Morgenpost Online: Herr Reus, sind Sie sauer auf Mario Götze?

Marco Reus: Nein, ich bin sehr gut mit ihm befreundet. Wieso fragen Sie?

Morgenpost Online: Zuletzt hat er sich über Ihr Tattoo lustig gemacht, Ihren Vornamen auf dem Unterarm.

Marco Reus: (lacht) Typisch Mario. Immer einen Witz auf Lager. Mit ihm hat man seinen Spaß.

Morgenpost Online: Zu welchem Tattoo-Motiv würden Sie denn Götze raten?

Marco Reus: Bislang hat er kein großes Interesse an Tattoos, aber das kommt bei ihm noch. Ich habe einen guten Tätowierer, da werde ich ihn bald mal mit hinnehmen. Mal schauen, was er sich traut.

Morgenpost Online: Nicht nur Götze spricht über Sie, sondern ganz Deutschland. Der Rummel um Sie nach dem Wechsel zu Borussia Dortmund und Ihren guten Leistungen ist enorm.

Marco Reus: Als ich vor einigen Jahren bei LR Ahlen gespielt habe, war noch gar nichts los. (schmunzelt) Im ersten Jahr in Mönchengladbach auch kaum. Dann fing es richtig an. Und es wird immer mehr.

Morgenpost Online: Wie gehen Sie damit um?

Marco Reus: Es ist wichtig, dass ich Menschen um mich herum habe, die auch zu mir stehen, wenn es mal nicht läuft. Die mir auch mal sagen: „Pass auf, mach mal etwas langsamer.“ Die mir nicht nur auf die Schulter klopfen, sondern auch konstruktive Kritik geben.

Morgenpost Online: Welche Menschen sind das?

Marco Reus: Meine Familie, meine Freundin, meine Freunde und Berater.

Morgenpost Online: Können Sie mit Ihrer Freundin überhaupt noch essen gehen, ohne vom Nachbartisch auf Fußball angesprochen zu werden?

Marco Reus: Das hat schon zugenommen seit meinem Wechsel nach Dortmund. Viele Fans fragen nach einem Autogramm.

Morgenpost Online: Autogramme in Zeiten des iPhones?

Marco Reus: Auf jeden Fall. Aber die meisten möchten inzwischen ein Foto mit mir, stimmt schon. Es ist nicht immer leicht, dass man solche Aufmerksamkeit erzeugt, aber es gehört dazu. Ich habe mir ja den Beruf Fußballprofi ausgesucht. Ich kann mich immer noch auf den Sport konzentrieren und habe viel Spaß. So extrem wie bei Mesut Özil, Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi ist es bei mir mit den Fans nicht.

Morgenpost Online: Stefan Effenberg sieht in Ihnen den kommenden Superstar des deutschen Fußballs.

Marco Reus: Das ist schön und freut mich. Allerdings kann ich mir da nicht viel für kaufen. Natürlich kriege ich die Bewertungen der Experten mit, da führt heute kein Weg mehr dran vorbei (lacht). Aber das ändert für mich nichts. Im Fußball kann es so schnell gehen. Heute bist du ganz oben, morgen ganz unten. Es ist wichtig, sich selbst und den Trubel um einen richtig einzuschätzen. Im Moment klappt das ganz gut. Ich bin ein Mensch, der nicht abhebt. Einer, der immer noch weiß, woran er zu arbeiten hat. Und was er besser machen muss.

Morgenpost Online: Was können Sie noch besser machen?

Marco Reus: Einiges. Den Körper im Zweikampf besser einsetzen, die Technik verfeinern, sodass die Ballmitnahme noch schneller klappt. Und das Gespür für Spielsituationen weiterentwickeln, die entscheidend sein können. Daran arbeite ich täglich.

Morgenpost Online: Kann ein Fußballer Spielverständnis trainieren? Oder braucht er Instinkt?

Marco Reus: Beides denke ich. Ich lerne die Gegenspieler in der Partie ja kennen und beobachte sie einfach genau: In welchen Situationen spielt der Verteidiger quer? Wann spielt er zurück zum Torwart? Ich spekuliere dann und hoffe auf die Chance, so wie vor meinem Tor gegen Manchester City.

Morgenpost Online: Hat Ihr Klubtrainer Jürgen Klopp Sie seit dem Wechsel schon besser gemacht?

Marco Reus: (lacht) Vom Läuferischen her wahrscheinlich schon. Ernsthaft: Nach meinem Wechsel war alles neu. Ich musste mich erst an unser System und die Laufwege gewöhnen. Das braucht Zeit, und ich bin sehr froh, dass mir die Borussia diese Zeit gegeben hat. Von Kollegen wie Mario Götze kann ich lernen. Ich hoffe, dass ich mich entwickelt habe. Denn ich bin noch relativ jung, auch wenn ich kein Talent mehr bin.

Morgenpost Online: Sie sagen es. Sind Sie inzwischen in einer Position, in der Sie mehr Einsatzzeiten in der Nationalmannschaft fordern können?

Marco Reus: (überlegt) Ich denke, mit meinen beiden Toren gegen Irland habe ich einen weiteren Schritt gemacht. Es freut mich natürlich sehr, wenn ich der Mannschaft so helfen kann. Ansonsten mache ich mir wenig Druck. Ich versuche einfach, meine Leistungen zu bringen. Wenn ich in der Nationalelf spiele, weiß ich, dass ich im Verein gute Leistungen gebracht und gut trainiert habe. Ich stelle keine Forderungen, das ist nicht meine Art.

Morgenpost Online: Die Fans nennen Sie, Götze und Mesut Özil schon die „Zauberreihe“. Und wünschen sich, dass Sie in dieser Formation öfter auf dem Spielfeld stehen.

Marco Reus: Das ist ganz normal. Mesut und Mario sind super Fußballer, die wollen die Fans gern sehen. Es macht sehr viel Spaß, mit ihnen zu spielen.

Morgenpost Online: Gegen die Färöer klappte es noch nicht optimal. Kann diese Konstellation überhaupt funktionieren?

Marco Reus: Ja klar! So was braucht auch Zeit. Am Anfang darf man nicht zu viel erwarten.

Morgenpost Online: Wie viel Zeit braucht der BVB, um in der Bundesliga konstanter zu werden?

Marco Reus: Ich sehe das alles gar nicht so negativ, wie es dargestellt wird. In der vergangenen Saison hatte Dortmund nach dem siebten Spieltag zehn Punkte, jetzt haben wir zwölf. Ich kenne unsere Mannschaft inzwischen gut und kann ihr Potenzial einschätzen. Wir werden kommen, wir können noch viel mehr. Am Anfang der Saison haben wir etwas gebraucht, um uns einzuspielen, auch wegen der Ab- und Zugänge. Ich bin optimistisch.

Morgenpost Online: Viele sagen, die Borussia hat gezeigt, dass sie im Vergleich zur Vorsaison gereift ist.

Marco Reus: Ja. Aber der nächste Schritt muss sein, die letzten Minuten in City ohne Gegentor über die Bühne zu kriegen. Wir müssen lernen, weiter nach vorn zu schieben und uns nicht zu tief fallen zu lassen. Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen und sein können. Aber wenn wir unser Ding durchziehen, wird es für jeden Gegner schwer.

Morgenpost Online: Wie lange ärgert Sie ein verpasster Sieg wie in Manchester?

Marco Reus: Ich schlafe nach Spielen recht spät ein, weil ich einfach nicht zur Ruhe komme, sehr aufgewühlt bin. Diesmal war es extrem, weil wir einfach so gut gespielt hatten.

Morgenpost Online: Marschieren die Bayern durch? Oder kann Ihre Mannschaft sie aufhalten?

Marco Reus: Die Bayern spielen bislang eine sehr gute Saison. Aber ich sage Ihnen was.

Morgenpost Online: Bitte!

Marco Reus: Mit Schlagwörtern wie „Durchmarsch der Bayern“ oder „Titelverteidigung der Dortmunder“ beschäftige ich mich kaum. Wir konzentrieren uns einfach nur auf uns. Uns Dortmunder hat in den vergangenen Jahren eins ausgezeichnet: Dass wir uns nicht ablenken lassen. Wir haben schwere Wochen vor uns, unter anderem das Derby gegen Schalke (am Sonnabend – Red.).

Morgenpost Online: Gibt es eigentlich Tage, an denen Sie sich nicht mit Fußball beschäftigen?

Marco Reus: Selten. Ich liebe Fußball. Auch wenn wir frei haben, schaue ich mir Spiele an, vor allem unsere Spiele. Ich schreibe mir dann Szenen raus, die nicht so gut waren. Das gehört für mich dazu.

Morgenpost Online: Und wie entspannen Sie?

Marco Reus: Essen oder ins Kino. Ganz normal. Dinge, die alle anderen auch tun.

Morgenpost Online: In Ihrer Kindheit haben Sie auch zu Hause immer einen Ball am Fuß gehabt. Ist Ihre Wohnung immer noch auch Ihr Spielfeld?

Marco Reus: Auf jeden Fall habe ich immer Bälle da. Und wenn Kumpels vorbeikommen, werden die auch benutzt (lacht). Dann spielen wir eins gegen eins im Flur.