Die Frage ist ein Klassiker auf Mitgliederversammlungen oder bei Pressekonferenzen bei Hertha: „Warum kann sich kein Spieler aus dem Nachwuchs bei den Profis durchsetzen?“ Die Sehnsucht nach Eigengewächsen, die als Gesichter für den Verein stehen, ist groß.

Auf den ersten Blick scheint die Sorge zu stimmen. Denn möglicherweise steht im Spiel beim VfB Stuttgart (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei Immer Hertha) kein Jungprofi in der Startelf. Ganz im Gegensatz zu den Schwaben, die ähnlich wie Hertha auf die Integration von Jugendspielern setzen.

Doch die Antwort auf diese Frage ist etwas komplizierter und erzählt viel von dem langen Weg aus dem Nachwuchs in die Bundesliga.

Immer jünger zum Bundesliga-Debüt

„Für junge Spieler ist es heute generell einfacher, in Bundesligateams zu kommen“, stellte Jos Luhukay klar. Der Hertha-Trainer begründet das mit der hohen Qualität der Nachwuchsleistungszentren. Sowohl die Berliner Jugendakademie als auch ihr Stuttgarter Pendant wurden bei der Zertifizierung Anfang des Jahres mit der höchsten Wertung bedacht. „Dadurch sind die Spieler heute schon mit 17, 18 Jahren im Profikader“, sagte der Niederländer .

Wer aber denkt, er hätte es damit schon geschafft, ist schnell wieder raus aus dem Geschäft. Die Integration der jungen Spieler ist deshalb so schwierig, weil sie ihre Leistungen nicht konstant abrufen können. „Der zweite Schritt ist schwieriger. Es ist relativ einfach, in den Profikader hineinzukommen. Doch es ist schwer, dort zu bleiben“, benennt Luhukay die Herausforderung.

Drei Spieler sind bei Hertha auf dem Sprung: Verteidiger John Brooks, 21, Linksaußen Nico Schulz, 20, und der zentrale Mittelfeldspieler Hany Mukhtar, 18. „Sie haben es noch nicht geschafft, sich in der Bundesliga auf höchstem Niveau als Stammspieler durchzusetzen“, befand Luhukay.

Stuttgarts Talent Timo Werner von eigenen Fans ausgepfiffen

Auch beim VfB Stuttgart gibt es drei Spieler, die unter Trainer Thomas Schneider ins Team gefunden haben. Verteidiger Antonio Rüdiger, 20, kam in dieser Saison bereits zu 17 Startelf-Einsätzen in der Bundesliga. Angreifer Timo Werner, erst 17 Jahre alt, hat in 19 Spielen bereits vier Mal getroffen und vier Vorlagen gegeben. Zuletzt kam noch Rani Khedira im defensiven Mittelfeld dazu. Der erst 20 Jahre alte Bruder von Nationalspieler Sami Khedira gilt als große Hoffnung.

Doch nach sechs Niederlagen in Folge droht der Abstiegsplatz. Zuletzt wurde Werner sogar von eigenen Fans ausgepfiffen. Manager Fredi Bobic nimmt den Druck von den Nachwuchsspielern: „Die erfahrenen Spieler müssen jetzt raus aus der Fluchtzone und Verantwortung übernehmen.“

Fallen und wieder aufstehen gehört dazu

Bei Hertha müssen sich die Talente mit anderen Schwierigkeiten auseinandersetzen. John Brooks etwa war in der Zweiten Liga fast ein Jahr lang Stammspieler. Doch der Fahrstuhl kannte für ihn nicht nur die Richtung nach oben. Zweimal wechselte ihn Luhukay vorzeitig in der ersten Hälfte aus.

„Plötzlich muss er sich in der Bundesliga mit Stürmern auf höchstem Niveau auseinandersetzen. Das geht mit Fallen und Aufstehen“, analysierte Luhukay. Gefallen ist Brooks in dieser Saison bereits mehrfach. Zur sportlichen Delle kamen noch Verletzungen hinzu.

Wenn Michael Preetz über die schwierige Integration in das Profiteam sprechen soll, fällt häufig das Wort Geduld. „Die haben wir auf jeden Fall“, bekräftigt der Manager. Doch die Bundesliga lebt nicht allein vom sportlichen Wert. Sie ist auch ein Showgeschäft. Da reicht es nicht, wenn Spieler und Verein sich in Geduld üben.

Talente werden zu Stars hochgejazzt

Luhukay erinnert sich an die Situation, als er in der vergangenen Woche Nico Schulz zur U23 geschickt hat, statt ihn gegen Wolfsburg mitzunehmen: „Die Medien fragen doch auch nach den Spielern. Wenn ich Nico Schulz nicht im Kader habe, bekomme ich das Gefühl, als hätte ich Lionel Messi nicht dabei gehabt.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Komponenten ist der Erfolg der Jugendarbeit nicht planbar. Hertha kann nicht jedes Jahr einen Boateng produzieren und im eigenen Kader halten. Deshalb antwortet Preetz, nachdem er tief Luft geholt hat, auf die Frage nach der scheinbaren Erfolglosigkeit der eigenen Nachwuchsarbeit: „Wir haben da eine ganz andere Auffassung. Und das ist beim VfB genau so wie bei uns. Spieler bekommen bei uns das Rüstzeug. Auch wenn sie vielleicht am Ende bei anderen Klubs aktiv sind.“