EM 2012

Die Ukraine vertraut auf ihren General Oleg Blochin

Gegen England erwartet das Ko-Gastgeberland von Fußball-Legende Blochin den Einzug ins Viertelfinale. Schewtschenko droht das Aus.

Es war ein typischer Blochin, kein Ukrainer würde sich darüber wundern. So kennen sie ihn, ihren Nationaltrainer. Wenn Oleg Blochin (59) irgendetwas nicht passt, dann poltert er rum. „Ach was“, sagen sie, „dafür muss ihm nicht mal was nicht passen.“

Und so kann es für Außenstehende unterhaltsame Züge annehmen, wenn Blochin beginnt zu plaudern. Am vergangenen Freitag etwa, die Ukraine hatte gerade ihr zweites Vorrundenspiel gegen Frankreich verloren, da nahm er sich die Zuschauer vor.

Gepfiffen hatten sie nach dem 0:2 in Donezk. Und was nun sagte Blochin? Das sei mal wieder typisch, schimpfte er. „Wenn wir gewinnen wie zum Auftakt gegen Schweden, dann ist alles gut. Aber wenn wir verlieren, dann würden sie am liebsten alle erschießen.“

Dass sich Blochin im Vokabular vergriff, das war ihm herzlich egal – und seinen Landsleuten irgendwie auch. Blochin, der General, an dem so vieles an weit vergangene Zeiten erinnert, ist ein Grantler, sagen sie.

Aber Blochin bleibt Blochin, ihr Held, der seine größten Verdienste sammelte, als die Ukraine noch Teil der Sowjetunion war. Und wenn es jemand schafft, die Elf mit einem Sieg über England am Dienstag ins Viertelfinale zu führen, dann ja wohl Blochin. „Er weiß, wie England besiegt werden kann“, assistierte bereits Stürmer Marko Devic artig. „Wir alle vertrauen ihm.“

Drei große Namen: Lobanowski, Schewtschenko, Blochin

Wer über den ukrainischen Fußball redet, kommt an drei Namen nicht vorbei. An Waleri Lobanowski, dem Trainerguru, der einst Dynamo Kiew befehligte und die sowjetische Auswahl, sich später aber in den Wirren der neuen Ukraine zu Tode soff. An Andrej Schewtschenko, der einst für den AC Mailand und den FC Chelsea stürmte und nun mit 35 sein letztes großes Turnier spielt.

Und eben an Oleg Blochin, dem Angreifer, der es in den 1970er- und 1980er-Jahren mit so ziemlich jedem auf der Welt aufnehmen konnte. Und über den Franz Beckenbauer einmal sagte: „Der hatte alles, er war schnell im Kopf und schnell auf den Beinen. Er war ein Schlitzohr. Und dann hatte er noch eine exzellente Technik.“

Lobanowski, Blochin, Schewtschenko, alle drei hängen irgendwie zusammen. Der eine trainiert jetzt noch den anderen, und Lobanowski trainierte sie beide. Und weil Blochin nun wie einst Lobanowski als Trainer arbeitet, muss er sich immer wieder Vergleiche gefallen lassen. Er mag das nicht. „Ich war sein Spieler, nicht sein Co-Trainer. Ich bin kein Lobanowski-Schüler“, sagt er.

FC Bayern München wollte ihn holen

Wie sein Trainer denn funktioniere, wurde Schewtschenko einmal gefragt. Er sollte einen Einblick hinter die Fassade des Mannes geben, den sie früher „Floh“ nannten. Schewtschenko jedenfalls wand sich um die Antwort. Er sagte, er sei ein strenger, aber guter Trainer. Dass er seinen eigenen Stil habe. Und nein, unfreundlich sei er ganz und gar nicht. „Er ist ein herzlicher Mensch.“

Es gibt die Episode zweier Hamburger Filmemacherinnen. Als sie Anfang des Jahrtausends ihre Dokumentation „Dynamo Kiew“ über eben jene Mannschaft drehten, die 1975 im europäischen Supercup den FC Bayern München besiegte, da versuchten sie auch Blochin zu einem Interview zu bekommen. Es war ein schwieriges Unterfangen.

Erst als sie sagten, sie hätten ihm Aufnahmen der Spiele mitgebracht, da willigte er sofort ein und plauderte ganz ausführlich über seine Vergangenheit und über die drei Tore in den zwei Duellen (1:0, 2:0) um den Supercup 1975 – er wurde in jenem Jahr „Europas Fußballer des Jahres“ und im Westen zu einem der begehrtesten Akteure. Direkt nach dem Rückspiel in Kiew etwa kam die Offerte der Bayern. „Für ihn würden wir tief in die Tasche greifen“, hatte Trainer Dettmar Cramer gesagt.

Profisummen statt Verdienstmedaillen

Blochin aber blieb, auch weil er wusste, was das bedeutet hätte. Die Familie hätte emigrieren müssen, alle Verwandten, sonst wären die Konsequenzen weitreichender gewesen. Erst mit 35 wechselte er in den Westen, nach Steyr/Österreich und später nach Zypern. Es war das Ausklingen einer Karriere, in der er nun erstmals mit Profisummen entlohnt wurde. Davor waren es vaterländische Verdienstmedaillen, Vorkaufsrechte beim neuen Lada oder eine Plattenbauwohnung in Kiew gewesen.

Dass er danach Trainer wurde, „das lag auf der Hand“. Er tingelte durch die griechische Liga, führte danach die Ukraine ins Viertelfinale der WM 2006, schmiss hin, als die Qualifikation für die EM 2008 misslang und stand nun wieder parat, denn „bei so einer Aufgabe wie der EM im eigenen Land kannst du nicht ablehnen“. Das Überstehen der Gruppenphase müsse erstes Ziel sein. Alles andere seien Träume, und er sei kein Träumer.

Nun, so kurz vor dem finalen Vorrundenspiel gegen England, gibt Blochin wieder den Mystischen. In seiner Trainerkarriere hat er gelernt, „dass es nicht gut ist zu zeigen, wie es in mir aussieht“. So sind es vor allem Allgemeinplätze, die er bemüht. „Gegen England werden wir einen leidenschaftlichen Kampf bis zuletzt zeigen“, sagt er. Und dass es auf jeden Fall Änderungen in der Aufstellung geben werde. „Aber wer das genau sein wird? Militärisches Geheimnis!“

Sorgen um Schewtschenko

Klar ist immerhin, dass es um den Star der Mannschaft Sorgen gibt. Flüssigkeit im Knie hemmt die Bewegungen Schewtschenkos vor seinem möglicherweise letzten Länderspiel. In den beiden bisherigen EM-Partien gegen Schweden (2:1) und Frankreich (0:2) hatte er jeweils einen Schlag bekommen. Die Chancen auf einen Einsatz stünden bei „50:50“, berichtete Teamarzt Leonid Mironow im ukrainischen Fernsehen. „Ich denke, Andrej wird mit all seinem Verlangen, seinem Land und der Welt zu zeigen, dass er ein Profi ist, sein Bestes geben, um zu spielen.“

So gingen die Fans, die beim Vormittagstraining in Donezk einen Blick auf den Nationalhelden erhaschen wollten, leer aus. Der Stürmerstar ließ sich im Hotel am Knie behandeln. Um bereit zu sein. Wofür, erklärte der Ex-Herthaner Andrej Woronin mit pathetischen Worten. Nicht nur auf den General und seinen Star, auf das ganze Team warte das „größte Spiel der Geschichte unseres Landes“. Am Nachmittag konnte Schewtschenko wieder leicht mittrainieren.