Gewaltexzesse

Hansa Rostock kapituliert vor den eigenen Hooligans

Nach den Gewaltexzessen im Spiel gegen St. Pauli zieht sich der Trikotsponsor zurück. Jetzt hat Hansa die Politik um Hilfe im Kampf gegen Hooligans gebeten.

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Prächtig war die Stimmung im Rostocker Stadion. Die meisten Zuschauer erhoben sich von ihren Plätzen, klatschten, johlten und schienen ihren Spaß zu haben. Am Fußballspiel zwischen dem FC Hansa und dem FC St. Pauli lag das allerdings nicht, die Partie war zu diesem Zeitpunkt längst unterbrochen.

Was die Besucher auf der Osttribüne des Ostseestadions feierten, war das Einschlagen von Leuchtraketen, die von links und rechts in den Gästefanblock geschossen wurden. Dass dort niemand von den 1000 Grad Celsius heißen Geschossen verletzt wurde, war reiner Zufall. Den feixenden Mob hätten Treffer ohnehin nicht gestört.

Was bei der Zweitligapartie am vergangenen Samstag geschah , war so erwartet worden – beide Fanlager hassen sich leidenschaftlich, es war ein Risikospiel der höchsten Kategorie.

Die Rostocker Polizei versuchte mit 2000 Beamten, die Situation zu kontrollieren, und am Ende sagte ihre Sprecherin Monika Krause-Schöne: „So hart wie es sich auch anhört: Wir ziehen eine positive Bilanz.“ Die lautet: zehn Verletzte, darunter acht Polizisten, 33 Ermittlungsverfahren, Steinwürfe auf einen Streifenwagen sowie drei Shuttlebusse der Gästefans.

In der Nacht zuvor hatten Vermummte das Rostocker Polizeihauptrevier mit Feuerwerkskörpern und Steinen angegriffen. Die Behörde vermutet einen Racheakt, weil zuvor ein gewalttätiger Fan festgenommen worden war.

"Diese Menschen sind unbelehrbar"

Wie weit ist es im deutschen Fußball gekommen, wenn so eine „positive Bilanz“ aussieht? Die Diskussion um die Gewalt in den Stadien wird schon länger geführt. Doch das Spiel zwischen Hansa und St. Pauli weist eine neue Dimension auf.

Dass Otto Normalfan Angriffe auf gegnerische Anhänger bejubelt, mag noch mit dem Aufeinandertreffen zweier Ideologien begründbar sein: hier die politisch linken Hamburger, dort die eher rechtsorientierten Rostocker. Wirklich neu ist aber, dass zum ersten Mal ein Verein offen vor seinen Fans kapitulieren muss.

„Ich verstehe diesen Hass nicht. Wir bitten Verbände, Politik und Judikative, uns mit diesem gesamtgesellschaftlichen Problem nicht allein zu lassen“, sagte Hansa-Präsident Bernd Hofmann nach dem Spiel entsetzt. Manager Stefan Beinlich ergänzte: „Wir als Verein werden missbraucht als Plattform von Leuten, die die Öffentlichkeit suchen.

Das werden wir allein nicht unterbinden können. Da brauchen wir Hilfe von Politik und Rechtsprechung.“ Und Cheftrainer Peter Vollmann sagte resignierend: „Und wenn wir eine ganze Saison Geisterspiele oder zehn Millionen Euro Strafe bekommen – es ändert nichts. Es ist aussichtslos. Diese Menschen sind unbelehrbar!“

Das Gewaltproblem ist allerdings keinesfalls auf Rostock beschränkt. Vor den Raketenangriffen auf die St.-Pauli-Fans waren rund 100 von denen durch eine Sicherheitskontrolle am Stadion gestürmt.

In der ersten Runde des DFB-Pokal stürmten Hooligans des Berliner Vereins BFC Dynamo den Fanblock des 1. FC Kaiserslautern. Eine Runde später eskalierte die Gewalt in Dortmund, wo Fans von Dynamo Dresden marodierten: Sieben Personen wurden festgenommen, 15 verletzt.

Vor zehn Tagen tagte der Bundesinnenminister mit Vertretern des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) zum Thema – eine Lösung wurde nicht präsentiert. Es sei einvernehmlich beschlossen worden, „den Weg des Dialogs fortzusetzen und gleichzeitig klare Grenzen zu setzen“, gab der DFB bekannt.

Die „klaren Grenzen“ sind Sanktionen: Dynamo Dresden soll wegen der Randale in Dortmund in der kommenden Saison vom DFB-Pokal ausgeschlossen werden. Hansa Rostock musste bereits vor dem Duell mit St. Pauli zu zwei Auswärtspartien ohne Fans anreisen, dazu kamen jeweils Geldstrafen.

Aufschrei in der Fanszene

Die Täter, denen es mehr um Randale als um Fußball geht, trifft das nicht. Und auch die breite Masse, die Angriffe auf Gästefans wahlweise beklatscht oder stumm toleriert, nimmt die Funktionärsworte gelassen zur Kenntnis.

Schlimmer noch: Je härter DFB und DFL strafen, desto härter scheinen auch die Reaktionen zu werden. Als jüngst dem Abbrennen von Pyrotechnik in Stadien eine endgültige Absage erteilt wurde, schrien Teile der Fanszene auf. Speziell die Ultra-Gruppierungen, die für sich proklamieren, wirklich Fußballfans zu sein und die Fankultur zu bewahren, reagierten mit Unverständnis.

„Der Dialog mit den Fans ist ein Schlüsselfaktor, um dem Problem Herr zu werden“, hatte Innenminister Hans-Peter Friedrich nach dem Treffen Mitte November gesagt.

Doch geredet wurde in der Vergangenheit schon viel. Was weiterhin fehlt, sind effektive Maßnahmen, um die Chaoten aus den Stadien zu befördern. Lorenz Caffier, Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister, will nun im Landtag über die Rostocker Fußball-Hooligans debattieren lassen.

Die CDU-Fraktion habe dazu eine erweiterte Tagesordnung für die Sitzung des Innenausschusses am 1. Dezember beantragt, sagte ein Sprecher des Landtags.

Vorab veröffentlichte Caffier aber schon einmal seinen Zweipunkteplan zur Befriedung des Fußballs. Erstens: „Wenn der Dialog mit den Fans nicht reicht, müssen personalisierte Eintrittskarten her.“ Zweitens: „Wir müssen über Schnellgerichte bei überführten Randalierern nachdenken.“

Und natürlich darf auch eine Task Force nicht fehlten: Vertreter des Innenministerium, der Staatsanwaltschaft, der Polizei und des FC Hansa Rostock wollen in den nächsten Wochen nach Lösungen für das Gewaltproblem suchen.

Immerhin vier Gewalttäter vom Samstag wurden bislang ermittelt. „Wir werden gegen diese Leute Strafanzeige stellen und mit allen juristischen Mitteln vorgehen, die uns zur Verfügung stehen“, sagte Präsident Hofmann.

Für seinen Klub allerdings gibt es erste Konsequenzen. Hauptgeldgeber Veolia, ein Umweltdienstleister, gab bekannt, das Sponsoring wegen der Krawalle „nicht über die laufende Saison hinaus zu verlängern“, wie ein Sprecher Bild.de sagte.

Für Manager Beinlich ein herber Verlust: „Es ist alles andere als erfreulich, ständig auf die Probleme mit den Gewalttätern angesprochen zu werden. Das ist für die Außendarstellung katastrophal und macht Gespräche zum Beispiel mit Sponsoren nicht leichter.“

Risikospiel bei Union Berlin

Nach dem Exzess ist vor dem Exzess. Am Freitag reist der 1. FC Union nach Rostock – auch diese Partie wird bei der Polizei als Risikospiel geführt. 2200 Union-Fans werden anreisen, rund 1000 davon in einem Sonderzug. Der Berliner Verein hat die Anzahl seiner Ordner dort mehr als verdoppelt.

Die Partie wurde wegen des Castor-Transports am Wochenende von Sonntagnachmittag auf Freitagabend vorverlegt. Union Trainer Uwe Neuhaus sagt: „Ich hoffe, dass alles ruhig bleibt. Ich habe großes Vertrauen in die Sicherheitskräfte in Rostock. Wir müssen uns auf Fußball konzentrieren.“