Nach Rafati-Suizidversuch

Schiedsrichter fordern mehr Respekt und Fairness

Auch wenn Babak Rafati wohl private Gründe hatte, wird nun mehr Achtsamkeit im Umgang mit Unparteiischen gefordert. Denn der Ton untereinander ist rauer geworden.

Der prominente Patient weilte eine Nacht im Krankenhaus Köln-Holweide , dann war er auch schon wieder weg. Unbemerkt von der Öffentlichkeit, aber in Begleitung engster Vertrauter hat Babak Rafati noch in der Nacht zum Montag die Klinik verlassen und sich anderenorts in stationäre Behandlung begeben.

Bei dem 41 Jahre alten Schiedsrichter, der am Samstag versucht hatte, sich das Leben zu nehmen, haben die Ärzte nach Angaben seines Anwalts ein Krankheitsbild diagnostiziert, das diesen Schritt erforderlich macht. Er wolle nun, ließ Rafati über seinen Rechtsbeistand mitteilen, die Vorgänge in Ruhe aufarbeiten.

Rafati war am Samstag vor dem Bundesligaspiel 1. FC Köln gegen 1. FSV Mainz 05 in einem Zimmer des Hotels „Hyatt“ blutend aufgefunden worden, nachdem er sich zuvor die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Warum er das getan hat, ist nach wie vor unklar. Zumindest hat sich Rafati dazu noch nicht geäußert.

Derweil berichtete die „Kölnische Rundschau“ am Montagnachmittag, dass Rafati den Selbstmordversuch offenbar aus privaten Gründen unternommen haben soll. Die Zeitung berief sich auf einen hochrangigen Ermittler der Kölner Polizei.

Der Beamte bezieht sich demnach auf die in Rafatis Hotelzimmer gefundenen Notizzettel. „Es geht nicht um Überforderung im Fußball“, wird der Beamte zitiert. Auch eine mögliche Verwicklung in eine Straftat als Motiv für den Selbstmordversuch des Sparkassen-Angestellten wird ausgeschlossen. Zuvor hatte der Sprecher der Kölner Polizei, Andre Faßbender ein Fremdverschulden ausgeschlossen.

Obwohl das Motiv für Rafatis Verzweiflungstat nach wie vor unklar ist und es offenbar einen privaten Hintergrund haben könnte, wird trotzdem über den Leistungsdruck auf die Schiedsrichter und den Umgang mit ihnen diskutiert. Und wie wichtig es offenbar erscheint, dass darüber gesprochen wird, verdeutlichen nicht nur neue Meldungen von Übergriffen auf Unparteiische am vergangenen Wochenende.

Referee in Leipzig beworfen

So sollen bei der Oberligapartie (5. Liga) des 1. FC Lok Leipzig gegen den FC Carl Zeiss Jena II (1:2) Leipziger Anhänger den Eisenhüttenstädter Referee Marcel Riemer mit Plastikbechern beworfen haben, die mit Sand und Steinen gefüllt waren.

In der Oberlausitzliga (8. Spielklasse) musste die Partie zwischen dem FSV Neusalza-Spremberg und SV Königshain sogar nach 35 Minuten abgebrochen werden, weil ein mit Gelb-Rot bestrafter Spremberger Spieler gegen Schiedsrichter Stefan Palzer aus Weißwasser handgreiflich geworden sein soll.

Um mehr für Respekt und Achtung gegenüber den Schiedsrichtern zu appellieren, hatte der Berliner Fußball-Verband vor vier Wochen die Partien in allen Spielklassen für fünf Minuten unterbrochen. Genutzt hat dieser Appell für mehr Fairness jedoch wenig. Selbst an dem Aktionswochenende mussten drei Spiele abgebrochen werden.

"Druck ist fast unerträglich"

So weit ist es zwar bei Pflichtspielen von Profis noch nicht gekommen. Und doch wird selbst über die deutschen Grenzen hinaus nach dem Selbsttötungsversuch von Rafati für ein besseres Miteinander geworben. So hat der schwedische Schiedsrichter Jonas Eriksson die Fußballwelt zu mehr Achtsamkeit im Umgang mit den Unparteiischen aufgefordert.

„Jeder sollte sich der Tatsache bewusst sein, was er anrichten kann, wenn er dem Schiedsrichter die Schuld gibt. Der Druck ist mitunter fast unerträglich und Kritik unser täglich Brot. Ich ermahne alle, mehr nachzudenken“, sagte der 41-Jährige der schwedischen Zeitung „Aftonbladet“.

Eriksson sagte, dass er Rafati von Lehrgängen des europäischen Verbandes Uefa kenne. Er sprach angesichts der Geschehnisse vom vergangenen Samstag von einer „unglaublichen Tragödie für den Menschen Babak Rafati“.

Am Pranger

Es sei heutzutage sehr einfach, Referees via Internet an den Pranger zu stellen, ergänzte Eriksson, der am Dienstag das Champions-League-Spiel Ajax Amsterdam gegen Olympique Lyon leitet, und nannte es außerdem „unnötig“, den schlechtesten Schiedsrichter einer Liga wählen zu lassen.

Rafati war in der Zeitschrift „Kicker“ von den Bundesligaprofis dreimal in den vergangenen vier Jahren zum schwächsten Unparteiischen gewählt worden. Die Umfrage wird seit 2006 durchgeführt. Bislang wurde sie über sie diskutiert, durch Rafatis Selbstmordversuch aber erscheint sie plötzlich in einem anderen Licht.

Nach Aussage von Wolfgang Mierswa, Niedersachsens Schiedsrichterchef, in der „Frankfurter Rundschau“ sei es künftig umso mehr Aufgabe der Schiedsrichterkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Verbandsausschüsse, „dafür zu sorgen, dass unsere Schiedsrichter von uns gestärkt werden, wenn sie von der Öffentlichkeit respektlos behandelt werden“.

Nicht zur Tagesordnung übergehen

Er hoffe, sagte er „Morgenpost Online“, dass Babak Rafati nun zur Ruhe komme und sich im Umgang mit den Schiedsrichtern in Deutschland etwas ändert. Ein Übergehen zur Tagesordnung dürfe es nicht geben.

Auch Max Eberl, Sportdirektor des Bundesligaklubs Borussia Mönchengladbach, plädiert für mehr Fairness im Umgang mit den Schiedsrichtern, die vom DFB für einen Einsatz in der Ersten Liga 3800 Euro erhalten, in der Zweiten Liga 2000, der Dritten Liga 750 und in der Regionalliga 300.

Auch die Verantwortlichen müssten ihren Teil dazu beitragen, dass der Schiedsrichter nicht der Öffentlichkeit zum Fraß vorgeworfen wird . „Muss es denn sein, dass es den ‚Pfiff der Woche’ gibt oder dass eine halbe Stunde darüber diskutiert wird, ob der Ball eine Fußspitze über der Linie war? Da muss auch der DFB seine Schiedsrichter besser schützen“, sagte Eberl. Auch ein ehrlicheres Miteinander der Spieler sei ein Diskussionsthema.

Handball als Vorbild?

Bislang erhalten die Schiedsrichter auf ihren Lehrgängen durch den DFB Ratschläge, wie sie sich im Umgang mit Medien, aber auch Spielern und Funktionären verhalten sollen. Zudem steht es ihnen frei, sich gegebenenfalls bei der Medienabteilung zu melden, wenn sie denn Bedarf für Unterstützung spüren.

Auch heißt es immer wieder, dass die Tür für jeden Schiedsrichter beim DFB offen sei. Aus Gesprächen mit Schiedsrichten ist immer wieder herauszuhören, dass sie sich sehr wohl darüber im Klaren seien, dass es Kritik gibt und sie mit ihr leben müssten. Doch viele Unparteiische beklagen zunehmend, dass der Ton untereinander rauer geworden sein soll – auf dem Platz und in der öffentlichen Diskussion.

Gut möglich, dass sich der Fußball ja bald ein Beispiel am Handball nimmt. Die Handball-Bundesliga HBL verbietet es Spielern, Trainern und Offiziellen seit Beginn dieser Saison in den 48 Stunden nach einem Spiel jeglichen Kommentar zur Schiedsrichterleistung.

Wer sich trotzdem äußert, dem droht eine Geldstrafe von bis zu 5000 Euro. „Ein Verbot, sich direkt nach einem Spiel zu äußern, kann vieles kanalisieren“, sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann am Montag: „Im Handball hat sich dieser Schritt durchaus bewährt. Es wird nicht mehr so emotional reagiert.“