Tabellen-Vorletzter

Beim Karlsruher SC herrscht das völlige Chaos

Der Karlsruher SC wechselt sein Personal wie eine Zeitarbeitsfirma. Peter Neururer, Petrik Sander und Milan Sasic sind als Scharinger-Nachfolger im Gespräch.

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Wer die Zahlen liest, kann sich über den Tabellenplatz nicht wundern. Der Karlsruher SC, einst Stammgast in der Fußball-Bundesliga und zuständig für Europapokalwunder, hat in den vergangenen zwei Jahren drei Präsidenten, sechs Vizepräsidenten, drei Sportdirektoren und zwei Trainer verschlissen.

Am Montag kam der dritte Übungsleiter hinzu. Das 1:5 bei Dynamo Dresden bedeutete das Aus für Rainer Scharinger , nach nur sieben Monaten schickte der badische Traditionsklub seinen Trainer wieder fort.

Zur Last wurden ihm folgende Statistiken gelegt: neun Punkte aus 13 Spielen, zehn Spiele in Folge ohne Sieg, 29 Gegentore, vorletzter Platz in der Zweiten Liga. Die Mannschaft wird vorübergehend von Markus Kauczinski (41) betreut, der Amateurtrainer springt bereits zum dritten Mal seit 2008 ein.

„Das tut weh, es war eine sehr schwierige Entscheidung. Deshalb haben wir auch erst einmal eine Nacht darüber geschlafen“, sagte Präsident Ingo Wellenreuther, der sich dennoch zum Handeln gezwungen sah: „So konnte es nicht weitergehen. Wir fragen uns immer noch, wo dieser Leistungseinbruch herkam. Jetzt brauchen wir einen Trainer, der die richtige Ansprache findet.“

Kreuzers Bedenken

Sportdirektor Oliver Kreuzer, der mit dem Trainer gemeinsam in der Verantwortung für das KSC-Personal steht, trug die Entscheidung mit. Die Verpflichtung des ehemaligen KSC- und Bayern-Verteidigers hatte noch im Sommer Euphorie ausgelöst.

Auf dem Sohn, der in der weiten Welt Erfolg gehabt hatte, ruhten die Hoffnungen für einen Neuanfang. Eine Verstrickung in den Abstiegskampf wie in der Vorsaison würde es mit Kreuzer kaum geben. Doch der hatte schon bei seinem Amtsantritt gewarnt: „Ein Heilsbringer bin ich nicht. Das wird wohl meine schwierigste Aufgabe.“

Die Bedenken waren begründet. Auch der gut vernetzte und erfahrene Manager, der beim FC Basel und bei Red Bull Salzburg gewirkt hatte und zuletzt mit Sturm Graz österreichischer Meister geworden war, konnte den Niedergang nicht aufhalten.

Dabei war der Start in die Saison noch recht vielversprechend. Nach Anfangssiegen über Duisburg und Aue rangierte der KSC im Mittelfeld. Im Badener Land herrschte nach vielen Chaosjahren Zuversicht. Doch über die Wochen und Monate erwies sich das neue Aufgebot (17 Abgänge, 12 Zugängen), das Scharinger und teilweise auch Kreuzer zusammengestellt hatte, als nicht schlagkräftig und charakterstark genug.

Offenbar sind einige Spieler nicht bereit, sich 100-prozentig in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Dafür spricht die Aussage von Delron Buckley, der vor laufenden Fernsehkameras erklärte: „Wir haben zu viele Spieler im Team, die sich nicht für den Verein zerreißen. Das kotzt mich an.“ Damit dürfte alles über den Zustand der Mannschaft gesagt sein.

Für KSC-Urgestein Roland Schmider, 60 Jahre im Verein, davon 26 Jahre als Präsident, eine entlarvende Aussage. „Wenn ich so etwas höre, dann schrillen bei mir die Alarmglocken“, sagt er. Die Situation sei vergleichbar mit der 2001. Damals war der KSC in die Dritte Liga abgestiegen.

Geld mit vollen Händen ausgegeben

„Eine Mannschaft kann nur dann erfolgreich sein“, so Schmider, „wenn der Zusammenhalt stimmt wie einst unter Winfried „Winnie“ Schäfer. Damals hat alles gepasst. Die momentane Situation tut mir in der Seele weh.“ Das Highlight einst war das 7:0 gegen den FC Valencia im Uefa-Cup. 15 Jahre ist das her.

Seit Schäfers Weggang und dem Bundesligaabstieg 1998 kommt der KSC nicht zur Ruhe. Das viele Geld, das Transfers von Klubtalenten wie Oliver Kahn, Mehmet Scholl oder Michael Sternkopf dem Verein beschert hatte, wurde mit vollen Händen wieder ausgegeben.

Aber das Team war irgendwann nicht mehr leistungsfähig genug und kämpft sich seit mehr als einer Dekade durch den unterklassigen Fußball. 2002 stand der Klub vor dem finanziellen Kollaps.

Nur einer beispiellosen Sammelaktion des Übergangspräsidenten und ehemaligen Oberbürgermeisters Gerhard Seiler war es zu verdanken, dass die Insolvenz abgewendet wurde. Dem Wiederaufstieg der Fahrstuhlmannschaft 2007 in die Bundesliga folgte der erneute Absturz 2009.

Nun könnte es noch ein weiteres Stockwerk tiefer gehen. Verhindern soll dies wieder mal ein neuer Trainer. Als aussichtsreichster Anwärter auf Rainer Scharingers Nachfolge wird Petrik Sander gehandelt, bis 2007 bei Energie Cottbus und zuletzt bei TuS Koblenz. Aber auch Milan Sasic (zuletzt MSV Duisburg) und Peter Neururer sind im Gespräch.