EM 2012

Wie Jerome Boateng gegen Balotelli verteidigen will

Der Nationalspieler Boateng spricht über das Halbfinalduell mit Italien, die Kritik von Bundestrainer Joachim Löw und seine Familie.

Foto: Manchester City FC

Die Europameisterschaft hatte noch nicht begonnen, da sorgte Jerome Boateng (23) bereits für Schlagzeilen. Ein nächtlicher Ausflug am Tag vor der Abreise zum Turnier in Polen und in der Ukraine hätte den deutschen Nationalspieler fast den Stammplatz gekostet. Doch nach einem klärenden Gespräch vertraute Bundestrainer Joachim Löw dem Rechtsverteidiger. Nach drei Partien – im dritten Vorrundenspiel gegen Dänemark war Boateng gesperrt – wird Löw auch gegen Italien (20.45 Uhr, ARD) auf ihn setzen. Morgenpost Online-Mitarbeiter Kai Schiller sprach mit dem Berliner.

Morgenpost Online: Herr Boateng, wie Italien in einem EM-Halbfinale zu besiegen ist, dürfte kaum einer so gut wissen wie Sie oder?

Jerome Boateng: Wenn Sie das Halbfinale der U21-EM vor drei Jahren in Schweden meinen, dann haben Sie natürlich recht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir vor allem in der ersten Hälfte ganz schön unter Druck waren. Besonders bei Standards waren die Italiener immer gefährlich, aber Manuel Neuer hat schon damals super gehalten. Und das Tor des Tages hat dann Andreas Beck geschossen.

Morgenpost Online: Wenige Tage später wurde Deutschland U21-Europameister. Darf im Nachhinein von einer goldenen Generation gesprochen werden?

Jerome Boateng: Von einer goldenen Generation dürfen wir nur sprechen, wenn wir auch mit der A-Nationalmannschaft den Titel gewinnen. Und für dieses Ziel müssen wir zunächst mal am Donnerstag Italien besiegen.

Morgenpost Online: Dürfen wir denn behaupten, dass der Titel von damals die Basis für einen möglichen Titel heute ist?

Jerome Boateng: Das können wir schon so sagen. Unser Trainer Horst Hrubesch hat uns damals gezeigt, wie ein Titel gewonnen wird. Er hat uns quasi das Siegergen eingepflanzt. Und es waren ja viele Spieler unseres heutigen Teams dabei: Manuel Neuer, Sami Khedira, Mesut Özil, Mats Hummels, Benedikt Höwedes und ich. Wir spielen schon lange zusammen, kennen uns auf und abseits des Platzes sehr gut. Aber auch bei Italien war der eine oder andere schon damals dabei, zum Beispiel Mario Balotelli.

Morgenpost Online: Den kennen Sie ja auch aus Ihrer gemeinsamen Zeit bei Manchester City. Ist er wirklich so verrückt, wie immer behauptet wird?

Jerome Boateng: Genie und Wahnsinn liegen bei ihm schon sehr nah beieinander. Er ist wirklich ein verrückter Typ, mal positiv verrückt, mal aber auch negativ. Er scheint es manchmal zu genießen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Alles in allem ist er aber ein guter Mensch. Das kann ich so sagen, weil ich ihn sehr viel besser kenne als viele andere. Bei allen seinen Geschichten sollte aber nie vergessen werden, dass er fußballerisch fantastisch ist. Für sein Alter ist er schon unglaublich weit.

Morgenpost Online: Wie muss gegen ihn verteidigt werden?

Jerome Boateng: Wir müssen sehr aggressiv und präsent sein, ihn schon bei der Ballannahme stören. Auf gar keinen Fall sollten wir ihn schießen lassen, weil er einen wirklich fantastischen Schuss hat.

Morgenpost Online: Das war auch beim Elfmeterschießen gegen England zu sehen, wo er als erster Schütze Verantwortung übernommen hat.

Jerome Boateng: Also eines können wir auf jeden Fall festhalten: Mario Balotelli hat vor nichts und niemandem Angst. Nicht vor den Medien, nicht vor seinem Trainer und schon gar nicht vor Druck- oder Stresssituationen.

Morgenpost Online: Nicht mal vor Ihnen scheint er Angst zu haben. In Ihrer gemeinsamen City-Zeit kam es sogar mal zu einer Rangelei zwischen Ihnen beiden auf dem Platz.

Jerome Boateng: Ich erinnere mich, aber die Geschichte war nach wenigen Minuten wieder vergessen. Wir haben uns die Hand geschüttelt, und weiter ging's.

Morgenpost Online: Ganz so einfach lässt sich aber nicht jeder seiner Konflikte regeln. Häufig wirkt er wie eine tickende Zeitbombe.

Jerome Boateng: Er muss sicherlich aufpassen, dass seine Eskapaden nicht überhand nehmen und ihn irgendwann niemand mehr ernst nimmt. Sportlich gibt es allerdings überhaupt keine Zweifel an seinen Qualitäten. Er braucht sie ja nicht unbedingt im Spiel gegen uns abzurufen.

Morgenpost Online: Auch Sie haben Schlagzeilen außerhalb des Fußballplatzes vor der EM produziert. Hat Sie danach die Kritik des Bundestrainers getroffen?

Jerome Boateng: Die Kritik des Trainers hat mich überhaupt nicht getroffen. Ich habe mit ihm über den Vorfall gesprochen und ihm erklärt, wie der Vorfall wirklich abgelaufen ist.

Morgenpost Online: Und was ist wirklich abgelaufen?

Jerome Boateng: Darüber möchte ich jetzt nicht mehr im Detail sprechen. Der Trainer, das Team und die Menschen, die mir wichtig sind, kennen die Wahrheit.

Morgenpost Online: Fühlten Sie sich reingelegt?

Jerome Boateng: Ja. Aber noch einmal: Die Sache ist erledigt. Meine Familie hat mir danach geholfen, mich nur noch auf Fußball zu konzentrieren. Mich hat die Geschichte sogar zusätzlich angespornt. Ich wollte unbedingt zeigen, dass ich klar im Kopf und völlig fokussiert auf die EM bin.

Morgenpost Online: Waren es im Nachhinein die schwersten Tage Ihrer Karriere?

Jerome Boateng: Das kann ich schon so sagen. Auf mir lastete ein enorm großer Druck vor dem Spiel gegen Portugal. Dass ich diesem Druck standgehalten habe, hat mich dann für den Rest der EM umso stärker werden lassen.

Morgenpost Online: Haben Sie aus dem Vorfall etwas gelernt?

Jerome Boateng: Ich weiß jetzt, wer meine wirklichen Freunde sind und wer nicht.

Morgenpost Online: Vor der WM 2010 war Ihr Bruder Kevin-Prince in den Schlagzeilen, jetzt waren Sie es.

Jerome Boateng: Das mag stimmen, ist aber Zufall. Ich hatte jedenfalls nicht vor, großartig in die Schlagzeilen zu geraten. Vor der WM in Brasilien sollte dann Ruhe sein, hoffentlich sind wir da beide wieder dabei.

Morgenpost Online: Kevin-Prince spielt seit zwei Jahren beim AC Mailand. Haben Sie wegen des Italien-Spiels schon telefoniert?

Jerome Boateng: Ich werde ihn die Tage sicher noch mal anrufen, aber da braucht er mir keine großen Tipps für das Spiel zu geben. Dafür haben wir unsere Scoutingabteilung.

Morgenpost Online: Was hat er Ihnen generell über den italienischen Fußball erzählt?

Jerome Boateng: Er fühlt sich wahnsinnig wohl in Mailand, ist dort Publikumsliebling. Trotz der ganzen Geschichten rund um den neuen Wettskandal habe ich schon das Gefühl, dass der italienische Fußball im Aufwind ist. Die Liga ist stärker als noch vor ein paar Jahren.

Morgenpost Online: Italien hat Deutschland vor sechs Jahren im WM-Halbfinale besiegt und ist anschließend Weltmeister geworden. Wie haben Sie das Spiel verfolgt?

Jerome Boateng: Ich war damals erst 17 Jahre alt, habe das Spiel mit Freunden vor dem Fernseher verfolgt. Und natürlich war das eine ganz bittere Niederlage, auch für mich. Ich habe sehr viele italienische Freunde, die mich danach alle gefrotzelt haben. Da wäre es mir schon lieber, wenn das nach dem Spiel am Donnerstag nicht noch mal passiert. Zumal ich ja diesmal sogar auf dem Rasen dabei bin.

Morgenpost Online: Hätten Sie lieber gegen England gespielt?

Jerome Boateng: Das war mir egal. Wir haben das Spiel zusammen mit der Mannschaft in unserem Teamhotel gesehen, und den meisten war das Ergebnis nicht wichtig. Gegen Italien ist es sicherlich nicht einfach zu spielen.

Morgenpost Online: Jeder weiß, dass die Italiener in der Defensive gut stehen. Im Viertelfinale haben sie allerdings auch ihre offensiven Qualitäten gezeigt.

Jerome Boateng: Das stimmt, aber in erster Linie scheint mir das Hauptaugenmerk der Italiener auf der Defensive zu liegen. Sie stehen sehr kompakt, immer im richtigen Abstand und können mehrere Systeme spielen. Erst haben sie mit einer Dreierkette in der Abwehr gespielt, dann haben sie auf die herkömmliche Viererkette umgestellt. Gegen diese Italiener wird uns mit Sicherheit alles abverlangt.