Bundesliga

Hertha an der Tabellenspitze – bis zur letzten Minute

In der Schlussminute kassierte der Bundesliga-Aufsteiger den 2:2-Ausgleich beim 1. FC Nürnberg. Alexander Baumjohann hatte Glück, dass er keine Rote Karte kassierte. Der eingewechselte Ronny traf erneut.

Foto: Alex Grimm / Bongarts/Getty Images

Das Spiel war schon längst vorbei, doch in den Katakomben des Grundig-Stadions ging es so hitzig weiter wie in den 90 Minuten zuvor zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Nürnberg. Draußen auf dem Rasen hatten die Berliner gerade in der allerletzten Spielminute den unglücklichen Ausgleich zum 2:2 (0:1) hinnehmen müssen. Der erste Sieg in Nürnberg seit mehr als zehn Jahren und damit die Rückeroberung der Tabellenspitze waren futsch.

Drinnen im Medienraum gab Cheftrainer Jos Luhukay mit finsterer Miene seine Sicht zum Besten: „Es ist schade, und wir sind jetzt enttäuscht, denn wir hatten Nürnberg in der zweiten Halbzeit voll im Griff“, sagte der Niederländer. Vor allem aber der späte Ausgleich durch den Freistoßtreffer von Hiroshi Kiyotake nach einem fragwürdigen Pfiff von Schiedsrichter Guido Winkmann brachte ihn in Rage: „Das war davor niemals ein Foul. Aus Nürnberger Sicht war das Unentschieden schmeichelhaft.“

Wiesinger widerspricht Luhukay

Michael Wiesinger, der Trainer der Nürnberger, reagierte angefressen: „Ich kann die Analyse meines Kollegen nicht nachvollziehen. Das war ein hochverdienter Ausgleich. Alles andere wäre hier schwer zu verstehen gewesen.“

Das Auswärtsspiel in Nürnberg, aus dem Hertha BSC durch die Tore von Sami Allagui (60. Minute) und Ronny (78.) sowie die Gegentreffer durch Josip Drmic (40.) und eben Kiyotake (89.) mit einem Punkt hervorging, hatte also einigen Gesprächsstoff zu bieten: ein später Ausgleich nach Fehlentscheidung, eine nicht geahndete Tätlichkeit und ein umstrittener Elfmeter. Für Diskussionen aber sorgte Luhukay schon vor Anpfiff. Der 50-Jährige entschied sich neben den erwartungsgemäßen Wechseln in der Außenverteidigung (für die verletzten Marcel Njdeng und Johannes van den Bergh spielten Peter Pekarik und Fabian Holland), seine Erfolgself vom 6:1-Auftakt gegen Frankfurt auch in der Innenverteidigung umzustellen.

Janker startet anstelle von Brooks

Für John Anthony Brooks (20), der unter der Woche sein erstes Länderspiel für die USA absolviert hatte, lief überraschend Christoph Janker auf. „Drei Topspiele in einer Woche sind für einen jungen Mann wie ihn noch zu viel“, sagte Luhukay.

Zunächst wirkte es, als verkrafte sein Team die Umstellungen. Die Blau-Weißen begannen angriffslustig. Mehr Gefahr als beim Freistoß des agilen Änis Ben-Hatira, der knapp am Lattenkreuz vorbeizischte, entstand zunächst nicht. Nach 15 Minuten aber stockte das Berliner Spiel, was daran lag, dass deutlich wurde, welche Anweisung Wiesinger seiner Mannschaft gegeben hatte: Hertha mit teilweise überhart geführten Zweikämpfen die Lust am Spielen nehmen.

Torwart Kraft chancenlos gegen Drmic

Dass Nürnberg besonders in der ersten Halbzeit robuster auftrat, zeigte sich beim Führungstreffer: Gegen den bulligen Angreifer Daniel Ginczek verloren Janker und Fabian Lustenberger den Zweikampf im Mittelfeld. Ginczek steckte durch auf Josip Drmic, der Thomas Kraft im Tor der Herthaner keine Chance ließ (40.). Für den nächsten Aufreger der Partie sorgten Herthas Spielgestalter Alexander Baumjohann und Nürnbergs Javier Pinola acht Minuten nach Wiederanpfiff. Nach einem Zweikampf gerieten beide Stirn an Stirn aneinander, und Baumjohann zeigte Pinola mit einem Griff ins Gesicht, was er von ihm hält.

Winkmann wertete die Angelegenheit nicht als Tätlichkeit, er zeigte beiden Profis die Gelbe Karte. Nach dem Spiel sagte der Berliner: „Ein Schlag war das nicht. Ab und an kochen solche Emotionen nun mal hoch.“ Kapitän Lustenberger sagte: „Da hatten wir Glück.“ Das Spiel wurde nun hitziger – und Hertha stärker. Der bis dahin schwache Sami Allagui schnappte sich im Strafraum den Ball, umkurvte Emanuel Pogatetz in der Nürnberger Abwehr und hatte Glück, dass sein Schuss von FCN-Verteidiger Berkay Tolga Dabanli derart krumm abgefälscht wurde, dass Raphael Schäfer im Tor keine Abwehrchance mehr hatte, 1:1 (60.).

Trainer Luhukay wechselt offensiv

Mit zwei offensiven Wechseln (Sandro Wagner für Janker, Ronny für Allagui) und einer Systemumstellung auf 4-1-4-1 trieb Luhukay nun seine Spieler nach vorn und wurde für seinen Mut belohnt. Bezeichnender Weise waren wieder Baumjohann, Pinola und Schiedsrichter Winkmann an der nächsten strittigen Situation beteiligt. Nach einem Tritt von Pinola im Strafraum fiel Baumjohann zu Boden. Winkmann gab Elfmeter, den Ronny sicher verwandelte (78.). Als die Herthaner wie die Sieger aussahen, hatte die seltsame Partie eine aus Berliner Sicht unschöne Pointe: Winkmann ließ sich von einer Schwalbe eines Nürnbergers täuschen. Den fälligen 19-Meter-Freistoß verwandelte Kiyotake wunderschön im linken Eck.

Etwas später hatte Luhukay seinen Ärger im Griff und sagte nach vier Punkten aus den ersten beiden Spielen: „Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie mitreden kann in der Bundesliga.“