WM-Gastgeber

Brasilien versinkt im Sumpf der Korruption

Sportminister Silva ist der fünfte Spitzenpolitiker, der dieses Jahr nach einem Skandal abtritt. Doch auch sein Nachfolger hat einen zweifelhaften Ruf.

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Die Teilnehmer der Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage, die Mitte September in Rio de Janeiro stattfanden, ahnten es schon damals. Als Sportminister Orlando Silva de Jesus Júnior sich kurzfristig mit der Ausrede entschuldigen ließ, sein Terminkalender sei wegen Vorbereitung der Fußball-WM 2014 prall gefüllt und lasse keinen Auftritt bei den Wirtschaftstagen zu, raunte ein deutscher Journalist: „Der drückt sich, weil er keine unangenehmen Fragen gestellt bekommen möchte. Die Vorwürfe gegen ihn werden immer konkreter.“

Erdrückende Beweislage

Knapp sechs Wochen später ist der brasilianische Sportminister Orlando Silva zurückgetreten: Die Beweislage war inzwischen erdrückend geworden und ließ ihm keine andere Wahl mehr. Ein ehemaliger Polizist hatte Details über Schmiergeldzahlungen enthüllt. Dabei ging es vor allem um Zuschüsse zur Förderung des Jugendsportes: Kinder aus Armenvierteln sollten so zum Fußballspielen gebracht werden. Von den umgerechnet 16 Millionen Euro Fördergeld für dieses Programm sollen mindestens 3,2 Millionen veruntreut worden. Außerdem seien auch Gelder für den Wahlkampf der kommunistischen Partei Brasiliens (PCdoB) ohne Erlaubnis abzweigt worden. Orlando Silva gehört dieser Partei seit 1988 an, insgesamt sollen rund 23 Millionen Dollar in die Tasche des 40-Jährigen geflossen sein.

Nach seinem Rücktritt hat die brasilianische Staatspräsidentin Dilma Rousseff einen Nachfolger aus eben dieser Partei ausgesucht: José Aldo Rebelo Figueiredo, 56 Jahre alter Journalist und Mitglied der Kommunisten seit 1977. Damals war die Partei noch illegal.

Akzeptable Situation in Brasilia

Rebelo soll nun den Sumpf trocken legen, zu dem sich Brasiliens Sport in Anbetracht der zwei Mega-Ereignisse entwickelt hat. Die Fußball-WM 2014 und Olympia 2016 sollen gemeinsam ein Volumen von rund 130 Milliarden Dollar haben. Von diesem riesigen Kuchen will nach Möglichkeit jeder ein paar Brocken abhaben. Neben Korruption in Politik und Verbänden – auch der zwielichtige Fußball-Chef Ricardo Teixeira steht seit Jahren unter dem Verdacht, mit dem Geben und Nehmen nicht ganz so genau zu sein – beeinträchtigen Streiks, organisatorische Pannen um die Finanzierung und Schlamperei auf den Baustellen den Fortgang der Arbeiten an den zwölf WM-Spielorten. Akzeptabel ist nur die Situation an der 70.000-Zuschauer-Arena in der Hauptstadt Brasilia. Dort ist immerhin ein gutes Drittel der Arbeiten abgeschlossen.

„Wir befinden uns in einem Wettlauf mit der Zeit“, sagte Staatspräsidentin Rousseff, nachdem deutlich geworden war, dass Jahrzehnte kein Geld in die Infrastruktur investiert worden war. Elf Milliarden US-Dollar sind allein zur Modernisierung von Straßen, Telekommunikation, Sicherheitseinrichtungen und Hotels nötig. Der Fußball-Weltverband Fifa hat Brasilien bereits mehrfach wegen der erwarteten Verzögerungen bei verschiedenen Projekten verwarnt. Skeptiker fürchten, dass Rousseff zu optimistisch war, als sie die Fertigstellung von neun der zwölf WM-Stadien bis Dezember 2012 angekündigt hatte.

Lulas Söhne bedienten sich

All das sind nun auch Probleme von Aldo Rebelo, der sich selbst gern als einen der größten Bekämpfer der Korruption in Brasilien darstellt. Er gilt als ein Mann, der über sehr gute Beziehungen zu Rousseffs Vorgänger, Ex-Präsident Luiz Inacio Lula da Silva, verfügt. Lula ist immer noch einer der beliebtesten Politiker des Landes. Ihm selbst konnte nie Korruption nachgewiesen werden, viele seiner engsten Mitarbeiter mussten jedoch zurücktreten, weil ihnen krumme Geschäfte nachgewiesen werden konnten. Auch Lulas Familie, vor allem seine Söhne, haben sich in den zurückliegenden Jahren nachweislich aus der Staatskasse bedient.

Gegen Robelo liegt bisher kein konkreter Korruptionsvorwurf vor – im Gegenteil: Dass er den Brasilianern vor sechs Jahren einen zusätzlichen Feiertag schenkte, hat seine Beliebtheitswerte steigen lassen. Seit 2005 zelebrieren die Brasilianer am 31. Oktober nicht mehr das amerikanische, und deshalb ungeliebte, Halloween, sondern huldigen stattdessen der Figur des Saci. Diese wird in Brasilien seit dem 18. Jahrhundert verehrt und steht nun im Mittelpunkt der Feierlichkeiten am 31. Oktober. Dieser Tag liegt im immer noch größtenteils katholischen Brasilien zudem am Vorabend des Allerheiligenfestes. Welch ein glücklicher Zufall.

Korrupte Regierung

Der Rücktritt Silvas zeigt, dass erhebliche Teile der Regierung Rousseff korrupt sind. Sie regiert seit Anfang Januar und hat mit Silva den sechsten Minister ihres Kabinetts verloren. Nur der ehemalige Verteidigungsminister Jobim trat aus politischen Gründen zurück, die übrigen fünf stolperten über Skandale.

Dass zwischenzeitlich gar Fußball-Legende Pele als Kandidat für die Nachfolge Orlando Silvas gehandelt wurde, verdeutlicht, wie groß die Not beim WM-Gastgeber inzwischen ist. Der dreimalige Weltmeister hat sicherlich viele Fähigkeiten – die des Politikers gehören sicher nicht dazu. Nachdem er 1995 zum außerordentlichen Sportminister ernannt worden war, trat er nach drei Jahren frustriert zurück. Grund: der aussichtlose Kampf gegen Korruption.