Claus-Dieter Wollitz

"In Rostock und Dresden wurde zu lange gezögert"

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Martin Kleinemas

Foto: dpa/DPA

Cottbus-Trainer Claus-Dieter Wollitz spricht mit Morgenpost Online über Dresdens Pokalauschluss, die Furcht vor neuen Stadionkrawallen und das Spiel gegen Union.

Ein Freund deutlicher Worte ist Claus-Dieter Wollitz schon immer gewesen. Vor einem Jahr legte sich der Trainer von Energie Cottbus mit einem Teil der Fans an, weil er ihnen im Zusammenhang mit dem Abbrennen von Pyrotechnik vereinsschädigendes Verhalten vorwarf – und deshalb sogar drohte, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Jetzt, da ganz Deutschland über Fangewalt und Pyrotechnik diskutiert , sieht er sich bestätigt.

Morgenpost Online: Dynamo Dresden wurde wegen Fangewalt vom DFB-Pokal ausgeschlossen , der Klub hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Auch in Rostock wurde zuletzt kräftig gezündelt. Wie haben Sie die letzten zwei Wochen erlebt?

Claus-Dieter Wollitz: Ganz ehrlich: Ich bin einfach nur froh, dass ich mich damals so klar positioniert habe. Ich habe gesagt: Leute, das schadet dem Klub, der Region und auch dem Großteil der positiven Fans. Die Menschen, die mich verstanden haben, haben mich unterstützt. Seitdem haben wir absolute Ruhe. Das kommt uns gerade in der jetzigen Diskussion sehr, sehr zugute.

Morgenpost Online: Sie fühlen sich also bestätigt?

Wollitz: Es geht nicht um mich. In Rostock steigt gerade der Sponsor aus. Es ist doch Wahnsinn, welche Dimension das erreicht hat. Deshalb war es richtig damals zu sagen: Wenn wir das Problem nicht in den Griff bekommen , hat unser Verein keine Zukunft. Es ist doch eindeutig, dass in Rostock und eben auch in Dresden offenbar zu lange gezögert wurde , sich von diesem Teil der Anhängerschaft zu distanzieren. Das ist aber ganz wichtig. Das können nicht nur die Spieler, das muss die Vereinsführung machen.

Morgenpost Online: Vielleicht hat es den einen oder anderen verschreckt, dass Sie sich mit Ihrer Aussprache bei einem Teil der Fans etwas unbeliebt gemacht haben?

Wollitz: Na ja, was heißt unbeliebt? Es geht doch um die Nachhaltigkeit des Vereins. Ich will doch den Verein schützen, ich habe nur etwas gegen Leute, die etwas Verbotenes machen. Es geht nicht nur um Geldstrafen, sondern auch um das Image des FC Energie, das wir aufpoliert haben. Ich werde in Rostock , Dresden, auch bei Union immer fantastisch empfangen. Vergangenen Freitag war ich in Aue, auch dort waren die Fans super. Ich diskutiere auch viel auf Raststätten mit den Fans, die meisten wollen einfach nur ihren Spaß und ihr Team unterstützen. Ich habe mir im Sommer beide Relegationsspiele Dresden gegen Osnabrück angeschaut. Auch da war es eine Minderheit, die Krawall wollte. Aber gegenüber dieser Minderheit, die es nicht friedlich mag, muss man sich positionieren. Und zwar nicht in der Weise, dass man die Vernünftigen in die Pflicht nimmt. Die können nicht auf die anderen aufpassen.

Morgenpost Online: Für die Entwicklung des Fußballs in Ostdeutschland ist der Ausschluss Dresdens eine Katastrophe, oder?

Wollitz: Natürlich. Ich finde diese Situation sehr problematisch. Da wird noch viel auf uns zu kommen in den nächsten Wochen. Das wird dramatische Folgen haben.

Morgenpost Online: Inwiefern? Womit rechnen Sie denn da genau?

Wollitz: Ich befürchte, dass diese Entscheidung Leute frustriert, die an sich positiv sind, die jetzt aber meinen, darauf reagieren zu müssen. Das schwingt doch im Unterbewusstsein mit. Möglich, dass da einige jetzt die große Bühne suchen.

Morgenpost Online: Sie sind also kein Befürworter des Ausschlusses?

Wollitz: Nein. Noch mal: Das ist eine weitreichende Entscheidung. Mit unglaublichen Folgen für die Spieler und Trainer, die sportlich Großartiges geleistet haben. Die begleitenden Maßnahmen hätten alle viel früher kommen müssen. Jetzt ist das Kind doch längst in den Brunnen gefallen. Der DFB hat sich mit dieser Strafe angreifbar gemacht.

Morgenpost Online: Weil es einen Ost-Verein trifft?

Wollitz: Nein, ich glaube, das hat keine Rolle gespielt. Das kann sich der DFB gar nicht erlauben. Es hat, soweit ich das beurteilen kann, auch viele Warnhinweise gegeben. Nur: Jetzt müssen wir natürlich genau aufpassen, dass das Verhältnis gewahrt bleibt. Wenn in Frankfurt in der letzten Saison die Spieler vor den Fans flüchten müssen und der Klub eine vergleichsweise geringe Strafe bekommt, weiß ich nicht, ob die Relation stimmt. Bei den nächsten Vorfällen hat der DFB jetzt keinen Ermessensspielraum.

Morgenpost Online: Zum Glück entwickeln sich einige Ost-Klubs trotz allem weiter, so auch Union Berlin, Ihr nächster Gegner. Der Verein wagt mit dem Tribünenausbau den Spagat zwischen Kult und Kommerz. Sie selbst eckten einst an, als Sie über den Verkauf von Namensrechten sprachen.

Wollitz: …ich bin der Letzte, der unseren Fans das Stadion der Freundschaft wegnehmen will. Das Denken an die Vergangenheit ist ganz wichtig, um die Zukunft positiv zu gestalten. Aber wenn Sie Ziele erreichen wollen, wenn Sie hoffen, zwei, drei Vereine aus den neuen Bundesländern in der Bundesliga zu haben, darf so etwas kein Tabu sein. Ich bin der Meinung, dass man seine Werte behält, wenn man den Stadionnamen verkauft. Aber ich verstehe, dass Menschen daran hängen. Um sportliche Entwicklungen voranzutreiben, gehören gewisse Sachen einfach dazu. Bei Union ist es so, dass sie eine unglaubliche Kultur geschaffen haben. Der Verein hat sich immer über die Fans definiert und mit Zusammenhalt aus Krisen hochgearbeitet. Vor diesem Spagat habe ich den höchsten Respekt.

Morgenpost Online: Freitag gastieren Sie mit Energie beim 1. FC Union. Was erwarten Sie vom Berlin-Brandenburg-Derby?

Wollitz: Ein Derby ist meist ein besonderes Spiel mit toller Stimmung. Aber die hat Union ja immer. Im Derby kann man vieles gewinnen. Aber auch einiges verlieren.

Morgenpost Online: Ist es für Sie persönlich auch die Chance auf einen kleinen Befreiungsschlag? In dieser Saison läuft es für Cottbus ja nicht so rund.

Wollitz: Nein, das sehe ich nicht so. Es gibt ja Gründe dafür. Dass wir nicht zufrieden sind, ist klar. Aber mehr ist derzeit nicht drin in der Konstellation mit den Abgängen und verletzten Spielern. Wir haben einfach unsere Torfabrik verloren, die kann man nicht eins zu eins ersetzen. Dazu kommen zwei Spiele, die wir klar hätten gewinnen müssen, aber in letzter Sekunde noch unentschieden gespielt haben gegen Frankfurt und Rostock. Rechnen Sie die vier verloren Punkte mal oben drauf. Da haben Sie gleich eine ganz andere Basis für das Selbstvertrauen. Wir haben momentan oft nicht das nötige Selbstverständnis und müssen jetzt jedes Spiel für Erfolgserlebnisse nutzen, nicht nur Derbys. Auch wenn es da mehr prickelt.

Morgenpost Online: Energie wurde von vielen Beobachtern stärker eingeschätzt. Haben Sie Angst um Ihren Job, wenn die Trendwende gegen Union nicht gelingt?

Wollitz: Ich kann verstehen, dass Außenstehende höhere Erwartungen haben, gerade nach der letzten Saison. Und hinter denen hinken wir jetzt her. Wir sind doch selbst unzufrieden. Aber im Fußball hat mich noch nie Angst begleitet. Angst ist ein schlechter Ratgeber.