Euro 2012

Schiedsrichter-Fehler ebnet Technik den Weg

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Simon Pausch

Foto: Getty

Das nicht erkannte Tor der Ukraine war wohl der schwerste Torrichter-Fehler dieser EM. Jetzt wird neu über Technik-Einsatz diskutiert.

Agricola von Bologna war ein mutiger Mann. Als im Jahr 300 die Christen im Römischen Reich verfolgt und Tausende von ihnen blutig niedergemetzelt wurden, bekehrte der Adelige seine Bediensteten zum Katholizismus und schenkte ihnen die Freiheit. Kaiser Diokletian ließ ihn daraufhin im römischen Amphitheater kreuzigen. Bis heute wird Agricola als Heiliger und Märtyrer verehrt, jedes Jahr findet am 4. November eine Gedenkfeier in seiner Kirche in Bologna statt. 1712 Jahre später kommt er noch auf gänzlich unerwartetem Weg zu weiterem Ruhm: Die Trainingseinheiten der Schiedsrichter bei diesem Turnier finden im nach ihm benannten Agrykola-Stadion in Warschau statt.

Fragen werden bohrender

Mut ist ein gutes Leitmotiv für die Schiedsrichter auf ihrem weiteren Weg durch das EM-Turnier, ein bisschen Tapferkeit kann auch nicht schaden. Denn die Fragen nach ihren Leistungen werden bohrender nach dem neuerlichen Lapsus des ungarischen Unparteiischen Viktor Kassai im Spiel zwischen der Ukraine und England, als er und seine zahlreichen Assistenten einen klaren Treffer nicht anerkannten. Ein Fernschuss von Marko Devic senkte sich über Schlussmann Joe Hart hinweg an die Unterkante der Latte. Von dort prallte er deutlich erkennbar hinter der Linie auf den Boden, bevor ihn John Terry zurück ins Feld drosch. Sowohl der Linienrichter, als auch der erstmals bei diesem Turnier eingesetzte Torrichter hatten freie Sicht auf die Kugel. Doch Kassais Pfeife blieb stumm.

Entscheidung fällt im Juli

Eine halbe Stunde später hatten die Gastgeber mit 0:1 verloren und waren ausgeschieden. Ihr Trainer Oleg Blochin schimpfte: „Sie haben uns ein Tor gestohlen.“ Und die Zeitung „Segodna“ spöttelte: „Bei der Euro 2012 hat es fünf Schiedsrichter. Wie viele braucht es, um ein Spiel korrekt zu pfeifen?“ Die Antwort darauf gibt am nächsten Tag Pierluigi Collina. Der Schiedsrichter-Chef der Uefa ist der Einzige seiner Abteilung, der während der EM reden darf. Die zwölf Referees sind während des Turniers zum Schweigen verpflichtet. „Die Uefa betreibt dieses Experiment seit drei Jahren“, sagte Collina: „Wir finden, es ist ein großer Erfolg.“

Maulkorb zum Schutz

Den Maulkorb für die Unparteiischen hatte er seinerzeit damit begründet, sie schützen zu wollen. Wie genau es der frühere Weltklasse-Schiedsrichter mit dem Schutz seines EM-Dutzends nimmt, zeigte sich am ersten spielfreien Tag des Turniers. Kassai und der Ergoldinger Wolfgang Stark könnten heim fahren, teilte Collina mit: „Sie gehören zu den vier Schiedsrichtern, für die das Turnier nach der Vorrunde beendet ist.“ Geht es nach Kroatiens Trainer Slaven Bilic, hatte Stark sich schon zuvor eine Auszeit gegönnt. In der Partie gegen Spanien übersah das deutsche Schiedsrichter-Gespann ein Foul im Strafraum des Titelverteidigers und verweigerte den Kroaten einen Elfmeter. Bilic nannte ihn anschließend einen „Blindfisch“.

Stark wird nach Hause geschickt

Statt sich schützend vor sie zu stellen, strafte die Uefa beide nachträglich ab. Kassai habe im Spiel zwischen England und der Ukraine einen folgenschweren Fehler begangen, begründete Collina: „Es wäre nicht leicht gewesen, ihn bei diesem Turnier noch einmal einzusetzen.“ Wolfgang Stark wurde neben seinen durchwachsenen Leistungen wohl auch zum Verhängnis, dass die deutsche Mannschaft noch im Turnier vertreten ist. Andererseits darf der Brite Howard Webb bleiben, leitet sogar das Viertelfinale zwischen Tschechien und Portugal am Donnerstag. Ihn hatte Bilic nach dem Remis gegen Italien ebenfalls kritisiert.

Fragwürdige Quotenregelung

Diskussionen über die Schiedsrichter gehören zu Fußball-Turnieren wie pompöse Eröffnungsfeiern. Bei der vergangenen Weltmeisterschaft empörten sich die Experten über Referees aus Paraguay, Mali oder Saudi-Arabien, die aus dem Ligabetrieb ein deutlich geringeres Spieltempo gewohnt sind und deswegen regelmäßig überfordert waren. Aufgrund einer fragwürdigen Quotenregelung waren jedoch auch winzige Verbände berechtigt, Schiedsrichter zur WM zu schicken, das Finale leitete der Usbeke Rawschan Irmatow. Diese Probleme sollten bei dieser EM endlich der Vergangenheit angehören.

Erfolgsquote von 95,7 Prozent

Die Unparteiischen bekamen so viel Verstärkung an die Seite gestellt wie noch nie bei einer EM. Insgesamt sechs Offizielle begleiten eine Partie, neben dem Haupt-Schiedsrichter zwei Linien und zwei Tor-Richter sowie ein vierter Referee, der für Ordnung in den Coaching Zonen sorgen soll. „Wir sind sehr zufrieden und glücklich mit ihren bisherigen Leistungen“, sagte Collina. 95,7 Prozent der getroffenen Entscheidungen seien korrekt gewesen: „So eine Erfolgsquote erreicht kein Stürmer und kein Spielmacher.“

Torlinien-Technologie wird diskutiert

Das ist die eine Wahrheit. Die andere lautet: Den Unparteiischen sind 13 Fehler unterlaufen, darunter folgenschwere wie aberkannte Tore, Irrtümer bei Abseitsstellungen und unberechtigte Verwarnungen, die im Falle von Griechenland zu zwei lächerlichen Sperren (Giorgos Karagounis und Sokratis Papastathopoulos) geführt haben. Vor allem die Torrichter stehen spätestens seit dem Aus der Ukraine in der Kritik. „Es war der erste Fehler dieser Art in mehr als 1000 Spielen, seit denen dieses Experiment läuft“, meinte Collina: „Ich hoffe nicht, dass dies den positiven Eindruck verwischt.“ Am 5. Juli entscheidet das International Football Board Ifab über den Einsatz der Torlinien-Technologie und somit auch ihre Zukunft. Zumindest eine Erweiterung von deren Kompetenz erhofft sich Collina. Derzeit dürfen sie ihre Entscheidungen nicht einmal mit Gesten, geschweige denn mit Flaggen oder Pfeifen kommunizieren. Einzig über das Headset kann der Torrichter Kontakt mit dem Hauptschiedsrichter aufnehmen – für Spieler und Zuschauer entsteht so der Eindruck eines tatenlos neben dem Tor herumstehenden Mannes.

Spezielle Trainingsübung

Eine der Übungen im Agrykola-Stadion war extra für die Torrichter entworfen. Jugendspieler schossen und warfen Bälle auf das Tor, ein Torwart hechtete ihnen hinterher. Der Mann an der Linie musste entscheiden, ob die Kugel die Linie überschritten hatte oder nicht. Alles wurde von einer Videokamera aufgezeichnet, alle zehn Minuten wurden die Bilder auf einem großen Bildschirm ausgewertet. Die Erfolgsquote wurde natürlich nicht verraten. Die der Kamera dürfte jedoch über 95,7 Prozent gelegen haben.