Nein, Bundeskanzlerin zu sein, das macht keinen Spaß in diesen Tagen. Von einem Krisenherd zum nächsten rennt Angela Merkel, und ihre Siebenmeilenstiefel können gar nicht groß genug sein, um all die Schwelbrände auszutreten, die überall auf der Welt auflodern. Selbst zum Fußball kann die erste Frau im Staate nicht mehr entspannt reisen. Was waren das noch für schöne Zeiten, als sie bei deutschen Länderspielen nahezu unbehelligt auf der Vip-Tribüne sitzen und sich freuen konnte wie eine Pennälerin beim Justin-Bieber-Konzert. Damals war ihr einziges Problem, den damaligen DFB-Präsident Theo Zwanziger in Schach zu halten, der sich bei jedem Tor glückselig auf sie stürzte.
Und jetzt: Griechenland. Fast wirkt es wie ein makabrer Scherz, den der Fußballgott sich da erlaubt hat, als er Deutschland und die Griechen im Viertelfinale der Europameisterschaft zusammenführte (20.45 Uhr, ZDF live) zum Duell der Hauptdarsteller der europäischen Finanzkrise. Arm gegen reich, Gepeinigter gegen Peiniger heißt es jetzt. Es hätten die Russen, die Tschechen oder die Polen aus Gruppe A kommen können. Aber nein, es mussten ja unbedingt die Griechen sein. Gäbe es ein „Gefällt mir nicht“-Button im Leben, Angela Merkel hätte ihn bestimmt gedrückt.
Merkel verschiebt Gipfeltreffen
Sie hatte es sich so schön ausgemalt, als sie beschloss, zum ersten K.o.-Spiel der deutschen Mannschaft zu reisen. Sogar ein Treffen mit den Regierungschefs aus Italien, Spanien und Frankreich hat sie dafür vorverlegen lassen. Denn ein Besuch bei den Elitekickern macht sich immer gut. Viel besser kommt sie da rüber als auf diesen ewig gleichen Gruppenfotos bei irgendwelchen Krisengipfeln, wo Angela Merkel mühsam lächelnd zwischen den Staatsoberhäuptern steht und jeder so aussieht, als ob er hinter seinem Rücken das große Fleischermesser verstecken würde. Beim Fußball aber konnte sie bislang nur gewinnen: Springt die Kanzlerin bei einem Tor auf, hüpfen die Sympathiewerte gleich mit in die Höhe. Jubelt sie aber am Freitag gegen Griechenland, brechen vermutlich sämtliche Börsen der Welt zusammen.
Längst ist die Bundeskanzlerin bei den Hellenen zum personifizierten Bösen mutiert, zur strengen Euro-Mutti, die den Griechen mit dem Rohrstock auf die Finger haut, wenn sie in den Zucker-, pardon, Rettungstopf greifen wollen. Das mag ungerecht sein, schließlich war es nicht Angela Merkel, die in Athen das Geld jahrelang zum Fenster rausgeworfen hat, sondern es waren die einheimischen Politiker. Aber was ist schon gerecht im Leben?
Nun also kommt der Euro zur Euro. Zwar werden halbherzige Versuche unternommen, das Politische vom Sport fernzuhalten. Doch das ist leider vergebens, auch wenn Vizeregierungssprecher Georg Streiter am Mittwoch aufklärte: „Es handelt sich um ein Fußballspiel, da geht es ausschließlich um Sport.“
Da hatten Griechenlands Medien allerdings längst angefangen, um die schönste Anti-Merkel-Schlagzeile zu konkurrieren. „Bringt uns Merkel“ („Goal News“) liegt derzeit knapp vor „Deine Schuldner haben sich qualifiziert. Angela, mach Dich bereit“ („Sport Day“).
Doch auch in Deutschland patrouilliert derzeit die Floskelpolizei über die Boulevards, und würde sie für jedes Wortspiel zum Thema drei Euro für das Phrasenschwein einziehen, wäre Griechenland vermutlich schuldenfrei. „DFB-Team plant Rauswurf Griechenlands aus der EURO-Zone“, kalauerte beispielsweise der Sportinformationsdienst. Nationalspieler Thomas Müller wurde jüngst sogar gefragt, ob im deutschen Team Griechenland-Witze verboten seien. Nein, sagte er, und spontan taucht Lukas Podolski vor unserem geistigen Auge auf, der Philipp Lahm ins Ohr flüstert: „Weißt Du, warum die Griechen nicht mehr grillen können? Sie haben keine Kohle mehr.“
Angesichts der politischen Diskussionen fällt es schwer, sich auf das Sportliche zu konzentrieren. Zumal die Mannschaft von Trainer Fernando Santos (ein Portugiese übrigens) als Leichtgewicht des europäischen Fußballs gilt: Defensiv stark, aber nach vorn geht wenig. Und dann fällt in Georgios Karagounis auch noch der beste Mann gesperrt aus (zweite Verwarnung beim 1:0 im Gruppenspiel gegen Russland). Was ihn übrigens nicht davon abhielt, trotzdem seinen Sermon zum Spiel beizusteuern: „Ich habe das Gefühl, dass die Deutschen unsere Würde verletzten wollen.“
Dass würde Bundestrainer Joachim Löw vermutlich etwas anders formulieren. „Die Griechen haben bei dieser EM aus drei Chancen drei Tore gemacht“, hat er analysiert. Dass daraus aber bitte bloß keiner ablese, dass die deutsche Mannschaft nun ein Freilos habe: „Gegen Teams, die extrem defensiv stehen, ist es schwer zu spielen. Da brauchst du viel Geduld.“
Löw fordert viel Geduld
Wie auch Angela Merkel. In Griechenland wird es sehr genau registriert werden, wie sie sich gibt bei diesem sensiblen Spiel. Und auch in Deutschland wird schon geklappert, dass sich die D-Mark im Grabe umdreht. Die „Bild“ hat sogar einen eigenen Spion in das Mannschaftshotel der Griechen eingeschleust. Der vermeldete dann exklusiv, dass die Griechen gern fluchen und Kaffee trinken. Und dass ihr Trainer Fernando Santos Kette raucht. Der Portugiese hat übrigens auch nicht gerade zur Entspannung der Lage beigetragen, als er den Viertelfinalgegner wissen ließ: „Gegen uns müssen sie Blut spucken, um uns zu besiegen.“
Angesichts der latenten Überreiztheit rund um dieses Viertelfinale kommen wir nicht umhin zu denken: Es wird Zeit für den Anpfiff.



