Vorzeitig gescheitert

Manchester wird für seine Arroganz bestraft

ManU-Trainer Alex Ferguson nutzte die Champions League für personelle Experimente – und darf dafür im Februar die Europa League kennenlernen.

Es gibt immer noch etwas zu entdecken in der Welt des Fußballs, selbst für einen wie Sir Alex Ferguson. Der nach 25 Dienstjahren bereits zu Lebzeiten mythische Trainer und Manager von Manchester United wird vom kommenden Februar an die Europa League kennen lernen. „Ein Wettbewerb, in dem wir noch nie waren“, räsonierte der Schotte, allenfalls den Vorgänger Uefa-Cup haben sie mal beehrt, aber das bislang letzte Mal ist auch schon 16 Jahre her. Damals kam das Aus in der ersten Runde gegen Rotor Wolgograd, nun könnte „ManU“ es mit ähnlich prominenten Kalibern zu tun bekommen, dem FC Vaslui zum Beispiel. „Nicht gerade ideal, aber das ist die Strafe für unser Ausscheiden“, so Ferguson.

Er meinte das Verpassen des Achtelfinals der Champions League, denn für Platz zwei in einer Gruppe mit Benfica, Basel und Otelul Galati hat es schon mal nicht gereicht. Angesichts der jahrelang wie festbetonierten Hierarchie der Königsklasse und zumal angesichts dieser relativ schwachen Gegner ist das geradezu eine Ungeheuerlichkeit. „Ohne jede Frage“ werde sein Team sich qualifizieren, hatte Ferguson selbst am Vorabend des letzten Gruppenspiels in Basel noch prophezeit. Einen Punkt hätten die United-Stars nur gebraucht, doch dann wurden sie überstrahlt von Xerdan Shaqiri, Basels großartigem Mittelfeldtalent, der Marco Streller und Alex Frei, dem alten Strafraumhaudegen, je einen Treffer auflegte (9., 84.).


Freudentänze der Basler Profis

Nichts hatten sie dagegen zu setzen außer einem zu späten Anschlusstreffer durch Phil Jones (89.). Auf den Tribünen des St. Jakob Parks fielen sich die Zuschauer mit südländischer Inbrunst in die Arme, auf dem Platz changierten die Basler Profis zwischen Freudentänzen und Kopfschütteln – dieses 2:1 des Schweizer Meisters gegen sein englisches Pendant war leicht und locker die größte Sensation in der Geschichte der Champions League . Eines Wettbewerbs, daran darf in diesem Moment erinnert werden, den sich die Großklubs in den 90er-Jahren so zurecht gelegt haben, dass es genau solche Überraschungen nicht mehr geben sollte.

Der Gruppenmodus, bis zu vier Vertreter aus einer Liga und ausgeklügelte Setzlisten sorgten bislang zuverlässig dafür, dass die Reichen und Mächtigen von der K-o.-Runde an unter sich waren. Nun wird einer von ihnen im Achtelfinale nach Basel fahren, ein anderer gar nach Nikosia. Karneval in der Champions League.


ManCitys Schiffbruch weniger spektakulär

Das musste auch Manchester City erfahren. Dessen Schiffbruch ist aus vielerlei Gründen weniger spektakulär als der des Lokalrivalen – die Himmelblauen debütierten in der Königsklasse, sie erwischten mit Bayern, Neapel und Villarreal die härteste Gruppe, und ihre zehn Punkte hätten in sechs der sieben anderen Divisionen zum Weiterkommen genügt. Dennoch wohnt gerade ihrem Abstieg in die Europa League natürlich ein besonderer Symbolgehalt inne.

Mit ihren teils obszönen Transfer- und Gehaltausgaben sind sie ein besonders drastisches Beispiel für die Wettbewerbsungleichheit im europäischen Fußball – und das Feindbild schlechthin für Traditionalisten, die sich mit seltener Gehässigkeit über den Scheichklub hermachen. City verließ die Champions League mit einem Sieg, 2:0 gegen eine B-Elf der Bayern (Tore: David Silva/36. und Yaya Toure/52.) , und durchaus mit Stil – Trainer Roberto Mancini und Kapitän Vincent Kompany gratulierten höflich den im Fernduell um Gruppenplatz zwei erfolgreichen Neapolitanern. Aber City darf auch davon ausgehen, dass sich das Mitleid auf dem Fußballkontinent in überschaubaren Grenzen hält.

Während Manchester in seltener Einigkeit trauert, atmet London durch. In Umkehrung des aktuellen Trends der Liga, wo City vor United führt, haben sich Chelsea und Arsenal sehr wohl für das Achtelfinale qualifiziert. Zu zweit vertreten sie England in einer K.o.-Runde, in die Italien als einziges Land drei Vertreter entsendet. Lange her scheinen 2007/08 und 2008/09, als die Premier League drei der vier Halbfinal-Teilnehmer stellte.

United erreichte in drei der vergangenen vier Ausgaben sogar das Endspiel. Noch vorige Saison wurde Schalke 04 im Halbfinale regelrecht demontiert (2:0, 4:1), nur der FC Barcelona erwies sich als zu stark. Aus den Erfolgen der Vergangenheit resultierte wohl die Arroganz, mit der „ManU“ diese Saison zu Werke ging.

Ferguson nutzte die Champions League zu Experimenten, die Spieler agierten, etwa bei 3:3 zu Hause gegen Basel, sorglos wie beim Strandfußball. „Wir müssen ehrlich sein und zugeben, dass wir in diesem Wettbewerb nicht von Anfang an professionell aufgetreten sind“, kritisierte Linksverteidiger Patrice Evra. Der Franzose sprach aus, was ganz England denkt: United habe die Champions League weggeworfen. Und: „Es ist peinlich, in der Europa League zu spielen.“

Auch ein voll konzentriertes United hätte die Königsklasse dieses Jahr jedoch nicht gewonnen. Wie auch Chelsea und Arsenal befindet sich das Team im Umbruch; dass in dem 38-jährigen Ryan Giggs ein Relikt der Vergangenheit in Basel bester Mann war, sagt dabei manches aus. Einen Realitätscheck für Fergusons junge englische Spieler nannte Uniteds Ex-Kapitän Roy Keane die Schmach, dahinter verbirgt sich die unbequeme Wahrheit, dass United nicht mehr als allererste Adresse für Europas beste Kicker gilt.

So misslang im Sommer etwa die angestrebte Verpflichtung von Wesley Sneijder. Arsenal und sogar Chelsea haben ähnliche Probleme bei der Renovierung ihrer Mannschaften. Wen es von den Stars momentan auf die Insel zieht, den greift City ab. Und wer es sich aussuchen kann, geht sowieso lieber zum FC Barcelona oder zu Real Madrid.

Die spanischen Klubs gelten mehr denn je als Favoriten auf den Champions-League-Titel, gefolgt von den Münchner Bayern, die sich in der Vorrunde viel Renommee erspielt haben. Für England gab es derweil wenigstens eine gute Nachricht aus der Schweiz. Die Uefa verkürzte am Donnerstag die Sperre für Wayne Rooney von den ersten drei auf die ersten beiden EM-Spiele.