Cristiano Ronaldo ließ lange auf sich warten, und er erschien, Ehrensache, mit neuer Frisur. Die Puskas-Gedenktolle aus dem Spiel hatte er gegen seinen zweiten EM-Schnitt eingetauscht, den Mini-Irokesen. Beide Varianten könnten bald Einzug in die Ruhmeshalle des Fußballs halten, denn der portugiesische Beau ist dabei, ein derart dominantes Turnier abzuliefern, wie das schon lange kein einzelner Spieler getan hat. Vielleicht zuletzt sein Namensvetter, der brasilianische Stürmer Ronaldo, mit seinen acht Toren bei der WM 2002.

"Wir behalten die Beine auf dem Boden"

Ronaldo, Cristiano, kam also frisch gestriegelt aus der Kabine und scharte sofort die übliche Heerschar von Neugierigen um sich. Staatsmännisch formulierte der Offensivspieler nach dem hoch verdienten 1:0 (0:0) gegen Tschechien die Essenz des Abends. „Wir haben eine weitere Etappe geschafft. Die Hoffnung ist groß, aber wir behalten die Beine auf dem Boden. Das Ziel ist das Finale.“ Dann ging er von dannen, ein sanftes Lächeln im Gesicht.

Breitseite nach Argentinien

Einmal hat sich Ronaldo bei der EM zu etwas pointierten Äußerungen hinreißen lassen, als er nach seinem besorgniserregenden Auftritt gegen Dänemark und verhöhnenden „Messi“-Rufen von der Tribüne eine Breitseite nach Argentinien schickte: „Wo war Messi denn zu diesem Zeitpunkt bei der Copa America? Ausgeschieden!“ Jetzt, da er tatsächlich weiter gekommen ist als vor einem Jahr sein Rivale um den individuellen Lorbeer des Weltfußballs (Viertelfinale), genießt und schweigt er. Ronaldo spricht jetzt lieber auf dem Platz.

Neun Chancen, ein Tor

Das Viertelfinale gegen Tschechien jedenfalls war einseitig. Zugunsten Portugals, klar, aber vor allem zu seinen Gunsten. Nach einer holprigen Anfangsphase wurde das Spiel zum Privatduell von „CR7“ mit dem Tor. Freistöße, Fernschüsse, Fallrückzieher. Kopfbälle, Alleingänge, Direktabnahmen. Neun Chancen verzeichnete die Spielstatistik allein für ihn, zwei Pfostenschüsse inklusive. Die letzte Möglichkeit, ein Kopfballaufsetzer in der 79. Minute, beförderte Portugal dann ins Halbfinale. Cristiano Ronaldo war der entscheidende Mann.

Leichter für die ganze Mannschaft

„Wenn ein Spieler wie er in so einer Form ist, dann macht es das für die ganze Mannschaft leichter“, sagte Hugo Almeida, der nach der Verletzung von Helder Postiga eingewechselt worden war und auch im Halbfinale den Rammbock im Sturmzentrum geben dürfte. Getreu dem Einmaleins des Trainer-Lateins verteilte Paulo Bento an ihn ein Sonderlob: „Er kam kalt rein, legte außergewöhnlichen Einsatz an den Tag und zeigte, dass wir auf ihn zählen können.“ Die schwächsten Glieder in der Mannschaftskette haben Zuspruch und Schutz nötig, nicht die stärksten. Bento hatte auch schon Ronaldo gelobt, als der nach zwei Spielen am Boden lag, diesmal gab es eine Standardfloskel: „Ich rede nicht über die Leistungen einzelner Spieler.“

Seelenlose Schnöseltruppe

Der Öffentlichkeit einen schönen Satz über den Turnierheroen oder auch über seine zum Geheimfavoriten avancierte Elf zu schenken, war Bento jedenfalls eindeutig kein Anliegen. Er ist immer noch eher knurrig gestimmt, weil seine Mannschaft vor Turnierbeginn von einigen heimischen Experten und Medien als seelenlose Schnöseltruppe hingestellt worden war. „Dieser Sieg ist eine Belohnung für eine Gruppe von Spielern, die hart arbeiten und dem Trikot von Portugal zu Würde und Ehre gereichen“, trat er dezent, aber eindeutig gegen die Nörgler nach.

Skeptiker und Gurus sind beeindruckt

Aber die Kritik ist inzwischen sowieso verstummt. Wie sich Portugal nach dem unglücklichen 0:1 zum Auftakt gegen Deutschland ins Turnier zurückgekämpft hat, beeindruckt Skeptiker, Gurus und Ex-Gurus gleichermaßen. Ronaldos Siegtreffer wurde auf der Warschauer Ehrentribüne von den Vorgängeridolen Luis Figo und Eusebio bejubelt, der „schwarze Panther“ zeigte sich erfreulich gut erholt von den schweren gesundheitlichen Problemen, die ihn vor einigen Monaten mehrmals auf die Intensivstation gezwungen hatten.

Diese Gruppe ist besonders

Ein anderer Star der Vergangenheit fungiert mittlerweile als Sportdirektor der portugiesischen Delegation. Joao Pinto, der kleine Stürmer und frühe Vertreter der brillanten, aber titellos gebliebenen „Goldenen Generation“ um Figo und Rui Costa, wirkte fast beseelt, als er in den Katakomben des polnischen Nationalstadions über die weiteren Aussichten referierte. „Portugal ist ein kleines Land, das trotzdem immer gute Spieler hat. Aber diese Gruppe ist besonders, sie ist immer auf das Wesentliche fokussiert. Hoffentlich kann sie die wahre Goldene Generation werden.“

Ronaldos optimal in Szene setzen

Zwei Siege fehlen dazu noch für ein Team, das jedenfalls schon mal die Generation von Ronaldo ist. Pepe, Joao Moutinho, Raul Meireles, Nani – die weiteren Schlüsselspieler sind in etwa gleich alt wie der 27-Jährige. Bento hat es geschafft, ihnen einen direkten, fast britischen Spielstil zu verordnen, der die Qualitäten Ronaldos optimal in Szene setzt.

Nach vielen Enttäuschungen bei vergangenen Turnieren, nach einem schlimmen Beginn hier, entfaltet „CR7“ endlich auch für Portugal den ganzen Glanz der Karriere in seinen Klubs. „Glaubt weiter, so wie wir weiter glauben“, forderte Torvorbereiter Moutinho seine Landsleute auf. Mit so einem Ronaldo sollte das nicht schwer fallen.