Premier League

Was Suarez' Rassismus-Sperre mit Blatter zu tun hat

Liverpools Stürmer Luis Suarez wird wegen einer angeblichen rassistischen Beleidung Patrice Evras für acht Spiele gesperrt. Ein Urteil mit vielen Hintergründen.

Foto: REUTERS

Vor vier Jahren gab es in Deutschland den Fall von Roman Weidenfeller und Gerald Asamoah. Nach Aussage des damaligen Schalke-Stürmers hatte der BVB-Torwart ihn rassistisch beleidigt („schwarzes Schwein“). Weidenfeller bestritt das in Teilen, dennoch wurde er für drei Spiele gesperrt, was er widerwillig akzeptierte. Und damit war die Sache dann auch relativ schnell erledigt.

Geht es nach Fifa-Chef Joseph Blatter, dann war das damalige DFB-Urteil übertrieben. Nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, erklärte der oberste Fußballfunktionär im November, es gebe keinen Rassismus im Fußball . „Vielleicht gibt es manchmal ein Wort oder eine Geste, die nicht ganz korrekt ist.“ Aber was immer auf dem Platz passiere – „es ist ein Spiel und am Ende des Spiels geben wir uns die Hände.“


Äußerst komplizierte Gemengelage

Blatter äußerte sich damals anlässlich der Untersuchungen im Fall Luis Suárez, in dem am Dienstagabend das Urteil erging. Liverpools Stürmer wurde vom englischen Fußballverband FA für acht Spiele gesperrt, weil er Patrice Evra von Manchester United rassistisch beleidigt haben soll. Das harte Verdikt hat wahrscheinlich auch mit Blatter zu tun. Jedenfalls ist die Gemengelage äußert kompliziert, und angesichts der heftigen Debatte auf der Insel scheint nur eines sicher: Die Sache wird nicht so schnell erledigt sein.

Zum Tathergang: In der 57. Minute der letzten Begegnung beider Teams (1:1) kam es zu einem Foul des Uruguayers Suárez am dunkelhäutigen Franzosen Evra und zu einem anschließenden Wortgefecht. In diesem soll Suárez laut Aussage Evras wiederholt das spanische Wort „negro“ im Mund geführt haben. Schiedsrichter Andre Marriner rief die beiden Spieler zu sich, wobei sich Suárez entschuldigte und versuchte, Evra über den Kopf zu tätscheln. Woraufhin Evra sagte: „Fass mich nicht an, du Südamerikaner“. Und Súarez zurück fragte: „Warum, negro?“

Die wochenlange Beweisaufnahme der dreiköpfigen FA-Jury drehte sich zum einen um die Faktenlage. Sie ist eher dünn, denn kein umstehender Spieler hat von den Zankereien etwas mitbekommen. Der Verband wurde tätig, weil Evra nach Spielende gemeinsam mit seinem Trainer Alex Ferguson das Schiedsrichterteam aufsuchte, um ihn von den Vorfällen zu unterrichten. Bei seiner Vernehmung soll Suárez bestätigt haben, das Wort negro benutzt zu haben, jedoch nur das eine Mal. Er wies zudem daraufhin, dass der Begriff im Spanischen keine abfälligen Konnotationen hat, sondern einfach „Schwarzer“ bedeutet. Linguistisch gesehen ist das korrekt. Doch die Jury berief sich offenbar – die Veröffentlichung der Urteilsbegründung steht noch aus – darauf, dass Suárez seit vier Jahren in Nordeuropa arbeitet (er spielte zuvor bei Ajax Amsterdam) und daher wissen musste, dass der von ihm gebrauchte Ausdruck hier als rassistisch empfunden wird; er habe ihn in provokativer Absicht benutzt.


Hartes Urteil auf dünnem Eis

Aussage gegen Aussage, dazu kulturelle und sprachliche Feinheiten – die FA bewegt sich mit ihrem harten Urteil auf dünnem Eis. Dementsprechend wütend ist der FC Liverpool über den Verlust seines besten Angreifers, noch am selben Abend veröffentlichte der Klub ein harsches Statement. Es gilt als sicher, dass der Verein in Berufung gehen wird. Er hat dafür zwei Wochen Zeit, erst dann wird das Urteil in Kraft treten.

Und damit zu den zusätzlichen Ebenen, welche die Debatte auch weiterhin befeuern werden. Dass sich mit Liverpool und Manchester United die erfolgreichsten Klubs und verfeindetsten Rivalen des englischen Fußballs gegenüber stehen, ist die eine Sache. Die zweite ist, dass an Suárez offenbar nicht nur ein Exempel im Kampf gegen Rassismus, sondern womöglich auch eines im Kampf gegen Blatter statuiert werden sollte. Zwischen FA und Fifa herrscht Kalter Krieg, seit die Engländer für ihre Forderungen nach Transparenz im Weltverband und die Korruptionsrecherchen ihrer Zeitungen bei der WM-Vergabe 2018 böse abgewatscht wurden.

Drittens schließlich laufen parallel die Ermittlungen im Fall John Terry. Dieser hat potenziell noch mehr Sprengkraft, denn auch der Chelsea-Verteidiger soll rassistisch ausfallend geworden sein (gegen den Queens-Park-Rangers-Spieler Anton Ferdinand) , und bei ihm handelt sich um den Kapitän der englischen Nationalmannschaft. In seinem Fall ermittelt parallel auch die Staatsanwaltschaft, weil Ferdinand den Vorfall auch bei ihr anzeigt hatte. Für Mittwoch wurde die Mitteilung erwartet, ob sie Anklage erhebt.

Von wegen Machtlosigkeit der Verbände

Was die FA angeht, wird sich ihre Entschlossenheit zeigen, wenn sie über den eigenen Kapitän zu richten hat. Aber seit dem Urteil gegen Suárez gibt es daran weniger Zweifel denn je. Ohnehin geht kein Verband der Welt so kompromisslos gegen Missstände im Fußball vor wie die FA. Was anderswo verniedlicht wird, nehmen die Engländer sehr ernst. Erfolgreich wurde so die Gewalt von den Zuschauerrängen verbannt. Auch rassistische Äußerungen von Fans werden hart verfolgt. Für die in anderen Teilen Europas leider alltäglichen Affenlaute gegenüber dunkelhäutigen Spielern etwa gibt es jahrelanges Stadionverbot. Die englische Praxis widerlegt erfolgreich die Beschwörungen von Machtlosigkeit, die man etwa in Deutschland immer wieder hört, wenn Verband und Vereine mit Fehlverhalten von Fans konfrontiert werden.

Im Fall Suárez könnte die FA mit ihrer sehr harten Strafe allerdings etwas über das Ziel hinausgeschossen haben – zumal sie sich gegen einen Spieler richtet, der selbst unter rassistisch unterlegten Stereotypen zu leiden hat. Wegen seiner „Hand Gottes“ in Uruguays WM-Viertelfinale 2010 gegen Ghana und seiner bisweilen aufreizenden Spielweise gilt er vielen Fans und Fernsehexperten als typisch südamerikanischer „cheat“: selbst wenn er klar gefoult wird, unterstellt man ihm per se erst einmal eine betrügerische Schwalbe. Der Zorn des FC Liverpool auf das Urteil entzündet sich deshalb nicht zuletzt an der Frage, warum Evra straffrei geblieben ist – wo es sich doch bei dem Ausspruch „Du Südamerikaner“ ebenfalls um eine klare Beleidigung handele.

In eigener Sache: Neu auf der iPad-App der „Welt“ – eine umfangreiche Sportdatenbank