Auslosung

Kieler Spieler und Fans verspotten Pokal-Gegner BVB

Wegen der Holsteiner Spottgesänge nach der Viertelfinal-Auslosung rufen Fans von Borussia Dortmund zum Sturm auf die Kieler Facebook-Seite auf.

Der Stellenwert des DFB-Pokals ist ja durchaus diskutabel. Ist der Titel nun gleichwertig mit dem Gewinn der Meisterschaft? Oder nur der eleganteste Weg zu einem Europapokal-Platz? Unstrittig ist eins: Der Wettbewerb ist die wohl letzte Chance für authentische Einblicke in die sonst unzugängliche Biotope einer raren Spezies: des Profifußballers. Wo sonst erreichen die Fans sonst noch verwackelte Kamerabilder aus der Kabine, die Linse von Schweißdunst und Bierspritzern benetzt? Wo stimmen Spieler hinter ihrem Trainer Spottgesänge auf den nächsten Gegner an, während ihr Chef live in die Sportschau geschaltet wird?

Holstein Kiel bot am Mittwoch das Komplettprogramm inklusive Aftershow-Party. Erst kickte der Viertligist mit der Unbekümmertheit des Außenseiters Bundesligist Mainz 05 aus dem Rennen. Nach dem 2:0 (1:0) wurde dann gefeiert wie in der Bezirksklasse: Eine Kiste Bier wurde in die Kabine geschleppt, wo die Getränke je zur Hälfte getrunken und verspritzt wurden. Als Trainer Thorsten Gutzeit dann auch noch live zur Viertelfinal-Auslosung geschaltet wurde, wo Nationalspielerin Melanie Behringer den Kielern mit Borussia Dortmund ein Traumlos beschert hatte, stimmten im Hintergrund Spieler und Fans nicht ganz jugendfreie Gesänge an; Interessierte seien auf das YouTube-Video „Auslosung DFB-Pokal: Kiel vs. BVB“ verwiesen:

Die Dortmunder Anhänger reagierten am Donnerstag und riefen zum Sturm auf die Facebook-Seite der Holsteiner auf. Ein paar Stunden später folgte die Entschuldigung für die Schmähgesänge nach der Pokal-Auslosung entschuldigt. „Im Überschwang der Freude sind einige Spieler verbal deutlich über das Ziel hinausgeschossen“, teilten die „Störche“ mit. Mehrere Akteure des Pokalschrecks hatten während der Live-Übertragung der Viertelfinal-Auslosung ihren nächsten Gegner gut hörbar für ein Millionenpublikum verunglimpft.

„Von Vereinsseite ist bereits mit den Offiziellen gesprochen worden, Dortmund hat die Entschuldigung angenommen“, betonten die Norddeutschen: „Kiel freut sich auf das Gastspiel der Borussia, die treuen und fantastischen Fans und die überaus sympathische Mannschaft. Das Pokal-Viertelfinale gegen Dortmund ist eines der Highlights der Holstein-Vereinsgeschichte und wir werden alles dafür tun, dass die Kieler Störche der Borussia und ihren Anhängern einen würdigen Empfang bereiten werden.“

Die Kieler hatten allerdings auch allen Grund zur Ausgelassenheit. In der Stadt des deutschen Handball-Rekordmeisters THW Kiel spielen die „Störche“ traditionell nur die zweite Geige – und die ist auch noch chronisch verstimmt. Einst waren die Norddeutschen eine feste Größe im deutschen Fußball. Bis 1963 spielte der Meister von 1912 ununterbrochen erstklassig. Im Gründungsjahr der Bundesliga scheiterten die Kieler an der Qualifikation für die neue Spielklasse. Als in der Saison 1981/82 die Zweitliga-Reform griff und es nur noch eine Zweite Liga gab, verabschiedete sich der Klub endgültig aus dem Profifußball. Seitdem pendelt Holstein zwischen Dritt- und Viertklassigkeit.

Für die raren Highlights sorgte der DFB-Pokal. Im September 2002 schalteten die Kieler in der ersten Runde Bundesligist Hertha BSC aus; im Elfmeterschießen brachten es die Berliner fertig, keinen Schuss zu verwandeln. Doch zu mehr als dem Einzug in die zweite Runde reichte es seit 1982 nicht. Bis zum denkwürdigen Mittwochabend , als der Mainzer Anthony Ujah die Kieler durch ein Eigentor nach sechs Minuten in Führung brachte und Steve Müller in der 64. Minute für die Entscheidung sorgte. In den ersten beiden Runden hatte Holstein die Zweitligisten Energie Cottbus und den MSV Duisburg eliminiert. Es ist das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass die KSV Holstein das Viertelfinale des DFB-Pokals erreicht.

„Wir haben das Spiel nicht unverdient gewonnen. Entscheidend war, dass wir die Tore zum richtigen Zeitpunkt erzielt haben. Gegen uns einen Rückstand aufzuholen, ist manchmal nicht so einfach. Wir hatten im richtigen Moment das richtige Glück“, sagte Kiels Trainer Thorsten Gutzeit und sah dabei aus wie die Karikatur eines Norddeutschen, den nicht mal eine Springflut aus der Ruhe bringen kann.

Seine unaufgeregte Art tut dem Klub gut. Turbulente Zeiten liegen hinter ihm. Im Dezember 2008 entschieden sich die Verantwortlichen um Präsident Roland Reime, Trainer Peter Vollmann zu entlassen, obwohl der Klub auf Platz eins der vierten Liga stand. Stattdessen beorderte Reime den ehemaligen Hertha-Coach Falko Götz auf den Trainerstuhl und gab ein gewagtes Ziel aus: Bis 2012 sollte der Klub in der zweiten Bundesliga spielen. Götz schaffte zwar den Aufstieg in die neu gegründete Dritte Liga. Doch seine Amtszeit endete im Debakel. Das Verhältnis zu seinen Spielern war so zerrüttet, dass die Mannschaft nach einer Abstimmung die Vereinsführung informierte und um Götz’ Beurlaubung bat.

Es wurde eine schmutzige Scheidung: Götz wurde vorgeworfen, dem Spieler Marco Stier nach einem schwachen Spiel mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen zu haben. Götz klagte gegen die Kündigung und forderte eine Abfindung. Das Arbeitsgericht sah jedoch den Vorwurf der Körperverletzung als bewiesen an und wies die Klage ab. Später verglichen sich Götz und der Klub. Unter Nachfolger Christian Wück stieg Holstein wieder in die Regionalliga ab, was die nächste Trainerentlassung nach sich zog. Seit Sommer 2010 ist Thorsten Gutzeit im Amt, der zuvor die U?19 des Klubs trainiert hatte und für den Cheftrainerposten seinen Job als Versicherungskaufmann aufgab.

In der Regionalliga Nord stehen die Norddeutschen auf Rang zwei, einen Zähler hinter RB Leipzig. Der Kampf um die Spitze wird in den Hintergrund rücken, wenn am 8. Februar Borussia Dortmund ins Holstein-Stadion kommt. „Wenn man gegen den Meister spielen kann, ist das ein Traum“, sagte Trainer Gutzeit. Und hätten im Hintergrund nicht seine Spieler getanzt – es wäre nicht ersichtlich gewesen, ob Holstein gerade gewonnen oder verloren hatte.