Am Ende strahlte sogar der, den sie in Portugal den „Mann, der nie lächelt“ nennen. Paulo Bento ist Trainer ihrer Nationalmannschaft und hatte nach dem Treffer von Cristiano Ronaldo zum 1:0 (0:0) im Viertelfinale über tapfer kämpfende Tschechen allen Grund zur Zufriedenheit. Über das Ergebnis und den damit verbundenen Einzug ins Halbfinale am Mittwoch in Donezk gegen Spanien oder Frankreich wohlgemerkt. Weite Teile des Spiels seiner Mannschaft dürften ihn deutlich weniger erheitert haben.
Nachdem Superstar Ronaldo erst gegen die Niederlande und mit 180 Minuten Verspätung ins Turnier gestartet war, lasteten auch im Spiel gegen Tschechien die Hoffnungen seiner Mannschaft auf ihm. Spätestens nach einer Viertelstunde war klar, dass Hoffnungen in dieser Partie gleichbedeutend mit alleiniger Verantwortung waren. Keine Offensiv-Aktion des EM-Zweiten von 2004 lief am 94-Millionen-Euro-Mann von Real Madrid vorbei. Er spurtete, er passte, er forderte jeden Ball. Wurde es gefährlich für den Kasten von Tschechiens Keeper Petr Cech, hatte er auch geschossen. Die drei einzigen Chancen des ersten Durchgangs waren ein Ronaldo-Fallrückzieher (33.), ein Ronaldo-Freistoß (35.) und ein Ronaldo-Pfostenschuss (45.). „Wir hatten viele Chancen und haben uns als großartige Einheit präsentiert“, sagte Ronaldo nach dem Schlusspfiff: „Ich kann dem ganzen Team nur zu dem gratulieren, was wir hier erreicht haben.“
Wie ein Rumpelstilzchen
Die übrigen Portugiesen trauten sich entweder nicht oder waren bei ihren Gegenspielern bestens aufgehoben. Als einer von ihnen einen Fehlpass in Richtung Ronaldo, dessen Aktionen nicht nur von den tschechischen Anhängern mit Pfiffen begleitet wurden, spielte, tobte dieser wie ein Rumpelstilzchen vor Enttäuschung. Sein Trainer Bento befand: „Die ersten 25 Minuten waren sehr anstrengend. Danach haben wir uns hervorragend auf das Spiel der Tschechen eingestellt und sie klar dominiert. Deswegen sind wir der verdiente Sieger. Natürlich wollen wir jetzt auch gegen Frankreich oder Spanien gewinnen und in das Endspiel einziehen.“
Die Tschechen vertrauten ihrerseits darauf, dass es so laufen würde wie bei dem Aufeinandertreffen vor 16 Jahren in Birmingham. Auch da standen sich beide Teams in einem EM-Viertelfinale gegenüber. Und auch da waren die technisch brillanten Portugiesen um Luis Figo, der die Partie in Warschau gemeinsam mit Nationalheld Eusebio von der Ehrentribüne aus verfolgte, der klare Favorit und hatten deutlich mehr Spielanteile. Am Ende siegte jedoch Tschechien dank eines sehenswerten Lupfers von Rekordnationalspieler Karel Poborsky mit 1:0 und stürmte am Ende sogar bis ins Finale gegen Deutschland. Doch Poborsky war in Warschau nirgends zu entdecken.
Tomas Rosicky übrigens auch nicht, zumindest nicht auf dem Feld. Der tschechische Spielmacher und Kapitän fehlte wegen einer Entzündung an der Achillessehne. An seiner Stelle bot Coach Michal Bilek den 20 Jahre alten Vladimir Darida auf. Der bestritt sein drittes Länderspiel zwar bemüht – an die Klasse Rosickys reichte er freilich nicht heran. Entsprechend holprig verlief der Spielaufbau der Tschechen, die beste Szene war ein Sololauf von Außenstürmer Vaclav Pilar (60.). „Wir sind sehr enttäuscht“, meinte Bilek: „Wir wollten unseren Traum vom Halbfinale unbedingt erreichen. Aber heute war unser Gegner stärker. Unter dem Strich war es ein gutes Turnier für uns.“
Die Kugel per Aufsetzer unter die Latte
Erst als die Portugiesen nach dem Seitenwechsel variabler spielten, entwickelte sich eine unterhaltsame Partie. Den Anfang machte der frühere Bremer Hugo Almeida (46.), der nach einer Verletzung Helder Postigas am Ende der ersten Halbzeit zu seinem Turnierdebüt kam. Es folgten ein weiterer Pfostentreffer von Ronaldo (49.) sowie Distanzschüsse von Nani (58.) und dem starken Joao Moutinho (64.), die Cech jeweils mit Mühe abwehren konnte. Eine Viertelstunde vor Schluss hatte der Chelsea-Schlussmann Glück, dass Nani aus aussichtsreicher Position über den Kasten schoss (74.).
Gegen den wuchtigen Kopfball von Ronaldo – wem sonst? – war er kurze Zeit später allerdings machtlos. Nach Flanke von Moutinho flog der portugiesische Alleinunterhalter heran und drückte die Kugel per Aufsetzer unter die Latte (79.). „Er hat die entscheidenden Tore in den letzten zwei Spielen geschossen, aber er hat eine Mannschaft hinter sich, deshalb hat er auch das Glück“, sagte Nani.
Ronaldos Torjubel war die Erleichterung darüber, endlich getroffen zu haben, deutlich anzumerken. Nachdem sich die Traube der feiernden Portugiesen aufgelöst hatte, verharrte der 27-Jährige sekundenlang mit weit ausgebreiteten Armen. Seht her, ihr Kritiker – sagten seine Augen. „Dieser Treffer hat unser Genick gebrochen“, sagte Bilek im Anschluss: „Spieler mit der Klasse von Nani oder Ronaldo kann man über die komplette Distanz nicht ausschalten.“
Tschechen schwanden die Kräfte
In den verbleibenden Minuten verwalteten die Portugiesen ihren Vorsprung, ohne nennenswert in Gefahr zu geraten. Auch Torwart Cechs Ausflug in den gegnerischen Strafraum kurz vor Schluss konnte daran nichts ändern. Den Tschechen fehlten nicht nur die spielerischen Mittel, um die kompakte Defensive der Iberer zu knacken, sondern, so schien es, auch die nötigen Kräfte nach vier Spielen in 13 Tagen. „In der zweiten Halbzeit haben wir Energie und Ordnung verloren, und Portugal konnte häufiger durchstoßen“, analysierte Bilek und machte gute Miene zum schwachen Spiel: „Wenn mir jemand vor zweieinhalb Jahren gesagt hätte, wir würden ins Viertelfinale der EM einziehen, hätte ich ihm nicht geglaubt.“

