Mit Engelsgeduld und einer starken Vorstellung hat die deutsche Mannschaft das Viertelfinale hinter sich gelassen. Das 4:2 (1:0) gegen Griechenland war sicher nicht brillant, aber sehr seriös herausgespielt. Erst in der zweiten Halbzeit waren die Defensivkünstler aus Südeuropa so müde gespielt, dass das Ergebnis standesgemäß ausfiel. Nun wartet im Halbfinale am Donnerstag der Sieger der Partie England gegen Italien.
Erste Gratulantin war niemand Geringeres als die Bundeskanzlerin. Zehn Minuten nach Spielschluss stand sie schon in der Kabine der deutschen Mannschaft und gratulierte ihr: „Glückwunsch, weiter so. Es ist immer wieder aufregend. Anfangs habe ich etwas gebibbert, aber dann hatte ich den Eindruck, dass die Mannschaft klar überlegen war.“
Aufregend war auch, dass Bundestrainer Joachim Löw sein Team radikal umbaute. Dass Jerome Boateng seinen Platz in der Abwehrkette wieder einnehmen und Lars Bender verdrängen würde, war erwartet worden. Auch Miroslav Kloses erster Einsatz in der Startformation bei dieser EM, wofür Mario Gomez seinen Platz räumen musste. Doch Löw hatte auch zwei gewaltige Überraschungen eingebaut: Plötzlich tauchten Andre Schürrle und Marco Reus in der ersten Elf auf, Lukas Podolski und Thomas Müller fehlten.
Löws Ansinnen: Gegen die defensivstarken Griechen sollten die Außenbahnen im Mittelfeld mit spritzigen, dribbelstarken Spielern besetzt werden. Und diese Taktik schien schon nach elf Minuten aufzugehen. Blitzartig wurde der Ball nach vorne kombiniert, wo Khedira mit einem feinen Pass Reus einsetzte, der freistehend neben das Tor schoss.
Die Griechen spielten wie erwartet: Extrem defensiv und knallhart gegen den Mann. Giorgos Samaras sah nach 14 Minuten die erste Gelbe Karte, und zwei Minuten später hätte man über einen Elfmeter diskutieren können, als der Schalker Kyriakos Papadopoulos seinen Gegenspieler Sami Khedira im Strafraum umriss. Ach ja, ein Tor hatte es da auch schon gegeben. Das allerdings gab Schiedsrichter Damir Skomina zu Recht nicht, weil Miroslav Klose im Abseits gestanden hatte. „Geduld“, hatte Bundestrainer Joachim Löw gepredigt, und mit Geduld kreisten seine Spieler vor den griechischen Verteidigungslinien. Und immer wieder war es Reus, dem etwas Sinnvolles einfiel: Erst setzte er Mesut Özil in Szene, der kläglich vergab (23.), Sekunden später zwang er Schlussmann Michalis Sifakis selbst zu einer Glanztat, dann steckte er zu Klose durch, der am Ball verbeirutschte (24.). Und als er persönlich auch die vierte Chance binnen zwei Minuten vergeben hatte, riss es Löw so von den Sitzen, dass er für einige Sekunden den Innenraum verließ. Er musste offenbar kurz durchschnaufen. Denn neben „Geduld“ hatte er ein weiteres Schlagwort ausgegeben: „Chancenverwertung“.
Er hätte seinen Spielern wohl in der Pause die Ohren langgezogen, wenn nicht der Kapitän selbst es übernommen hätte, den Chef zu besänftigen. In der 39. Minute bekam Philipp Lahm den Ball links zugespielt, sah sich zwei ungewöhnlich zögerlichen Griechen gegenüber und machte das, was gegen Abwehrbollwerke oft am besten hilft: schießen. Etwas flatterig und ziemlich haltbar fand der Ball seinen Weg ins rechte Toreck.
Joachim Löw sah an der Seitenlinie aus, als hätte Aphrodite, die Göttin der Schönheit und der Liebe, ihn geküsst. Zehn Minuten nach Wiederanpfiff waren die Wonnen verflogen. Denn statt die Entscheidung zu erzwingen, verzettelten sich die Deutschen in Kleinspielerei. Die Quittung: Nach einem Ballverlust von Andre Schürrle rannte der 32-Jährige Theofanis Gekas der gesamten deutschen Abwehr davon, in der Mitte konnte auch Jerome Boateng keinen Raumgewinn gegen Samaras verbuchen, und der schob die Flanke des ehemaligen Bundesligaprofis zum Ausgleich ein.
Bevor Löw allerdings Boateng ausreichend rügen konnte, machte der seinen Fehler wieder gut. Er flankte von rechts, zentral eilte Khedira herbei und ließ mit einem sehenswerten Scherenschlag Sifakis keine Abwehrchance (61.).
Damit ersparte er seinem Team eine ähnliche Geduldsprobe wie in der ersten Halbzeit. Denn nun war der Bann gebrochen. Sechs Minuten später köpfte Klose einen Freistoß von Özil zum 3:1 ein (67.), und in der 74. Minute donnerte Reus einen abgewehrten Ball so wuchtig unter die Latte, dass es bis in den Oberring hinauf schepperte. Dass Schiedsrichter Skomina kurz vor Ende noch auf Strafstoß für die Griechen entschied, weil Boateng ein Schuss aus nächster Nähe an die Hand sprang, darf wohl eher als Reminiszenz an faire Verlierer gedeutet werden. Dimitris Salpingidis verwandelte und setzte damit den Schlusspunkt.

