Als vor 180 Jahren polnische Aufständische in der November-Revolution Teile der heutigen Ukraine, Litauens und den Westen Weißrusslands eroberten, hatten sie eine Hymne, die sie in jede Schlacht geführt hat: die Warszawianka. Auch heute begleitet sie noch eine Art Revolution, wenngleich die anno 2012 ohne Blutvergießen und Kriegsgeheul abläuft. Das Hotel, in dem die Griechen sich auf die nächste EM-Überraschung im Viertelfinale am heutigen Freitag gegen Deutschland (20.45 Uhr, ZDF, HIER im Live-Ticker von Morgenpost Online) vorbereiten, ist nach der Warszawianka benannt, und wer die Südeuropäer so reden hört im Vorfeld dieser Partie, entdeckt darin durchaus den Glauben an einen neuerlichen Aufstand gegen die Großen.

„Wir spielen nicht für uns, sondern für alle Griechen“, sagt etwa Angreifer Georgios Samaras kämpferisch. Sein Team-Kollege, der Schalker Kyriakos Papadopoulos behauptet gar: „Wir haben alle unsere Ziele erreicht. Ab jetzt haben wir nichts mehr zu verlieren.“

Die Revolutionäre von 1831 hätten es nicht besser sagen können. Während sie damals unter freiem Himmel nächtigten, bewohnen ihre balltretenden Nachfolger ein Vier-Sterne-Hotel im Norden Warschaus. Zimmerpreis: Zwischen 75 und 95 Euro pro Nacht. Von weiträumiger Abschottung wie bei anderen Teams kann dabei keine Rede sein. Während etwa die Spanier oder die Engländer jeweils das komplette Gelände ihrer Herberge für sich allein gebucht haben, wohnen im Hotel Warszawianka neben der griechischen Reisegruppe noch zahlreiche Urlauber aus dem Umland. Auch einige Journalisten schummelten sich unter die Gäste und berichteten vom oft rauchenden Trainer Fernando Santos, von Spielern, die gelangweilt vor dem Fernseher hingen und von unzähligen Mücken, die die Hotelgäste nachts heimsuchen.

Mückenplage im Hotel

Vor allem die deutschen Berichterstatter, die die Griechen seit Wochenanfang aus ihrer Ruhe gerissen haben, dichteten daraus schnell das Märchen vom Billig-Trip der Pleite-Fußballer. In Wahrheit jedoch wohnen noch weit mehr Teams in Herbergen, die lediglich mit vier und nicht mit fünf Sternen ausgezeichnet sind, etwa die Portugiesen oder die Italiener. Vielmehr war die griechische Planung wohl eigenen Erwartung geschuldet, ohnehin nach der Vorrunde heimfahren zu müssen. Mittelfeld-Mann Giannis Maniatis legte seinen Hochzeits-Termin auf den 1.Juli – den Tag des EM-Finals. So koordiniert niemand seine Termine, der mit der zweiten großen Sensation nach 2004 rechnet.

Doch nun stehen sie immerhin im Viertelfinale und treffen dort auch noch auf Deutschland, den größten Kontrahenten auf der politischen Landkarte. Euro oder Drachme, Rettungsschirm oder Staatsbankrott – im Vorfeld mussten die Protagonisten so wenig über Fußball reden wie selten in ihrer Karriere. Das nervt sie zunehmend. „Wir können Fußball nicht mit Politik vergleichen, so einfach ist das“, sagte etwa Stürmer Samaras bestimmt und bat darum, fortan bitteschön nur noch nach dem Viertelfinale gefragt zu werden.

Der Profi von Celtic Glasgow, der seine beeindruckende Mähne vor jedem Spiel mit Schuhcreme in Form bringen soll, ist einer der ganz wenigen Leistungsträger in der Elf des Weltranglisten-15., die noch nie für eine deutsche Mannschaft gespielt haben. Die übrigen sind allesamt bestens aus der Bundesliga bekannt. Der Schalker Kyriakos Papadopoulos und Sokratis Papastathopoulos von Werder Bremen rühren als Innenverteidiger den berüchtigten Abwehr-Beton an. Daneben steht Giorgos Tzavellas, der zuletzt zwar an den AS Monaco ausgeliehen war, nominell aber bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag steht. Im Mittelfeld sorgt der FCK-Profi Konstantinos Fortounis für Ordnung und vorne vollstreckt ein ehemaliger Bundesliga-Torschützenkönig. Obwohl der frühere Bochumer, Leverkusener, Herthaner und Frankfurter Theofanis Gekas inzwischen in die Türkei nach Samsunspor abgewandert ist, kann man sagen, dass Griechenlands Fußball noch nie so deutsch war. Und dass, obwohl der Nachfolger von Otto Rehhagel ein Portugiese ist und auch sonst wenig Gemeinsamkeiten mit seinem Vorgänger aus Essen erkennt: „Ich mag solche Vergleiche nicht. Jeder Coach hat seine eigene Philosophie“, betont Fernando Santos immer wieder – und zwar in flüssigem Griechisch. Er hatte zuvor nämlich schon drei griechische Klubs betreut und war während dieser Zeit viermal zum „Trainer des Jahres“ gekürt worden.

„Durch die vielen Bundesliga-Spieler wissen wir, wie Deutschland spielt. Das kann ein Vorteil sein“, sagte hingegen der Schalker Papadopoulos forsch bei einer der Pressekonferenzen. Die finden in einer Turnhalle statt, der Arena Legionowo. Während beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) jede Regung auf dem Podium in Sopot live ins deutsche Fernsehen übertragen wird, verlieren sich in der düsteren Arena gerade einmal drei Dutzend griechische Journalisten. Wegen der Finanzkrise haben nur wenige von ihnen die Dienstreise nach Osteuropa angetreten, heißt es.

Rein darf, wer vorbeikommt

Und noch einen großen Unterschied gibt es im Vergleich mit dem Viertelfinal-Gegner: Das deutsche Pressezentrum liegt weit außerhalb und ist streng bewacht. Die Arena Legionowo kann jeder betreten, der gerade vorbeikommt. Einlasskontrollen gibt es nicht. Die kleine DFB-Bühne in Sopot wird eingerahmt von allerhand Werbebannern, Sponsorengeschenken und PR-Klimbim, einmal hat sogar ein Sternekoch das Kommando in der Küche übernommen und Lachs auf asiatische Weise zubereitet. In Griechenland halten sie derlei Schmeicheleien nicht für nötig. Der Verband hat einen kleinen Teller trockener Kekse und ein paar Flaschen warmes Mineralwasser bereitgestellt. Kritische Presse haben sie nach diesem Turnier ohnehin nicht zu befürchten.