Als es vorbei war, musste Levan Kobiashvili noch ein letztes Mal kämpfen. Die Tränen sollten nicht rollen. Nicht an diesem Tag. Als in der 64. Minute auf der Anzeigetafel an der Außenlinie seine Nummer 3 aufleuchtete, wusste der Georgier, dass in diesem Augenblick ein Lebensabschnitt endet. Alle Mitspieler von Hertha liefen zu ihm und umarmten den Georgier. Nach 16 Jahren in der Bundesliga, 351 Erst- und 86 Zweitligapartien und insgesamt über 30.000 Spielminuten endete gestern die große Profikarriere des bald 37-Jährigen. Die allermeisten der 76.197 Zuschauer im Olympiastadion erhoben sich und skandierten seinen Namen.

Höchste Saisonniederlage

Ein Gentleman des Fußballs tritt ab, und mit ihm verabschiedet sich auch eine Generation von Profis, die die Liga prägte, als an Fußballakademien und Rasenheizungen noch nicht zu denken war. „Ich bin stolz darauf, dass ich das Hertha-Trikot tragen durfte“, rief Kobiashvili nach dem Spiel über das Stadionmikrofon den Fans zu. „Danke für eure Unterstützung.“

„Als Kobi vom Platz gegangen ist, habe ich Gänsehaut bekommen“, sagte der 19 Jahre alte Hany Mukhtar, der von Beginn an spielen durfte. „Das will ich zum Ende meiner Karriere auch so.“

Auch zum Saisonende ein Schützenfest im Olympiastadion

Dass es kein ganz erfreulicher Abschied für Kobiashvili werden würde, hatte man geahnt. Hertha unterlag dem Vizemeister Borussia Dortmund in der letzten Bundesligapartie in dieser Saison durch Tore von Robert Lewandowski (41. und 80. Minute), Milos Jojic (44.) und Hendrikh Mkhitaryan (82.) deutlich mit 0:4 (0:2). Das Olympiastadion bekam zu Saisonbeginn ein Schützenfest geboten, als Hertha überraschend 6:1 gegen Frankfurt gewann. Nun gab es ein Schützenfest der anderen Art zum Abschluss – es war die höchste Niederlage dieser Saison.

Dennoch sangen die Hertha-Fans während der Partie unerschrocken: „Nie mehr Zweite Liga“. Hertha beenden schließlich die erste Spielzeit nach dem Wiederaufstieg trotz einer schwachen Rückrunde mit beachtlichen 41 Punkten auf Platz elf. „Wir werden jetzt versuchen, uns in der Sommerpause zu sammeln und dann wieder gestärkt in die neue Saison gehen“, sagte Herthas Trainer Jos Luhukay.

Bilder aus der langen Karriere des Georgiers

Vor dem Anpfiff begann die große Abschiedstour. Über die Stadionleinwand liefen Bilder aus der langen Karriere von Kobiashvili. Der Georgier im Freiburg-Trikot, wo er einst 1998 begann. Der Georgier auf Schalke und im Hertha-Dress, wie er eines seiner seltenen Tore erzielte. Immer dieselbe Frisur. Immer derselbe anerkannte Spieler. Über die Lautsprecher erklang „Friends will be Friends“ von Queen, und Herthas Manager Michael Preetz überreichte Kobiashvili einen Strauß Blumen sowie ein gerahmtes Trikot mit dem Namen. Nach dem Spiel trugen Betreuer und Mitspieler ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Danke Kobi!“

Das Spiel ist schnell erzählt: Überraschend musste Adrian Ramos im letzten Pflichtspiel für Hertha zunächst zuschauen. Er kam für Kobiashvili in der zweiten Halbzeit und wurde vor der Partie ebenfalls mit Strauß, Trikot und Applaus verabschiedet. „Ich habe hier in fünf Jahren vieles gelernt – als Mensch und als Fußballer. Ich werde Hertha vermissen“, sagte Ramos.

Lewandowski sichert sich in Berlin die Torjägerkanone

Sein neuer Arbeitgeber BVB zeigte jeweils innerhalb von wenigen Minuten kurz vor Ende der beiden Halbzeiten, dass an eine Überraschung wie im Hinspiel, als Hertha 2:1 gewann, nicht zu denken war. Kurz vor der Pause steckte Mats Hummels auf Lewandowski durch, und der Pole ließ Thomas Kraft in seinem 100. Pflichtspiel für Hertha aus 15 Metern keine Chance (41.). Wenige Augenblicke später schlenzte Milos Jojic das Spielgerät zum 0:2 in die Maschen (44.).

Ungeachtet der Tatsache, dass der BVB in einer Woche zum Pokalfinale gegen den FC Bayern ins Olympiastadion zurückkehren wird, ließ Trainer Jürgen Klopp sein bestes Team spielen und sprach anschließend von einem „perfekten Tag“.

In der neuen Saison will Hertha wieder angreifen

Perfekt war es deshalb, weil Lewandowski kurz vor Ende der Partie einen Freistoß direkt in den Winkel zirkelte. Mit seinem 20. Saisontreffer krönte sich der Angreifer zum Torschützenkönig dieser Spielzeit. Mkhitarryan setzte mit einem Abstauber den Schlusspunkt. Aber nicht nur das hohe Ergebnis war ärgerlich für Hertha – auch Sebastian Langkamp und Per Skjelbred mussten mit Muskelverletzungen ausgewechselt werden. Beim Norweger besteht Verdacht auf Muskelfaserriss.

Nach dem Spiel richteten die Hertha-Profis artig mit einem Transparent das Wort an ihre Fans: „Danke für eure Unterstützung“ stand darauf. Die Ostkurve klatschte Beifall und sang erneut vom Wunsch nach ewiger Zugehörigkeit zur ersten Liga. Eine Saison mit Höhen und Tiefen ist nun beendet. „Wir müssen jetzt wieder die Akkus volltanken und neue Idee sammeln“, sagte Marcel Ndjeng zum Abschluss. „Zur neuen Saison werden wir wieder angreifen.“