Bastian Schweinsteiger (27) läuft und läuft und läuft. Trotzdem steht der 94-malige Nationalspieler in der Kritik. So viel er läuft, so wenig läuft bislang in seinem Spiel. Eine Folge des Saisonfinales, als er mit den Bayern gleich drei Titel in Folge verpasste und dabei gegen Chelsea den entscheidenden Elfmeter verschoss. Lars Gartenschläger und Lars Wallrodt sprachen mit ihm.

Morgenpost Online: Geht es Ihnen gut?

Bastian Schweinsteiger: Na ja, wir stehen im Halbfinale. Da muss es einem ja gut gehen.

Morgenpost Online: Irgendwie wirken Sie aber nicht so.

Bastian Schweinsteiger: Um ehrlich zu sein, macht mir mein Knöchel Sorgen.

Morgenpost Online: Der, an dem Sie im Februar einen Außenbandriss erlitten hatten?

Bastian Schweinsteiger: Genau. Das ist nicht optimal verheilt. Aber die Zeit ist noch nicht da, wo ich mich schonen kann. Wir haben hoffentlich noch zwei Spiele, da beiße ich mich durch. Danach muss ich allerdings sehen, dass ich endlich wieder ganz gesund werde.

Morgenpost Online: Warum spielen Sie, wenn Sie nicht fit sind?

Bastian Schweinsteiger: Ich bin ja fit. Es ist keine Frage der Ausdauer. Es geht um kleine Bewegungen im Spiel, um Explosivkraft. Ich habe vor dem Griechenlandspiel nur das Abschlusstraining absolvieren können. Da fehlt einem was. Gegen die Griechen sind mir einige Fehlpässe unterlaufen, die mir sonst nie passieren. Ansonsten war ich zufrieden mit meinem Spiel. Aber die Fehlpässe brennen sich natürlich ein. Das darf einem Spieler wie mir nicht passieren.

Morgenpost Online: In der Tat wird Kritik geübt.

Bastian Schweinsteiger: Das weiß ich. Aber das ist mir egal. Ich versuche mich voll in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Ich organisiere derzeit mehr das Spiel, Sami Khedira macht dafür die Vorstöße. Das war vor zwei Jahren in Südafrika aber auch schon so. Ein Turnier gewinnt man mit Kompaktheit in der Defensive. Wir haben vorne genug Spieler, die die Qualität haben, jederzeit ein Tor zu machen.

Morgenpost Online: Ärgert es Sie, dass Khedira den Applaus bekommt, während Sie sich angeschlagen für die Mannschaft quälen?

Bastian Schweinsteiger: Überhaupt nicht. Er spielt auch sehr gut, er hat das verdient. Ich muss nicht den Zampano geben, nur um gute Noten zu bekommen. Für mich steht der Erfolg unseres Teams über allem. Mir ist lieber, kein Spektakel zu machen und zu gewinnen.

Morgenpost Online: Wer hat Ihnen das beigebracht?

Bastian Schweinsteiger: Die ältere Generation beim FC Bayern. Michael Ballack zum Beispiel oder Robert Kovac, Oliver Kahn, Jens Jeremies. Diese Spieler haben so clever gespielt und getan, was für das Team am besten war. Dass ich mit ihnen spielen konnte, kommt mir jetzt zugute. Jetzt verstehe ich, warum sie so waren. Das, was von außen kommt, interessierte die nicht groß.

Morgenpost Online: Sie haben sich nach dem verloren gegangenen Champions-League-Finale ziemlich rar gemacht in der Öffentlichkeit. Weil Sie Zeit zum Nachdenken brauchten?

Bastian Schweinsteiger: Natürlich brauchte ich eine gewisse Zeit, um das alles zu verarbeiten. Für mich war es aber auch wichtiger, gesund zu werden, und weniger wichtig, Interviews zu geben.

Morgenpost Online: Haben Sie das Endspiel gegen den FC Chelsea denn verarbeitet?

Bastian Schweinsteiger: Ja, den größten Teil jedenfalls. Der war abgehakt, als ich zum Nationalteam gekommen bin. Natürlich gibt es Momente – besonders an freien Tagen –, in denen ich ins Grübeln komme, wenn jemand den Namen ,Champions League' in den Mund nimmt. Oder als ich Chelsea-Eigentümer Abramowitsch vor dem Holland-Spiel in unserem Trainingscamp getroffen habe.

Morgenpost Online: Wie war das?

Bastian Schweinsteiger: Ach, ganz harmlos. Ich habe ihm gratuliert. Aber da kommen natürlich die Erinnerungen hoch. Hier bei der EM bin ich so sehr auf die Aufgabe konzentriert, dass ich keine Zeit habe, über das Spiel gegen Chelsea damals nachzudenken.

Morgenpost Online: Es bleibt also kein Trauma?

Bastian Schweinsteiger: Nein. Absolut nicht. Hier bei der EM denke ich wirklich nicht mehr daran. Ich weiß nicht, wie es sein wird, wenn ich nach dem Turnier im Urlaub bin und weniger um die Ohren habe. Da kann es schon sein, dass da noch einmal was hochkommt in mir.

Morgenpost Online: Die EM läuft im K.o.-Modus. Da kann es jederzeit ein Elfmeterschießen geben. Schießen Sie?

Bastian Schweinsteiger: Ja, das wäre kein Problem. Da bin ich selbstbewusst genug. Ich hoffe natürlich, dass er dann reingeht. (lacht)

Morgenpost Online: Wie gut würde Ihnen der EM-Titel nach einer Bayern-Saison ohne Titel tun?

Bastian Schweinsteiger: Der Titel wäre sehr gut. Aber im Halbfinale werden vier Teams stehen, die alle das Turnier gewinnen können. Man hat es ja in der Vorrunde gesehen, dass Kleinigkeiten ein Spiel entscheiden können.

Morgenpost Online: Was meinen Sie?

Bastian Schweinsteiger: Gegen die Dänen hätten wir durchaus rausfliegen können, als sie die Chance zum 2:1 hatten und wir unter Druck standen. Das ist Fakt, und das haben wir analysiert. So etwas darf uns im Halbfinale nicht passieren, weil die Qualität des Gegners stärker sein wird.

Morgenpost Online: Braucht ein Fußballer nicht einen Titel, um ein großer Spieler zu sein?

Bastian Schweinsteiger: Derzeit denke ich nicht daran, wann ich denn nun einen großen Titel gewinne. Aber ich will gleichzeitig hier alles dafür tun, mit der Mannschaft maximalen Erfolg zu haben. Momentan ist das nicht so einfach. Wenn ich verletzt bin, bin ich schlecht gelaunt. Dann fällt es nicht leicht, trotzdem positiv zu sein. Mein Herz fühlt zwar so. Aber wenn man da ganz tief reinschaut, brodelt es auch in mir. Weil ich gern so spielen würde, wie mein Kopf es mir sagt. Aber mein Körper lässt es nicht zu. Und das ist auf dem Platz dann nicht leicht, damit umzugehen. Deswegen hoffe ich, dass es mit der Verletzung bis zum Halbfinale besser wird.

Morgenpost Online: Sie sind seit 2004 bei der Nationalelf. Ist es heute die beste, in der sie je gespielt haben?

Bastian Schweinsteiger: Es war von Turnier zu Turnier immer wieder eine Steigerung zu erkennen. Ich denke, wir haben derzeit 23 Topleute dabei, von denen einige schon 2010 in Südafrika Erfahrungen gesammelt haben. Aber wir waren 2008 auch schon ganz nah am Titel dran – und der entscheidet letztlich über alles. Ich hoffe jedenfalls, dass der Weg, der 2004 eingeschlagen wurde, noch weitergeht. Ich will Spiele gewinnen, bei denen die Zuschauer draußen sehen, dass wir klar besser und dominant sind. Und damit meine ich auch Spiele gegen große Nationen.

Morgenpost Online: Und das Ziel ist noch nicht erreicht?

Bastian Schweinsteiger: Doch, wir haben schon solche Spiele absolviert. Wir sind schon dominant. Aber wir müssen an den Punkt kommen, an dem der Gegner überhaupt keine Chance hat. Wir haben beim FC Bayern im September zehn oder elf Spiele in Folge zu null gespielt. Und bei jedem hatten wir von der ersten Minute an das Gefühl, dass der Gegner nicht den Hauch einer Chance hat. Fragen Sie unseren Torwart Manuel Neuer. Dem ist hinten fast langweilig geworden. Wir sind hier mit der Nationalmannschaft auf einem guten Weg.

Morgenpost Online: In Deutschland spricht man schon von der goldenen Generation.

Bastian Schweinsteiger: Natürlich wird derzeit viel über die goldene Generation gesprochen und gesagt, dass wir den Titel holen müssen. Aber das sehe ich anders. Wir müssen letztendlich gar nichts. Wir müssen als Mannschaft nur gut auftreten. Und wenn ein anderes Team besser ist als wir, dann hat es auch verdient zu gewinnen. Wir müssen hier bei dieser EM schauen, dass wir geschlossen auftreten. Und da spreche ich nicht von den elf Spielern auf dem Platz, sondern auch von denen, die auf der Bank sitzen. Wenn es Spieler gibt, die nur auf sich schauen, muss man klare Worte finden.

Morgenpost Online: Hätten Sie kein Problem damit, wenn der Bundestrainer Ihnen im Halbfinale einen anderen Spieler vorziehen würde?

Bastian Schweinsteiger: Wenn der Bundestrainer so entscheidet, hätte ich kein Problem damit. Wir haben doch gegen Griechenland rotiert. Da kamen mit Marco Reus, Jerome Boateng, Andre Schürrle und Miroslav Klose neue Spieler ins Team. Und für sie war es ganz wichtig, dass sie Rückendeckung von den Spielern bekommen haben, für die sie in dem Spiel gespielt haben. Von Lukas Podolski, Thomas Müller, Lars Bender und Mario Gomez. So etwas ist nicht in jeder Mannschaft selbstverständlich.