Bundesliga schockiert

Rafatis Selbstmordversuch in der Hotelbadewanne

Seine Schiedsrichter-Assistenten warteten vor der Partie Köln gegen Mainz vergeblich in der Hotel-Lobby. Babak Rafati hatte sich im Zimmer die Pulsadern aufgeschnitten.

Es war kurz nach halb zwei, als Holger Henschel, Patrick Ittrich und Frank Willenborg in der Lobby des Kölner Hyatt-Hotels das ungute Gefühl beschlich, dass irgendetwas nicht stimmt. Ihr Chef kam nicht – und das war ungewöhnlich: Babak Rafati sollte schließlich zwei Stunden später das Fußball-Bundesligaspiel zwischen dem 1. FC Köln und dem 1.FSV Mainz anpfeifen, seine beiden Assistenten und der vierte Offizielle warteten auf ihn.

Sie warteten vergeblich, denn zu diesem Zeitpunkt schwebte der 41-jährige Rafati bereits in Lebensgefahr. Er hatte sich in der Badewanne seines Hotelzimmers die Pulsadern aufgeschnitten.

Als der Zeitpunkt der Abfahrt längst verstrichen und Rafati nicht erreichbar war, wurde seine Tür geöffnet. „Wir können bestätigen, dass es um 13.45 Uhr einen Einsatz wegen einer verletzten Person gab“, sagte ein Sprecher der Kölner Feuerwehr der „Morgenpost Online“. Per Krankenwagen wurde Rafati in eine Kölner Klinik gebracht. Sein Zustand sei kritisch, hieß es am Samstagnachmittag, er sei aber außer Lebensgefahr.

Die Mainzer Mannschaft, die im gleichen Hotel wie Rafati und sein Gespann untergebracht war, bekam die Unruhe mit, fuhr allerdings pünktlich um viertel vor zwei ab. „Wir haben die Schiedsrichter noch gesehen, allerdings fehlte Rafati. Als wir dann unterwegs waren, kamen uns Krankenwagen und Polizei entgegen. Wir haben allerdings nicht geahnt, was das zu bedeuten hatte“, sagte der Mainzer Manager Christian Heidel zur „Morgenpost Online“.

Als die Mannschaft im Stadion eintraf, herrschte bereits hektische Betriebsamkeit. Wolfgang Niersbach, Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hatte mit Schiedsrichtersprecher Hellmut Krug und Holger Hieronymus von der Deutschen Fußball Liga (DFL) telefoniert. Um 14.45 Uhr stand dann fest: Das Spiel wird abgesagt. In der Kürze der Zeit war kein neues Schiedsrichtergespann aufzutreiben gewesen, außerdem waren alle Beteiligten schockiert über die Nachricht.

Das Stadion war zu diesem Zeitpunkt etwa zur Hälfte gefüllt, die Veranstalter rechneten mit 46000 bis 48000 Besuchern. Um 14.57 Uhr griff Stadionsprecher Michael Trippel zum Mikrofon und verkündete die traurige Botschaft: „Das habe ich in 50 Jahren auch noch nicht erlebt, aber irgendwann ist immer das erste Mal. Leider ist der Schiedsrichter des heutigen Spiels kurzfristig ausgefallen. Da es nicht möglich ist, kurzfristig Ersatz zu finden, muss das Spiel leider abgesagt werden.“

Die Zuschauer pfiffen zwar, verließen dann aber geordnet das Stadion. Wann die Partie nachgeholt wird, stand am Samstag noch nicht fest. Die Mainzer setzten sich jedenfalls in den Mannschaftsbus und fuhren heim. „Ich hoffe nur, dass Babak Rafati schnell wieder gesund wird, alles andere ist unwichtig“, sagte Manager Heidel.

Rafati ist gelernter Bankkaufmann und leitet in seiner Heimatstadt Hannover eine Filiale. Er war ein renommierter, wenn auch nicht unumstrittener Schiedsrichter. In Umfragen unter den Bundesligaprofis wurde er dreimal zum schlechtesten Unparteiischen gewählt, einmal landete er auf Platz zwei.

Vor sechs Jahren hatte er sein Erstligadebüt gegeben – ausgerechnet bei der Partie Köln gegen Mainz. Insgesamt 84 Spiele leitete er in der Bundesliga, wurde 2008 Fifa-Schiedsrichter. Seit September 2011 wird er vom DFB allerdings nicht mehr für internationale Einsätze nominiert und soll 2012 von der Fifa-Liste gestrichen werden. „Altersbedingte Umstrukturierung“, begründete der DFB diesen Schritt.

Mirko Slomka, Trainer von Hannover 96, war tief bewegt: „Ich kenne ihn sehr gut, er ist Hannoveraner. Die Nachricht hat mich sehr geschockt“, sagte er bei „Sky“. Herbert Ruppel, der Erste Vorsitzende von Rafatis Heimatverein Niedersachsen Döhren, sagte: „Ich kann nur sagen, dass so etwas auf keinen Fall absehbar war. Soweit ich das beurteilen kann, hatte er keine Nachteile oder ernsthafte Probleme. Ich kann nur das Beste über ihn sagen.“

DFB-Präsident Theo Zwanziger brach den Besuch des Frauen-Länderspiels der deutschen Mannschaft gegen Kasachstan in Wiesbaden ab und reiste nach Köln, um sich vor Ort ein Bild zu machen.

Über die Gründe des Selbstmordversuchs wurde am Samstag nichts bekannt. Gerüchte, nach denen er im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen diverse Schiedsrichter wegen Steuerhinterziehung stehen könnte, konnten nicht verifiziert werden.

Derzeit wird gegen insgesamt 70 aktive und ehemalige Schiedsrichter ermittelt. Der DFB befragte jüngst 49 Referees. Sieben von ihnen gaben an, dass es bei ihnen zu steuerlichen Nachveranlagungen kommen könnte.

Das Selbstmorddrama um Rafati ist ein weiterer negativer Höhepunkt in der deutschen Schiedsrichter-Szene. Seit der Unparteiische Michael Kempter Anfang 2010 behauptete, mehrfach von seinem Ausbilder Manfred Amerell sexuell bedrängt worden zu sein, reißen die Skandale nicht ab. Amerell wurde vom DFB aus dem Verband gedrängt und überzieht seitdem sämtliche Beteiligte mit Klagen. Auch an den Ermittlungen gegen die angeblich steuerscheuen Schiedsrichter ist er beteiligt: Er versorgte die Fahnder mit selbst recherchiertem Material.