Euro 2012

EM-Favorit Spanien ist am Ende der Leichtigkeit

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Florian Haupt

Eine europäische Mannschaft konnte noch nie in Serie drei große Titel gewinnen. Der Turnier-Favorit Spanien erfährt gerade, warum.

Vicente del Bosques Blick hatte nicht die übliche Milde. Spaniens Nationaltrainer schaute entschlossen in die Runde, kein Lächeln umspielte seinen Mund. Er war gekommen, um eine Botschaft loszuwerden. „Heute Nacht habe ich mir das Spiel gegen Kroatien noch mal angeschaut. Alle sagen, wir hätten viel gelitten. Ich bin jetzt etwas anderer Meinung. Dieser ganze Pessimismus ist unangebracht.“

Kritik an der Kritik

Es war eine Kritik an der Kritik – der an ihm wie an der gesamten Mannschaft. Del Bosque hatte schließlich nicht nur das Spiel noch mal gesehen, das Spanien mit einem knappen 1:0 als Gruppensieger für das Viertelfinale qualifizierte, er kannte auch die Reaktionen von Fans und Medien. Mit vielen von ihnen wurde er am Dienstag im spanischen Teamquartier von Gniewino noch mal direkt konfrontiert. Dass die Anhänger mehr echte Stürmer wie Fernando Llorente auf dem Feld sehen wollen, dass die Doppel-Sechs aus Sergio Busquets und Xabi Alonso zu defensiv ist, dass Rechtverteidiger Álvaro Arbeloa im Kollektivspiel nicht vorkommt. Und, und, und. Kann man dieser „selección“ überhaupt noch vertrauen? Hat er Sorge, dass die Gegner die Angst vor Spanien verloren haben? Zum Ende des Verhörs hatte der Trainer genug gehört, um einmal grundsätzlich zu werden. „Wir leben in einer Epoche des Extremismus“, sagte er. „Alles ist gut oder schlecht. Sehr gut oder ganz schlecht. In der Mitte gibt es nichts. Aber ich denke, dieses Spiel war eines, das eine mittlere Bewertung verdient.“

Wie einst bei Real Madrid

Gleichgewicht ist immer der Schlüssel in der Arbeit von del Bosque gewesen. Taktisch, aber vor allem in der Menschenführung. So hat er einst schon die Galaktischen von Real Madrid domestiziert. Vor dieser EM nun warnte er seine Spieler und Landsleute ausführlich vor Übermut. Nach zwei eher dubiosen Darbietungen gegen Italien (defensiv) und Kroatien (offensiv) sieht er nun die Zeit gekommen, dem Fatalismus entgegenzutreten. „Bei uns ist man sehr schnell von arm auf reich gekommen“, sagte er und meinte die plötzliche Erfolgsverwöhntheit im Lande nach zuvor jahrzehntelangem Scheitern: „Wir wissen schon nicht mehr zu schätzen, was wir haben.“

Mannschaft braucht Zuspruch

Direkt nach dem zähen und sogar etwas glücklichen Sieg hatte allerdings auch del Bosque eine gewisse Unzufriedenheit eingeräumt und angedeutet, man werde in den nächsten Partien hoffentlich wieder „mehr wir selbst“ seien. Dass er seine Meinung über Nacht änderte, dürfte nicht nur einer anderen Auffassung des Spiels, sondern vor allem einer Neubewertung der Gesamtsituation geschuldet sein. Sein Gespür sagte ihm, dass die Mannschaft jetzt vor allem Zuspruch braucht. Probleme gibt es ja schon genug.

Puyols Ausfall macht Spanien "verletzlich"

Neben den zahllosen Debatten, die oft um Randthemen kreisen, betreffen sie auch die Herzstücke der Mannschaft. Zeremonienmeister Xavi wirkt überspielt. Dazu kommen die verletzungsbedingten Ausfälle von Torschützenkönig Villa und Abwehrchef Puyol. Vor allem der von Puyol wiegt schwer: Der fehlt nicht nur als Partner von Piqué in der Innenverteidigung (Ramos ist deutlich fehleranfälliger und fehlt jetzt seinerseits auf rechts, wo der offensiv limitierte Arbeloa tatsächlich oft minutenlang vergeblich auf einen Pass wartet), sondern auch als Antreiber. Als Kämpfer in einer Elf von Spielern, der alle phlegmatischen Tendenzen des Tiki Taka mit seinen Grätschen aufwiegen kann. „Verletzlich“ nannte Kroatiens Trainer Slaven Bilic das Spanien ohne Puyol.

"Es wird immer schwerer"

Wie schwer außerdem der Druck wiegt, als Topfavorit dieses Turniers zu Sieg und schönem Spiel verpflichtet zu sein, ließ sich ebenfalls gestern Mittag an den Worten von Andrés Iniesta erkennen. „Es wird immer schwerer“, sagte er angesichts taktisch immer besser auf die Spanier eingestellter Gegner. „Einen Titel zu verteidigen, ist das Schwierigste. Alles strengt sehr an.“ Dass sich seine Mannschaft irgendwie zu einem erfolgreichen Ende wurschtelte, war für den Mittelfeldspieler, einer der wenigen Spanier in Topform, die positive Erkenntnis: „Alle Mannschaften haben mal schlechte Momente. Ich halte mich daran, dass wir gerade an so einem Abend eine Runde weitergekommen sind.“

Endlich eine Turniermannschaft?

Im Deutschen gibt es für solche Fälle den Begriff von der Turniermannschaft. „Wir haben uns immer im Turnierverlauf gesteigert“, sagte Iniesta, aber die Beschwörung mentaler Stärke und die bloße Durchhalteparole liegen in so einem Fall nah beieinander. Die Spanier sind bei dieser EM bislang nicht die dominante Mannschaft, die jeder erwartet hatte. Wenn zum Überstehen der Gruppe eine Glanztat des Torwarts (Iker Casillas gegen einen Kopfball von Ivan Rakitic) und eine hilfreiche Schiedsrichterleistung (kein Elfmeter nach Foul von Ramos an Mandzukic) herhalten müssen, wenn ein Tor (in der 88. Minute durch Jesús Navas) nur gelingt, weil der Gegner am Ende völlig aufmacht – dann mag das für jedes andere Team trotzdem Grund genug sein, sich nach Spielschluss in die Arme zu fallen, wie del Bosque anmerkte. Aber Spanien ist eben kein normales Team. Es hat die Latte so hoch gesetzt, dass sie immer leichter gerissen werden kann. Als goldener und zunehmend verklärter Referenzpunkt gilt in Spanien nach wie vor die Europameisterschaft 2008, als eine junge Mannschaft ohne große Erwartungen zum ersten Titel seit 44 Jahren stürmte. Schon zwei Jahre später in Südafrika nahm die daraus abgeleitete Favoritenrolle der Mannschaft viel von ihrer Leichtigkeit. Spät am Spielabend, als ein infernalisches Gewitter über Danzig niederging, erinnerte daran auch der aus seinem Amt scheidende Bilic: „Die Leute vergessen, wie schwer es für Spanien war, die WM 2010 zu gewinnen. Und hier wird es wieder sehr schwer werden.“ Bilic sagte, er halte Spanien nach wie vor für die beste Mannschaft. „Aber vielleicht gibt es andere mit mehr Tempo, mehr Aggressivität, mehr Hunger.“

Sehnsucht, eine normale Mannschaft zu sein

So unverbraucht wie Spanien nicht mehr ist? Aber wohl am liebsten wäre. Ob bei del Bosque oder Iniesta – gestern in Gniewino spürte man die Sehnsucht, einfach wieder eine normale Mannschaft sein zu dürfen. Was immer diese EM noch bringt, die Spanier haben jetzt eine ziemlich deutliche Idee davon, warum es bislang noch keiner Mannschaft gelungen ist, drei große Turniere in Folge zu gewinnen.