Unterklassiger Fussball

Kapitulation vor der Aggression gegen Schiedsrichter

Grassierende Gewalt gegen Schiedsrichter: In Norddeutschland zeigen die Referees inzwischen keine Ecken- und Einwurfentscheidungen mehr an. Das sorgt für ein bisschen Frieden.

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Bernd Schultz hatte es sich so schön vorgestellt. Der Präsident des Berliner Fußball-Verbandes ließ am vergangenen Wochenende alle Spiele für fünf Minuten unterbrechen, um auf die steigende Zahl der körperlichen Angriffe auf Schiedsrichter aufmerksam zu machen.

Während der Pause wurden Flyer verteilt und Reden gehalten, in denen Fair Play gegenüber den Unparteiischen gefordert wurde. Der Berliner Bundesliga-Schiedsrichter Felix Zwayer pfiff aus Solidarität mit den Kollegen eine Partie in der Kreisliga B (zehnte Liga).

Am Sonntag dann, als Zwayer seinem Job nachging und das Spitzenspiel zwischen Bayer Leverkusen und Schalke 04 leitete, wurden in Berlin drei unterklassige Partien abgebrochen, weil die Unparteiischen Opfer von Spielerattacken geworden waren. „Ich bin persönlich wütend und betroffen“, sagte Schultz am Tag danach.

Ausfall kompletter Spieltage möglich

Viele halten die Initiative nun für gescheitert, wenngleich Schultz darauf beharrt, die Anschläge bekräftigten die Notwendigkeit seiner Aktion. Für die Zukunft schloss er den Boykott aller Schiedsrichter und somit den Ausfall kompletter Spieltage nicht aus: „Wenn fünf Minuten zum Nachdenken nicht ausreichen, brauchen die Spieler vielleicht demnächst 90 Minuten.“

Bernd Schultz ist nicht allein mit seinem Problem. Woche für Woche werden auf Deutschlands Amateurplätzen, abseits von Rampenlicht und Fernsehstammtischen, Schiedsrichter bepöbelt, bespuckt, geschlagen. Ihr einziger Ausweg ist oftmals der Spielabbruch .

„Ich habe das Gefühl, dass die Zahl solcher Vorfälle in den vergangenen 10, 20 Jahren gestiegen ist“, sagt Herbert Fandel, der als Vorsitzender der Schiedsrichter-Kommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) einen Überblick über alle Regionalverbände hat. „Das Nichtakzeptieren von Funktionsträgern und Verantwortlichen in unserer Gesellschaft wächst und wächst. Das ist nicht nur ein Problem im Fußball, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen. Wer Verantwortung übernimmt, wird immer öfter attackiert und kritisiert.“

Ins Gesicht gespuckt

Eine gesellschaftliche Aufgabe erfüllt auch der DFB nach eigenem Selbstverständnis. Heinz Meyer, Vorsitzender des Obersten Sportgerichts beim Niedersächsischen Fußballverband, sagt: „Wegen unserer gesellschaftlichen Aufgabe ist das Ziel bei Sportgerichtsverfahren, dem Spieler eine Chance zu geben.“

Das zeigt der Fall eines 19-Jährigen, der einem Schiedsrichter ins Gesicht gespuckt hatte. Laut Regelbuch hätte er für ein Jahr gesperrt werden müssen, aber der Verband gibt dem Fußballspieler die Chance zur Bewährung. Einen Schiedsrichterlehrgang muss er besuchen, dann verkürzt sich die Sperre um ein halbes Jahr.

Eine Spielsperre soll laut Rahmenmodell des DFB allerdings nur dann zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn der Spieler nicht länger als 18 Monate ausgeschlossen wurde. Bei Tätlichkeiten gegen den Schiedsrichter droht der Rauswurf aus dem Verband. „Wer das Fair Play mit Füßen tritt, hat in der Fußballfamilie nichts zu suchen“, sagt Ex-Schiedsrichter Fandel.

Spieler in der Verantwortung

Im Fußballkreis Flensburg haben sie einen anderen Weg eingeschlagen, um die Gewalt in den Griff zu bekommen. Die Kreisliga-Referees zeigen seit dieser Saison keine Ecken- und Einwurfentscheidungen mehr an, das übernehmen die Spieler selbst. Die Aggressionen gegen die Unparteiischen sind dadurch deutlich weniger geworden. Die Spieler stehen nun selbst in der Verantwortung und haben kein Feindbild mehr.

Denn das sind die Schiedsrichter in vielen Fällen: Feindbilder. „Rund um den Fußball werden bei manchen Menschen, die womöglich keine Perspektive für sich sehen, aufgestaute, negative Emotionen zu kriminellen Aggressionen. Oft sind die Schiedsrichter das Opfer“, sagt Fandel. Der Alltagsfrust wird am Wochenende beim Fußball abgelassen.

Das führt zu einem Nachwuchsproblem. Im Berliner Fußball-Verband fangen jedes Jahr rund 200 junge Schiedsrichter an. Weil aber genau die gleiche Anzahl vorzeitig aufhört und überdies zahlreiche Unparteiische altersbedingt ausscheiden, sinkt die Zahl derer, die überhaupt noch bereit sind, sich zum Feind der Spieler zu machen.

Ruhiger Nachmittag für Zwayer

In Berlin finden jedes Wochenende bis zu 1500 Spiele statt. Der Verband hat jedoch nur gut 1000 Unparteiische zur Verfügung. Klar, dass da Engpässe entstehen. „Junge Schiedsrichter sind zu Beginn ihrer Laufbahn einem extremen Druck ausgesetzt“, sagt Fandel. „Im Jugendbereich werden sie vor allem von überengagierten Eltern attackiert wie später fast nie mehr in ihrer Karriere.“

Felix Zwayer hatte in Leverkusen übrigens einen ruhigen Nachmittag. Vier Gelbe Karten, neun zumeist klare Abseitsentscheidungen. Der „Kicker“ gab ihm die Schulnote „2“, in der Erläuterung heißt es unter anderem: „Er ließ sich auch durch etliche Provokationen nicht aus der Fassung bringen.“ Von Berlins Amateur-Fußballspielern konnte das an diesem Tag beim besten Willen nicht behauptet werden.