe, dass die Spieler daraus lernen. Das ist das entscheidende. Wir haben mehrere Zugänge, und die Basis einer jeden Stabilität und Sicherheit im Spiel ist natürlich das Abwehrverhalten. Das ist nicht für einen oder für zwei Spieler wichtig, sondern für das gesamte Team. Das fängt im Angriff an und endet beim Torwart.“
Ziel: So stabil wie in der letzten Saison auftreten
Der Hertha-Trainer nennt als Beispiel Manuel Neuer. Der hat bei der WM in Brasilien der ganzen Welt demonstriert, wie ein Keeper im modernen Fußball mitspielt. Der National-Torwart positionierte sich auf der 16-Meter-Linie, um tief gespielte Bälle abzufangen oder als Anspielstation den Vorderleuten eine weitere Option anzubieten.
Seinem neuen Angreifer Julian Schieber demonstrierte Luhukay das Pressing auf die gegnerische Innenverteidigung persönlich. „Nicht von vorne auf den Abwehrspieler zulaufen“, sagte der 51-Jährige, während er selbst auf John Heitinga zusprintete – von der Seite. Der Verteidiger soll nicht mehr quer spielen können. Stattdessen soll er gezwungen werden, auf einen verbleibenden Spieler zu passen. Oder noch besser: Er soll so unter Druck stehen, dass er den Ball weit nach vorne schlägt.
„Je schneller wir das aufnehmen, desto besser. Ich hoffe, dass wir in der Bundesliga wieder so stabil sind wie vergangene Saison“, sagte Luhukay. Die 48 Gegentore im Spieljahr 2013/14 bedeuteten den siebtbesten Wert in der Liga. Eher waren Standards oder Distanzschüsse der Weg, der gegen Hertha zum Torerfolg führte. Die Abwehrarbeit des gesamten Teams soll auch in dieser Saison das Fundament sein, mit dem sich Hertha weiter in der Bundesliga etablieren will.
Als Luhukay nach dem Lernerfolg seiner niederländischen Landsleute Heitinga und Beerens gefragt wird, antwortete er entspannt: „Sie werden das schon schnell verstehen.“ Luhukay meint zwar nur die dreißig Fußball-Vokabeln. Doch auch die gemeinschaftliche Abwehrarbeit dürften die Zugänge zügig verinnerlichen.

