Verbotene Stadt

Hannoveraner Fans dürfen Lüttich nicht betreten

Der Lütticher Bürgermeister sperrt vor und nach dem Europa-League-Spiel die Gäste aus Hannover aus seiner Stadt aus. Die 96-Klubführung ist empört.

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Die Reise in die verbotene Stadt wird zu einem Spießrutenlauf. Auf die rund 1500 Anhänger von Hannover 96, die ihre Mannschaft zum Europa-League-Spiel am Mittwochabend (21.05 Uhr, Kabel 1) bei Standard Lüttich begleiten, wartet eine Städtetour der besonderen Art.

Willi Demeyer, Lüttichs Bürgermeister, droht allen Hannover-Fans, die seine Innenstadt betreten, mit Polizeigewahrsam. Eine Sonderverordnung schreibt allen Fußballgästen vor, ausschließlich mit Bussen anreisen zu dürfen, die die Landesgrenze erst 19.00 Uhr passieren und direkt zum Stadion geleitet werden. Lüttichs Innenstadt bleibt für Tagesgäste, die mit Hannover 96 sympathisieren, vor und nach dem Spiel Sperrzone.

Während in Deutschland die Frage diskutiert wird, wie mit gewaltbereiten Fans umzugehen ist , haben die Belgier offenbar schon Antworten gefunden. Ob es die richtigen sind, wird allerdings bezweifelt. „Ein Bummel durch die Stadt gehört zum Erlebnis Europapokal“, findet Jörg Schmadtke, der Geschäftsführer von Hannover 96.

Die Ankündigung, dass Fußballliebhabern eine Festnahme droht, falls sie mit 96-Trikot oder -Fanschal bekleidet durch Lüttich flanieren, kommt einem Affront gleich. Wer gedacht hat, er könnte das Gastspiel der Niedersachsen zu einem vorweihnachtlichen Kurzurlaub nutzen, der irrt.

Mangel an Gastfreundschaft

Der Mangel an Gastfreundschaft, mit dem Lüttich neue Standards setzt, hat seinen Ursprung in einem besonders traurigen Moment des Fußballs. Selbst mehr als 25 Jahre nach der Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion, wo am 25. Mai 1985 auf Grund von Fanausschreitungen 39 Menschen ums Leben kam, herrscht in Belgien Angst vor unkalkulierbarer Gewalt.

In dieser Saison hat Standard Lüttich auf dem Weg in die Europa League schlechte Erfahrungen mit Anhängern des FC Zürich gemacht.

Dass es in Hannover vermeintliche Freunde des Fußballs gibt, die sich das Abbrennen von Feuerwerkskörpern in einem Stadion nicht verbieten lassen wollen, hat sich auch bis nach Belgien herumgesprochen. Ein kleiner Kreis von Ultras, die das Hausrecht von Vereinen regelmäßig missachten, sorgt für Skepsis und erhebliche Einschränkungen.

„Wir können unseren Fans nur raten, sich an die Vorgaben zu halten. Aber mit solchen Maßnahmen wie in Lüttich werden viele Menschen vor den Kopf gestoßen“, findet Alex Jacob, der Pressesprecher von Hannover 96.

Sie haben alles versucht: Politiker, Funktionäre und Sicherheitsfachleute aus Hannover waren im Vorfeld bemüht, einen friedlichen Dialog aufzunehmen. Aber Bürgermeister Demeyer soll auf nichts und niemanden reagiert haben.

„Wer aus Hannover individuell nach Lüttich anreist, wird Probleme bekommen – vor allem, wenn er sich als 96-Fan zu erkennen gibt“, befürchtet Thorsten Meier, der in Hannover für Sicherheitsfragen zuständig ist. Sonderzüge aus Hannover zu organisieren, das war ihm nicht gestattet. Und wie Vip-Gäste eine teure Reise genießen sollen, wenn sie die Innenstadt von Lüttich meiden und direkt nach dem Schlusspfiff wieder abreisen müssen, bleibt ein Rätsel.

Knifflige Aufgabe

Seit Monaten herrscht in Hannover, das 19 Jahre lang zu schlecht für eine Europapokalteilnahme war, Vorfreude auf internationalen Vereinsfußball. Zum Auswärtsspiel in Kopenhagen waren Anfang November 10.000 Fans mitgereist und hatten ein friedliches Fußballfest gefeiert. Es darf bezweifelt werden, dass sich alle 96-Fans heute den Abstecher in Lüttichs Innenstadt verbieten lassen.

Die Mannschaft von Trainer Mirko Slomka, der am vorletzten Gruppenspieltag der Europa League schon den Einzug in die Zwischenrunde schaffen kann, hat ihr Quartier einige Kilometer außerhalb der City bezogen.

Auf Mirko Liesebach, der den Mannschaftsbus steuert, kommt eine knifflige Aufgabe zu. Er sollte auf dem Weg ins Stadion einen großen Bogen um die Innenstadt machen und keine Spieler an die frische Luft lassen. Die könnten in ihren Trainingsanzügen eine Verhaftung riskieren.