Als die letzten Bengalos abgefackelt waren und sich der Nebel über dem Prinzenpark lichtete, blieb eine Erkenntnis wie ein Mahnmal für alle revolutionäre Hybris im Fußball. Das Ancien Régime, es lebt. Ja, es hat nicht mal gewackelt.
Dass Real Madrid, der Titelverteidiger und Rekordsieger, auch gegen den spektakulär aufgerüsteten Herausforderer Paris St. Germain ins Viertelfinale der Champions League einzog, war keine Sensation – dass es so einfach wirkte, schon eher. Ob gegen Neymar im Hinspiel (3:1) oder jetzt ohne Neymar, beim 2:1. Wie es der alte Fußball-Weise Arrigo Sacchi ausdrückte: „Ich erwartete einen PSG mit dem Messer zwischen den Zähnen, doch wir sahen ein Real Madrid mit Zigarre im Mund.“
Verdienst der einen, Versagen der anderen? Für die Pariser war dieses Rückspiel ein miserabler Abend, die erste Heimniederlage seit 51 Spielen und ein noch gar nicht zu quantifizierender Imageverlust. Klein wirkte der Klub, der gern so groß wäre, sehr klein, und den Sargnagel auf das Grab aller Visionen hämmerte ausgerechnet die eigene Propaganda.
Zum achten Mal in Folge im Viertelfinale
In bedenklicher Weise hatte der Verein seine Ultras vor der Partie mit aggressiven Motivationsvideos zu Hauptfiguren stilisiert, doch das Wechselspiel zwischen Rasen und Tribünen ging komplett nach hinten los. Zweimal wirkte es, als könnten die Gastgeber doch so etwas wie ein Momentum generieren: während einer energischen Angriffswelle zu Beginn der zweiten Halbzeit beim Stand von 0:0 und nach dem Ausgleich zum 1:1. Beide Mal sorgten die Fans mit Pyrotechnik für eine Spielunterbrechung, in der jeder mögliche Effekt verpuffte.
Sowieso ließ sich Madrid von all dem Theater – zu dem auch nächtliche Ruhestörung vor dem Teamhotel gehörte – nicht mehr verunsichern als ein Torero von einer Milchkuh. Dieser Verein hat ganz andere Schlachten geschlagen während der zwölf Triumphe in seinem „Lieblingswettbewerb“, wie ihn Sergio Ramos später nannte. „Wir wussten, dass das hier ein gutes Szenario war, um uns in Erinnerung zu rufen.“
Solidarisches Verteidigen, synchrones Pressing, Ronaldo-Tore: alles, was während der heimischen Krisensaison oft nicht mehr funktioniert – gegen den PSG wurde es selbstverständlich zur Schau gestellt. „Real Madrid ist geboren, um die Champions League zu gewinnen“, jubilierte Mateo Kovacic. Zum achten Mal in Folge steht man im Viertelfinale, stets folgte der Einzug unter die letzten Vier. „Real ist wieder da“, sagte Ramos: „Wir haben wieder die richtige Befindlichkeit.“
Draxler ist „ein bisschen sauer“
„So was von souverän, nicht mal im Ansatz nervös“, beobachtete auch PSG-Profi Julian Draxler den Gegner und klagte: „Insgesamt war das viel zu wenig von uns. Es ist schwer zu akzeptieren, dass wir so sang- und klanglos ausgeschieden sind.“ Dafür konnte der deutsche Nationalspieler einerseits wenig, andererseits zählte er gerade dadurch zu den größten Verlierern: Nach sieben Minuten im Hinspiel durfte er im Prinzenpark trotz der Verletzung Neymars auch nur eine Viertelstunde mitmachen.
„Überrascht und auch ein bisschen sauer“ sei er gewesen, dass er erst fünf Minuten nach dem Ausgleich durch Edinson Cavani (71.) eingewechselt wurde. Im Nachhinein hätte er wohl besser von Anfang an gespielt, neben Neymar-Ersatz Angel Di Maria. Das kongeniale Zusammenspiel zwischen Draxler und dem Argentinier hatte dem Katar-PSG seinen größten Moment beschert, das 4:0 vorige Saison gegen den FC Barcelona (später pulverisiert durch das 1:6 im Rückspiel).
Doch während Real-Coach Zinedine Zidane mit dem couragierten Verzicht auf vier Weltstars in der Startformation (Kroos, Modric, Isco, Bale) und einem kompakten 4-4-2 ein strategisches Meisterwerk schuf, fehlten PSG-Trainer Unai Emery Mut und Inspiration. Dessen Vertrag läuft im Sommer aus, eine Weiterbeschäftigung gilt als ausgeschlossen.
Trapp ohne Zukunft in Paris
Draxlers Zukunft hängt eher an der Causa Neymar. Bleibt der als Spielertyp ähnlich veranlagte Brasilianer – Gerüchte über Abwanderungsgelüste nach Madrid wollen nicht verebben – wird Draxler wenig Optionen auf die Stammelf haben.
Gänzlich fehlen diese bei Kevin Trapp, dem zweiten Deutschen im Luxuskader. Wo er selbst früher in der Champions League schon mal patzte, zeigte die Nummer Eins, Alphonse Aréola, nun eine tadellose Darbietung. Abgesehen davon wollen die Pariser im Sommer einen Torwart von Weltrenommee holen. Der PSG wird nicht aufgeben. Er wird weiter kaufen. Bis das alte Regime gestürzt ist.





