Das Angebot ist verlockend. Für nur zehn Euro verkauft Hertha vor dem Heimspiel gegen Hoffenheim am Sonntag (17.30 Uhr) Karten. Nicht irgendwelche, weit weg vom Spielgeschehen im Oberrang des weitläufigen Olympiastadion. Sondern nah dran auf der Gegentribüne. Teilweise kosten diese Tickets bei normalen Spielen 60 Euro. Als Familienpreis verkauft das der Verein, der am Sonntag rund 45.000 Zuschauer erwartet. Der Grund dafür ist allerdings der Gegner.

Die TSG Hoffenheim gilt als wenig attraktives Team in der Bundesliga. Nur 38.791 Zuschauer kamen im Schnitt in dieser Saison, wenn der Gast Hoffenheim hieß, der drittschlechteste Ligawert. Zu wenig Geschichte, zu wenig Tradition, lautet offenbar das Urteil aus den Fankurven. Dabei schickt sich das Team seit der Amtsübernahme von Trainer Markus Gisdol vor einem Jahr an, mit hochriskantem Offensivfußball für beste Unterhaltung zu sorgen.

Nur Bayern ist offensiver

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache dafür, dass der 44-Jährige sein Ziel zu einem großen Teil bereits erreicht hat. Bis zum 28. Spieltag hat der Klub aus dem Kraichgau 63 Tore erzielt. Nur der über allen Bilanzen thronende FC Bayern ist noch besser als das Team aus der Provinz.

Selbst Hertha-Trainer Jos Luhukay ist mehr als beeindruckt und nennt die Zahlen, auf die es für ihn ankommt: „Sie haben eine Top-Offensive. Allein die Angriffsspieler haben schon 45 Tore geschossen und und 20 vorbereitet.“ Während viele der Offensivwalze Hoffenheim mit einer Mischung aus Respekt und Furcht begegnen, zeigt sich Markus Gisdol betont unzufrieden: „Wir hätten durchaus noch 20 Tore mehr schießen können bei all den Chancen, die wir hatten.“

Die 20 Treffer mehr könnte der Trainer auch gut gebrauchen. Denn sein Team, das punktgleich mit Hertha einen Rang vor den Berlinern auf Platz neun steht, sorgt auch defensiv für Spektakel. Mit 62 Gegentoren bilden die Hoffenheimer die schwächste Defensive der Bundesliga.

Nirgendwo gibt es mehr Tore als bei Hoffenheim

Fakt ist, dass Gisdols Team damit das größte Torspektakel der Bundesliga bietet. Die 125 Tore sind Ligaspitze. Nirgendwo fallen mehr Treffer. Im Schnitt sind das gut viereinhalb Treffer pro Partie. In der Geschichte der Bundesliga gab es nur zwei Teams, die zum gleichen Zeitpunkt mehr Tore in der Bilanz hatten. Vor 40 Jahren stand der FC Bayern nach 28 Spielen bei 129 Treffern.

Noch besser war nur Eintracht Frankfurt 1982 mit insgesamt 132 Toren. Den Rekord für die Ewigkeit halten die Hessen auch. In der gleichen Spielzeit fielen bei allen 34 Partien der Eintracht 155 Tore. Wobei die Ewigkeit dank der Spielphilosophie von Markus Gisdol 2014 beendet sein könnte. Hertha bildet in dieser Statistik übrigens genau das Gegenteil ab. In den Partien der Berliner gab es insgesamt nur 75 Torerfolge zu bejubeln. Der niedrigste Wert in der Bundesliga.

An der offensiven Ausrichtung möchte Hoffenheims Trainer dennoch nichts ändern. „Es wird auch immer so bleiben, dass unser Spiel risikoreicher ist als das Spiel von anderen Mannschaften. Ich glaube nicht, dass wir eine Mannschaft. sind, die sich daran ergötzen kann, wenn sie am Ende ein mageres 1:0 erspielt“, sagte Gisdol vor der Partie gegen Hertha.

Hoffenheim greift mit Schwarmintelligenz an

Am liebsten nennt er die Spielidee seiner Mannschaft „Schwarmintelligenz“. Dabei geht es darum, dass die Angreifer den Gegner bei Ballbesitz schon auf eine Spielseite zwingen, wo der Rest der Mannschaft dann zupacken und den Ball erobern kann. „Wie bei einem Bienenschwarm. Eine Biene allein hat keine Chance gegen einen Elefanten. Ein harmonierender Schwarm kann den Elefanten erlegen“, sagte Gisdol.

Bei all dem Lob für die Wiedereinführung des Teamgedankens und des sprühenden Offensivgeistes darf nicht vergessen werden, dass der Trainer in Hoffenheim auf außergewöhnlich gute Offensivspieler zurückgreifen kann.

Gemeint sind Kevin Volland und Firmino. Der 22-jährige Brasilianer ist mit 24 Punkten - vor Herthas Adrian Ramos – der zweitbeste Scorer der Liga. 14 Tore hat er selbst geschossen und zehn aufgelegt. Ihm zur Seite steht mit neun Treffern und acht Vorlagen der nur ein Jahr jüngere Kevin Volland. Beide wurden dieses Jahr mit neuen Verträgen bis 2017 ausgestattet. Vielleicht das größte Verdienst von Manager Alexander Rosen.

Firmino gibt es nur für großes Geld

Selbst wenn Begehrlichkeiten bei großen Klubs geweckt werden, kann sich der Leiter Profifußball gemütlich zurücklehnen. Für kleines Geld, wie noch im Abstiegskampf der vergangenen Saison denkbar, wird der im Angriff nur schwer zu stoppende Firmino jedenfalls nicht wechseln. Der sagte brav zu dem Thema: „Ich habe eben erst den Vertrag verlängert. deshalb stellt sich für mich diese Frage nicht. Für mich ist Hoffenheim derzeit mein Top-Klub.“

Es gibt noch einen zweiten Grund, weshalb Markus Gisdol nicht daran denkt, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Das Image der Kraichgauer leidet noch immer noch unter dem Tempo des Aufstiegs von den unteren Amateurligen bis hoch in die Bundesliga. Dank der finanziellen Unterstützung von SAP-Gründer Dietmar Hopp ging es so schnell aufwärts, dass der Klub nicht organisch wachsen konnte und vielen Fans als Retortenklub gilt. „Hoffenheim muss sich im Spielstil absetzen von anderen Mannschaften“, sagte deshalb der Trainer. „Wir müssen unsere eigene Geschichte schreiben. Die TSG soll sich nicht anstrengen, ein gewöhnlicher Bundesligist zu werden.“

Der kaufmännischen Abteilung von Hertha wäre es ganz recht, sollte Gisdol auf seiner Mission erfolgreich sein. Dann würden die Familienpreise beim nächsten Heimspiel gegen Hoffenheim ausbleiben.