Jos Luhukay musste lachen. Ob er nicht ziemlich beschwingt in die Woche vor dem nächsten Heimspiel gegen den Hamburger SV gehe, wurde Herthas Cheftrainer gefragt. Schließlich habe sein Team immerhin schon vier Punkte eingesammelt und er selbst ein paar Probleme weniger am Hals als zum Beispiel sein Kollege in Hamburg, Thorsten Fink.

„Ja, das stimmt schon“, sagte der Niederländer lächelnd. „Aber das ist ja nicht meine Schuld.“

Schuld hat Luhukay tatsächlich nicht an den Unwägbarkeiten, mit denen sich Fink drüben in der Hansestadt nach der 1:5-Niederlage gegen Hoffenheim und dem anschließenden Kurzurlaub eines seiner Profis auf Mallorca herumärgern muss.

Doch die Auftritte von Luhukays Mannschaft in den ersten beiden Partien der Saison dürften zumindest dazu beigetragen haben, dass die Probleme für Thorsten Fink in dieser Woche nicht weniger werden.

Aufsteiger-untypische Methoden

Denn Fink, der Herthas 2:2 am Sonntag gegen Nürnberg live im Stadion verfolgt hat, wird nicht entgangen sein, dass der Aufsteiger derzeit keineswegs im Gewand eines Bundesliganeulings daherkommt. Und es wird ihm nicht verborgen geblieben sein, dass sein Kollege auf der Berliner Trainerbank auch vor den denkbar Aufsteiger-untypischsten Methoden Gebrauch macht, um zu gewinnen. Statt nach dem 1:1-Ausgleich seiner Mannschaft das Remis zu sichern, blies Luhukay mit zwei offensiven Wechseln zur Attacke.

„Natürlich kann man in diesem Moment sagen: ‚Sei doch mit dem Punkt zufrieden!‘, erklärte der 50-Jährige seine Maßnahme. „Aber ich fand, dass wir drauf und dran waren, das Spiel zu gewinnen. Und wenn ich die Wahl habe, will ich auch versuchen, die drei Punkte zu holen“, sagte Luhukay.

Es war eine Szene, die nicht nur bei den Spielern gut ankam. „Der Trainer hat das richtige Zeichen gesetzt“, sagte später Torschütze Sami Allagui. Sie steht auch sinnbildlich für ein Prinzip, mit dem Hertha BSC unter dem Trainer Jos Luhukay in der Bundesliga vorgeht: das Prinzip kalkuliertes Risiko.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Luhukay ist kein Hasardeur. Er nahm das Wagnis einer offensiveren und damit defensiv anfälligeren Grundformation nicht in Kauf, weil er „Alles oder Nichts“ um den Sieg zocken wollte, sondern weil er überzeugt davon war, gewinnen zu können. Das ist ein Unterschied. Luhukays riskante Entscheidung wurde gestützt von einer tieferen Überzeugung. Zudem hatte der Trainer das System 4-1-4-1, wie er es nach dem Ausgleich in Nürnberg spielen ließ, in der Vorbereitung mehrfach einstudiert. Das Risiko dieser Maßnahme war also kalkuliert.

Die öffentliche Meinung ist nachrangig

In dieser Manier arbeitet der Niederländer, seit er sich mit Hertha auf die Bundesliga vorbereitet hat, und sie manifestiert sich in seinen Entscheidungen auf und neben dem Platz. Ein weiteres Beispiel für das Luhukaysche Prinzip Risiko aus Überzeugung vom Sonntag ist der Verzicht auf Innenverteidiger John Anthony Brooks in der Startformation.

Luhukay war der Meinung, dass der 20-Jährige nach einer turbulenten Woche mit seinem ersten Bundesligator, dem Debüt im US-Nationalteam und der medialen Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, „mental noch nicht bereit für ein drittes Topspiel in einer Woche“ gewesen ist. Er ließ seinen aufstrebenden und stabilen Abwehrspieler draußen und Christoph Janker auflaufen, der in den beiden Pflichtspielen davor nicht mal im Kader gestanden hatte. Ganz auf ging das nicht und folgerichtig fragte die „Bild“ in ihrer Dienstagsausgabe: „Hat sich Luhukay bei Brooks verwechselt?“

Luhukay wird das ebenso egal sein wie für ihn zuvor auch nur zweitrangig gewesen ist, dass seine Entscheidung für Fabian Lustenberger und damit gegen den Kapitän der Vorsaison, Peter Niemeyer, als neuen Spielführer nicht von allen im weiträumigen Umfeld des Vereins und der Anhängerschaft für richtig befunden wurde.

Auch dies war eine riskante Maßnahme, denn sie erschütterte zunächst das hierarchische Grundgerüst der Aufstiegsmannschaft und hätte, wenn Niemeyer sich nicht, wie er es danach dann tat, vorbildlich verhalten hätte, für reichlich Stunk um das Team herum sorgen können. Doch auch hier war Luhukay von seiner Einschätzung, dass Niemeyer wohl nicht den Weg in die Startelf finden würde und somit nicht der geeignete Anführer sein könnte, überzeugt und nahm die Möglichkeit negativer Auswirkungen in Kauf.

Vertrauen in das eigene Personal

Luhukays Haltung ließe sich auch als Mut beschreiben und wirkt sich doppelt auf sein Team aus: Zum einen steckt in ihr die Forderung danach, sich nicht mit dem Erreichten zufrieden zu geben. Das dürfte vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus der Saison 2011/12 hilfreich sein. Damals wies Hertha zur Winterpause 20 Punkte auf und stieg am Ende trotzdem ab.

Zum anderen ist jene mutige Haltung auch ein Beleg für das Vertrauen in das eigene Personal. Luhukay traute seiner Mannschaft in Nürnberg zu, das Spiel noch zu gewinnen, ebenso wie er Janker zutraute, Brooks Job zu übernehmen, und Niemeyer, nach der Degradierung keinen Ärger zu machen.

Und in diesem Sinne steht das Prinzip des kalkulierten Risikos übersetzt als Vertrauen in die eigene Belegschaft für den gesamten Verein Hertha BSC derzeit. Denn was ist es anderes als ein großes Wagnis, das Wohl des Klubs in die Hände eines einzigen Mannes zu legen? Das Team wurde schließlich allein nach Luhukays Vorstellungen mit Zugängen, die er kannte und wollte, verstärkt. So viel Vertrauen würde sich Thorsten Fink in Hamburg wohl auch wünschen.