Europacup-Dramen

Als der Meister 1:8 bei den Schafhirten verlor

Ein neues Fußballbuch erinnert an 75 Europacup-Klassiker mit deutscher Beteiligung. Das 2:6 des FC Bayern in Kopenhagen war längst nicht die schlimmste Schlappe.

Bis in die 1980er-Jahre waren Europapokalspiele, die live im Fernsehen übertragen wurden, ein rares Gut. Für Endspiele mit deutscher Beteiligung räumten die Öffentlich-Rechtlichen den Sendeplatz am Mittwochabend natürlich frei, zuweilen zeigten sie auch nachmittags ein Auswärtsspiel eines Bundesliga-Klubs in Craiova oder Odessa.

Für mehr aber benötigte der Fußball-Fan ein Radio und seine Fantasie. Auf der Mittelwelle konnte er damals viele Spiele live verfolgen, wenn auch häufig erst ab der zweiten Halbzeit.

Vier Auswärtstore von Milewski

Ein unvergessenes Radio-Erlebnis für den damals sieben Jahre alten Verfasser dieses Textes war der Nikolaus-Abend 1978. Hertha BSC spielte gegen Esbjerg BK. Es war das Rückspiel im Uefa-Cup-Achtelfinale, das Hinspiel hatten die Berliner in Dänemark 1:2 verloren. Als Hertha-Fan war wieder mit dem Schlimmsten zu rechnen – und dann das: 1:0 Milewski, 2:0 Milewski, 3:0 Milewski. Halbzeit. Und es ging gleich nach dem Seitenwechsel weiter: 4:0 Milewski. Unglaublich.

Und kurz darauf noch ein Lattentreffer Milewskis, den der Reporter aus dem von nur 3000 Zuschauern besuchten Olympiastadion mit den väterlichen Worten „Das wäre dann auch zu viel des Guten für den kleinen Mann gewesen“ kommentierte.

Der höchst verletzungsanfällige Angreifer Jürgen Milewski, Körpergröße 1,72 Meter, der auch im Hinspiel das Tor für die Hertha erzielt hatte, war an diesem Abend der Allergrößte, ein Europapokal-Held, der durchaus einen Eintrag im neu erschienenen Nachschlagewerk "Als mittwochs das Fluchtlicht anging" verdient hätte.

Florian Haupt (Morgenpost Online, Morgenpost Online, "Welt") und der freie Autor Andreas Lampert erinnern in Wort und Bild an "75 deutsche Europacup-Klassiker". Angefangen mit dem sagenhaften 4:3 des 1. FC Saarbrücken beim AC Mailand 1955 bis zum sensationellen Schalker 5:2-Auswärtssieg in der Champions League gegen Titelverteidiger Inter Mailand 2011.

Es sind Duelle darunter, an die sich jeder erinnert, der weiß, dass der Ball rund ist: wie Bayer Uerdingens 7:3 gegen Dynamo Dresden von 1986 , Werder Bremens Wunderspiele von 1987 bis 1993 oder das 1:0 des Hamburger SV gegen Juventus Turin im Landesmeister-Finale 1983, als Felix Magath traf. Und ein ganzes Kapitel handelt von den denkwürdigsten Begegnungen des FC Bayern – mit der Mutter aller Niederlagen im Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United.

Aber Haupt und Lampert widmen sich auch legendären Spielen abseits des Mainstreams wie dem 3:2 von Eintracht Braunschweig 1968 gegen Juventus Turin in der Rubrik "Ein Mann, ein Spiel", als Braunschweigs eisenharter Verteidiger Peter Kaack drei Tore erzielte, davon allerdings zwei Eigentore.

Die vielleicht schönste Anekdote für das Kapitel "Dicke Packung" liefert der 1. FC Köln, der 1962 im Landesmeister-Wettbewerb in der ersten Runde auf Dundee United traf. "In deren Stadion laufen unter der Woche die Schafe über den Rasen", brachte der Spion aus dem Rheinland an der schottischen Ostküste in Erfahrung.

Deshalb erhielt die Kölner Mannschaft vor dem Hinspiel die Ansage: "Schießt nicht zu viele Tore, sonst kommen im Rückspiel keine Zuschauer." Gesagt, getan: Der Deutsche Meister, der sich auf einer Stufe mit Real Madrid sah, konnte vor Überheblichkeit kaum laufen und verlor gegen die vermeintlichen Schafhirten 1:8. Da half auch das 4:0 im Rückspiel nicht mehr.

Bitteres Aus gegen Roter Stern Belgrad

Auch das eingangs erwähnte 4:0 von Hertha BSC gegen Esbjerg BK spielt historisch betrachtet nur eine Nebenrolle. Zwar überstanden die Berliner auch das Viertelfinale durch einen 2:1-Auswärtssieg gegen Dukla Prag (Siegtreffer Milewski).

Im Halbfinale aber kam – ohne Milewski – gegen Roter Stern Belgrad das unglückliche Aus. Nach der 0:1-Niederlage in Jugoslawien führten die Berliner im Rückspiel vor 75.000 Zuschauern im Olympiastadion, das live im dritten Fernsehprogramm übertragen wurde (!), mit 2:0, als ihnen ein klarer Foulelfmeter versagt wurde. Eine Viertelstunde vor Abpfiff verkürzten die Gäste auf 1:2 und zogen aufgrund der Europapokal-Arithmetik ins Endspiel ein.

Bitter für die Hertha und Jürgen Milewski: Im Finale setzte sich Borussia Mönchengladbach gegen Roter Stern Belgrad höchst glücklich mit 1:1 und 1:0 durch. Das Rückspiel in Düsseldorf, das Allan Simonsen durch einen unberechtigten Strafstoß entschied, wird in "Als mittwochs das Flutlicht anging" als einer der 75 Europacup-Klassiker gewürdigt.

Florian Haupt/Andreas Lampert: Als mittwochs das Flutlicht anging, 144 Seiten, 19,90 Euro .