Nach der überraschenden Rücktrittsankündigung von Fifa-Chef Joseph Blatter gerät die WM-Vergabe an Russland und Katar immer stärker in den Blickpunkt. Neben den Schweizer Behörden prüft auch die US-Bundespolizei FBI die beiden Entscheidungen des Fußballweltverbandes, wie die Nachrichtenagentur Reuters aus Ermittlerkreisen erfuhr.

An der Vergabe des Turniers für die Jahre 2018 und 2022 hat es wiederholt scharfe Kritik gegeben. Beide Länder haben jedoch stets ein Fehlverhalten zurückgewiesen. Der katarische Außenminister warf Kritikern am Mittwoch Vorurteile und Rassismus vor.

Das FBI untersucht die WM-Vergabe an das Golfemirat spätestens seit September 2011. Aus Akten, die Reuters einsehen konnte, geht hervor, dass eine Mitarbeiterin der katarischen Bewerbungsorganisation aussagte, sie habe gesehen, wie Vertreter Katars 1,5 Millionen Dollar an drei afrikanische Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees gezahlt habe. Damit sollte demnach sichergestellt werden, dass sie für den Wüstenstaat stimmen. Die Frau widerrief dann ihre Aussage. Später sagte sie jedoch FBI-Vertretern, sie habe dies auf Druck des katarischen Bewerbungskomitees getan.

Justizminister: „Entscheidung komplett neu überdenken“

Auch aus Politik und Verbänden mehren sich inzwischen die Stimmen, die eine Überprüfung der Fifa-Entscheidungen verlangen. So sagte Bundesjustizminister Heiko Maas: „Wenn bei den WM-Vergaben Schmiergelder geflossen sind, müssen die Entscheidungen komplett neu überdacht werden.“ Blatters Rücktritt könne nur der Anfang sein.

Hochrangige Fußballfunktionäre halten eine Neuvergabe für möglich. „Wäre ich anstelle der Organisatoren aus Katar, würde ich heute Nacht nicht sehr gut schlafen“, sagte der englische Verbandschef Greg Dyke. Der Ex-Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger, erklärte im Hessischen Rundfunk: „Kann man einem Land, das halb so groß ist wie Hessen, das weltgrößte Fußballereignis anvertrauen? Nein, ich glaube, das muss nochmal aufgearbeitet werden.“

Dagegen verteidigte Katar die Entscheidung. Außenminister Chaled al-Attija sagte, sein Land habe sich den Zuschlag verdient, weil es die beste WM-Bewerbung gehabt habe. „Auf keinen Fall kann sie Katar entzogen werden.“ Auch Russland will weiter mit der Fifa zusammenarbeiten und die Vorbereitungen für die WM 2018 vorantreiben, wie ein Sprecher von Präsident Wladimir Putin sagte.

Merkel sieht Rücktritt als Chance

Besonders an der Vergabe an Katar 2022 gab es von Anfang an Kritik. Der kleine Wüstenstaat hat kaum eine Fußballtradition. Im Sommer, in dem die WM dort eigentlich ausgetragen werden sollte, steigen die Temperaturen auf über 40 Grad. Schließlich wurde die WM in den Winter verschoben. In Deutschland wurde deswegen gewitzelt, dass das Finale am vierten Advent auf Weihnachtsmärkten übertragen werden könnte.

Wieder aufgeflammt ist die Diskussion wegen des jüngsten Korruptionsskandals. Bei den Ermittlungen in den USA und in der Schweiz geht es um den Verdacht, dass bei der Vergabe von Turnieren Schmiergeld geflossen sein könnte. Blatter selbst ist offiziell nicht angeklagt. Einem Insider zufolge ist er aber ins Visier der US-Behörden geraten.

Nach Darstellung seiner Tochter Corinne Blatter-Andenmatten trat der 79-Jährige vor allem zurück, um seine Familie zu schützen. „Seine Entscheidung hat nichts, aber auch gar nichts mit den kursierenden Anschuldigungen zu tun“, sagte sie der Zeitung „Blick“.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht im Rückzug Blatters eine Chance auf einen Neuanfang beim Fußballweltverband. „Es wird jetzt besser möglich sein, die Arbeit der Fifa auf eine transparentere Grundlage zu stellen.“ In der vergangenen Woche hatte sie sich noch zurückhaltend geäußert und anders als der britische Premierminister David Cameron nicht den Rücktritt Blatters gefordert.

Bestechungen auch bei WM-Vergabe 1998 und 2010

Ein ehemaliges Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees hat unterdessen US-Gerichtsunterlagen zufolge die Annahme von Bestechungsgeldern vor den Weltmeisterschaften 1998 und 2010 eingestanden. Aus den am Mittwoch veröffentlichten Dokumenten geht hervor, dass der US-Bürger Charles Blazer im November 2013 als Kronzeuge vor einem Bundesgericht in New York ausgesagt hat. US-Behörden erklärten, seine zunächst geheim gehaltenen Angaben hätten einen Beitrag zur jüngsten Anklage gegen hochrangige Fifa-Funktionäre geleistet. Im Zusammenhang mit dem Skandal kündigte inzwischen auch der Chef des Weltfußballverbandes Joseph Blatter seinen Rücktritt an.

„Ich und weitere Personen haben im oder um das Jahr 1992 herum zugestimmt, Bestechungsgelder im Zusammenhang mit der Auswahl des Austragungslandes für die Weltmeisterschaft 1998 anzunehmen“, wurde Blazer in den Gerichtsunterlagen zitiert, die in zensierter Form veröffentlicht wurden. Die WM ging damals an Frankreich. Weiter hieß es, von 2004 bis 2011 hätten er „und andere Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees“ zugestimmt, Schmiergelder für die Austragung des Turniers 2010 entgegenzunehmen, das dann in Südafrika stattfand. „Ich wusste damals, dass meine Taten falsch waren“, erklärte Blazer weiter.

Der 70-Jährige war von 1997 bis 2013 Mitglied des Komitees. Von 1990 bis 2011 war er auch Generalsekretär von Concacaf, dem Fußballverband von Nord- und Südamerika sowie der Karibik. Neben ihn hatten drei weitere Angeklagte als Kronzeugen ausgesagt.