Sami Allagui kam einen Tag nach dem 3:1 über Mainz verschnupft vom Trainingsplatz. Der Angreifer war allerdings nicht schlecht gelaunt, sondern einfach nur leicht erkältet. Dabei wäre ihm ein leichter Groll nicht zu verdenken. Schließlich traf die heftige Kritik nach dem Aus im DFB-Pokal auch ihn, der eine sogenannte hundertprozentige Torchance verpasst hatte. Und nun soll er sich für zwei Tore nur wenige Tage später feiern lassen. Vom Deppen zum Helden, um in der in Berlin so populären Schwarz-Weiß-Sicht zu bleiben.

Dabei wäre es so einfach für Allagui, sich nach einer enormen Leistungssteigerung seines Teams zum Gewinner zu erhöhen. Der tunesische Nationalspieler kam erst zur zweiten Hälfte und traf fast mit seinem ersten Ballkontakt zum wichtigen Ausgleich, der die Wende im Spiel gegen Mainz einleitete. Zudem hat er mit nun schon sechs Toren und drei Vorlagen in bisher neun Pflichtspielen seine Gefährlichkeit für Hertha eindrucksvoll bewiesen.

Doch dem 27-Jährigen war nicht nach Feiern zu Mute. Eher war so etwas wie Erleichterung zu spüren, als er mit ruhiger, fast leiser Stimme sagte: „Der Sieg war sehr wichtig für uns als Team. Wir haben das Erfolgserlebnis gebraucht, gesucht und zum Glück auch gefunden.“

Erzwungenes Glück

Die turbulente Woche hat Spuren in der Mannschaft hinterlassen. Zu heftig war die Kritik nach dem 1:3 in Kaiserslautern unter der Woche, als das Team, in dem auch Allagui spielte, sich als B-Elf bezeichnen lassen musste. Dazu fielen dann noch Worte wie Pokaldeppen, und Trainer Jos Luhukay musste sich erstmals in seiner Amtszeit bei Hertha mit dem Thema Krise auseinandersetzen. Nur einen Sieg später liegt der Verein auf Platz fünf in der Tabelle.

„Intern war nicht ein Funke von einer Krise zu sehen. Wir sind ein Aufsteiger, und wir wissen, wo wir herkommen“, sagte Allagui dazu knapp. Doch so einfach war die Situation nicht. Trainer Jos Luhukay redete in den vergangenen Tagen auf die Spieler ein, sich nicht von außen beeinflussen zu lassen. Die verbale Verteidigung übernahm der Coach für seine Profis gleich mit, indem er die Pokalniederlage auf seine Kappe nahm. Auch wenn er zugab, dass ihn die Heftigkeit der Kritik nicht gewundert, sondern ebenso etwas geschmerzt habe.

Allagui will nicht mehr zurückblicken

Für den tunesischen Stürmer waren seine beiden Tore gegen Mainz eine kleine Genugtuung, nachdem ihm sein Fehlschuss von Kaiserslautern vorgehalten worden war. Freistehend vergab er vor dem leeren Tor das 2:0 für Hertha im Pokal. Darauf angesprochen, reagierte Allagui aber doch leicht ungehalten. „Das sind doch nur negative Fragen.“ Zurückblicken wollte er nicht mehr. Ebenso wie die Mannschaft, die versucht, das positive Momentum aus dem Sieg mitzunehmen. „Wir sind froh, dass wir die Woche mit vier Punkten beenden konnten“, brachte es Kapitän Fabian Lustenberger auf den Punkt. Und fügte fast ein bisschen pflichtschuldig an: „Natürlich wären wir auch gerne im Pokal weitergekommen.“

Den Fehlschuss aus dem Pokal hat Luhukay seinem Angreifer längst verziehen. „Das war unglaublich bitter für ihn, dass er seine Chance nicht genutzt hat. Aber Sami Allagui ist auch nur ein Mensch und keine Maschine. Er kann und muss nicht jede Chance nutzen. Gegen Mainz hat er dann sein Glück erzwungen.“ Von Zweifeln war im Spiel des Tunesiers nichts zu sehen.

Dabei hat der Stürmer seit drei Spielen seinen Platz in der Startelf an Last-Minute-Zugang Per Skjelbred verloren und ist in eine Jokerrolle gerutscht. Auch gegen Mainz durfte er erst in die Partie, als der Norweger seinen Platz auf Rechtsaußen räumte und ins zentrale Mittelfeld wechselte. Doch auch nach seinen guten 45 Minuten mit zwei Toren hielt sich Allagui mit Ansprüchen zurück. Höflich, fast unverbindlich sagte er nur: „Ich rede nicht viel. Ich versuche, mich mit Leistung anzubieten. Ich denke aber, dass ich eine große Hilfe für Hertha bin, wenn ich von Beginn an spiele. Das hat man in den ersten Spielen gesehen.“

In der ungeliebten Jokerrolle

Dass der Angreifer in seiner Situation als Einwechselspieler nicht unzufrieden, sondern höchstens nachdenklich herüberkommt, hat viel mit Luhukays Personalführung zu tun. Der Niederländer führte ein langes Gespräch mit dem tunesischen Nationalspieler, sprach ihm genau wie dem anderen Torschützen von Mainz, Änis Ben-Hatira, Mut zu.

Diese positive verbale Unterstützung durch den Trainer führt dazu, dass im Team auch keine Unruhe entsteht, wenn Spieler für eine Weile ihren vermeintlichen Stammplatz in der Startelf verlieren. Ein anderer Grund ist, dass der Trainer versucht, den Spielern seine Entscheidungen transparent zu erklären. „Ich glaube, dass wir beide ein gutes Verhältnis zueinander haben. Sami Allagui kann für uns Spiele entscheiden. Er kann sich selbst krönen“, lobte der Niederländer seinen Offensivspieler.

Viele Anrufe aus Tunesien

Dem Angreifer kommt der Zeitpunkt für die persönliche Trendwende sehr gelegen. Nach dem Bundesligaspiel am Freitag in Hannover geht es für ihn wieder zur Nationalmannschaft nach Tunesien. Dort gibt es für die Nordafrikaner in Play-off-Spielen gegen Kamerun die zweite große Möglichkeit für die Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Brasilien im nächsten Jahr. Eigentlich waren die Spieler schon enttäuscht auseinandergegangen, als sie den ersten Platz in ihrer Gruppe verpassten. Doch weil die Kap Verden einen gesperrten Spieler einsetzten, bekommen die Tunesier mit einem neuen Trainer noch eine Chance.

Seine beiden Tore wurden in Nordafrika jedenfalls registriert, wie der 27-Jährige zugab: „Ich habe viele Anrufe aus Tunesien bekommen, aber ich hatte noch keine Zeit zurückzurufen.“ Das wird er aber nachholen. Denn vielleicht war auch Ruud Krol darunter. Der Landsmann von Hertha-Coach Jos Luhukay betreut jetzt die Tunesier.