Niederlande

Selbstverteidigungsexzess gegen den betrunkenen Fan

Esteban Alvarado reagiert auf einen Hooligan-Angriff mit exzessiven Tritten. Aus Protest gegen die Rote Karte verlässt Alkmaar den Platz – und erntet Verständnis.

Es sieht aus wie eines dieser Schläger-Videos aus der U-Bahn. Ein Mann liegt am Boden, der andere tritt zu. Der Tatort ist eher ungewöhnlich – die Fußball-Arena von Amsterdam. Die Zeugenauswahl dafür opulent – den Kampf zwischen dem Torwart des AZ Alkmaar, und einem Fan von Ajax Amsterdam verfolgten rund 40.000 Zuschauer. Weil zudem diverse Zeitlupen zur Verfügung stehen, ist der Tathergang schnell rekonstruiert: Der Anhänger hatte die Absperrungen überwunden und flog in Kung-Fu-Pose auf den Torhüter zu. Esteban Alvarado wehrte den Angriff ab, beförderte den Aggressor zu Boden. Und trat dann noch zweimal zu.

Juristisch kann man das so auslegen, dass diese beiden Tritte zur Abwehr der Attacke nicht mehr erforderlich und daher nicht vom Notwehrrecht des Keepers gedeckt waren. Das Fußball-Ad-hoc-Gericht in Person von Schiedsrichter Bas Nijhuis wertete die Situation ähnlich und zeigte Alvarado die Rote Karte. „Ich verstehe, dass Esteban sich verteidigte, aber er hätte auch weggehen können“, begründete der Referee. Seine Entscheidung war korrekt, denn im Regelwerk heißt es: „Eine Tätlichkeit liegt vor, wenn ein Spieler einen Gegner abseits des Balls übermäßig hart oder brutal attackiert. Als Tätlichkeit gelten auch übertriebene Härte oder Gewalt gegen eigene Mitspieler, Zuschauer, Spieloffizielle oder sonstige Personen.“


Wird ein Opfer zum Täter gemacht?

So weit die Normen, aber das Rechtsgefühl sagt bekanntlich oft etwas anderes. Gert Jan Verbeek sagte, dass hier ein Opfer zum Täter gemacht wurde, deshalb beorderte der Trainer des AZ Alkmaar seine Spieler aus Protest vom Platz. Nach 37 Minuten und beim Stand von 1:0 für Ajax wurde das Achtelfinalmatch im KNVB-Pokal abgebrochen. Was mit Spiel und Torwart passiert, muss der Verband in den nächsten Tagen entscheiden. „Ich hoffe auf Gnade bei der Bestrafung von Esteban“, sagte AZ-Chef Ton Gerbrands. Ohnehin werde sein Verein nicht jede Sanktion akzeptieren: „Auch nicht, dass wir bei der Fortsetzung eines Spieles mit nur zehn Mann weiterspielen.“

Die Angelegenheit ist diffizil. Niemand bestreitet, dass Alvarado das Recht hat, sich zu wehren. Aber was ist mit seiner Überreaktion? Muss man von einem Fußballprofi mit Vorbildfunktion erwarten, einen derartigen Exzess zu vermeiden? Kann man das überhaupt erwarten, wenn jemand massiv bedroht wird? Unter Kollegen wie in der Öffentlichkeit erfährt der 22-jährige Torsteher viel Unterstützung. „Ich weiß nicht, was ich getan hätte, aber ich kann das emotional verstehen“, sagte Ajax-Trainer Frank de Boer. In den Medien meldeten sich renommierte Juristen zu Wort und sprachen von einem nicht zu bestrafenden „Selbstverteidigungsexzess“. Derweil ergab ein erstes Verhör des 19-jährigen Angreifers, dass dieser stark alkoholisiert war und als Motiv angab, er könne Alvarado nicht ausstehen.

Der niederländische Verband KNVB reagierte am Donnerstagnachmittag und erklärte die Rote Karte gegen Esteban Alvarado für ungültig. Die gewalttätige Reaktion von AZ-Torhüter auf die Attacke eines Fans hätte nicht zwingend mit einem Platzverweis bestraft werden müssen. Ob das Spiel wiederholt werden soll, blieb zunächst unklar. Aber die eigentlich mit der Roten Karte verbundene Sperre wurde aufgehoben, wie der KNVB mitteilte. Dem Keeper wurde zugutegehalten, er sei „hinterrücks überfallen worden; er konnte den Angreifer nicht sehen“.

"Was für ein Wahnsinn"

„Was für ein Wahnsinn“, sagte Ajax-Sportdirektor Danny Blind, „das ist ein Drama und ein historischer Tiefpunkt für Ajax“. Dieser wurde davon abgerundet, dass Fans, als die Show auf dem Rasen nicht weiter ging, vor dem Stadion umso herzhafter randalierten. Die Polizei musste Wasserwerfer einsetzen, um die Lage in den Griff zu bekommen.

Insgesamt ist der Abend von Amsterdam damit vor allem eines: der bezeichnende Abschluss eines Jahres, in dem Gewalt und Ausschreitungen den Fußball verstärkt in Atem gehalten haben. Eine kleine Auswahl der Nachrichten aus den letzten Wochen: In Granada wurde ein Spiel der spanischen Liga abgebrochen, weil Zuschauer den Linienrichter mit einem Regenschirm ausgeknockt hatten. Vor dem Wembleystadion starb während des Länderspiels zwischen England und Wales ein Fan bei einer Messerstecherei. In St. Petersburg musste das Champions-League-Spiel zwischen Zenit und Apoel Nikosia mehrfach wegen Krawallen unterbrochen werden. Die Lage in Deutschland ist ebenfalls hinlänglich dokumentiert. Zuletzt wurde Dynamo Dresden wegen seiner Fans vom DFB-Pokal ausgeschlossen, derweil auch in Kaiserslautern, Frankfurt und Nürnberg randaliert wurde und Hansa Rostocks Anhänger unter dem Applaus des halben Stadions die Gäste aus St. Pauli mit Leuchtraketen beschossen.


Unkontrollierbares Aggressionspotenzial

Selbst in Nord- und Westeuropa, wo das Hooligan-Problem schon als überwunden galt, wird der Fußball wieder zur Spielfläche eines schier unkontrollierbaren Aggressionspotenzials. Sogar die beängstigende Fanattacke von Amsterdam hatte dieses Jahr schon ihre Vorläufer. Beim Spiel von Sunderland gegen Newcastle United griff Anfang des Jahres ein jugendlicher Fan den Gäste-Torwart Steve Harper tätlich an. Wenige Tage zuvor hatte ein Anhänger von Drittligist Stevenage FC einen Spieler bewusstlos geschlagen; später stellte sich heraus, dass es um eine Privatfehde ging.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass manche Anhänger ihre Rolle bedenklich überschätzen. Wo, um bei einem aktuellen Beispiel von der DFB-Pokal-Auslosung zu bleiben, die Spieler gemeinsam mit ihren Fans den nächsten Gegner als „Hurensöhne“ verunglimpfen (siehe Story über Holstein Kiel), braucht man sich allerdings kaum zu wundern, wenn einige Fans sich dann bevollmächtigt fühlen, von der verbalen zur tatsächlichen Gewalt überzugehen. Anhänger wie der Aggressor von Amsterdam verstehen sich als Krieger im Dienste ihrer Vereinsfarben, die den Kampf der Spieler mit anderen Mitteln fortsetzen.

Eric Cantona, der französische Querdenker von Manchester United, fand 1994 auch, dass sich ein Fan von Crystal Palace mit seiner permanenten Schmähungen zuviel herausnahm – und sprang die Füße voraus in die Zuschauerränge. Sein berühmter Kung-Fu-Tritt trug ihm eine Sperre von acht Monaten ein. Neulich hat er gesagt, dass er es für die normalen, anständigen Fans getan habe. „Diese Art von Hooligans haben beim Fußball nichts verloren.“

In Esteban Alvarado hat Cantona nun einen Nachfolger als Märtyrer.