Oliver Kahn

"Lahms Trainer-Kritik hat einen faden Beigeschmack"

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Lars Gartenschläger

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Im Interview mit Morgenpost Online spricht Oliver Kahn über Philipp Lahm und dessen Buch "Der feine Unterschied", in dem er seine früheren Trainer kritisierte.

Er hat sich entschuldigt und betont, dass es sich bei seiner Biografie „Der feine Unterschied“ um kein Skandal- oder Enthüllungsbuch handelt. Trotzdem sieht sich Philipp Lahm seit Tagen heftiger Kritik ausgesetzt. Der Vorabdruck seines Buches, das am Montag erscheint und in dem der Kapitän der Nationalmannschaft ehemalige Trainer kritisiert hat, hat hohe Wellen geschlagen.

Morgenpost Online: Herr Kahn, Sie müssen sich bestätigt fühlen. Da wird von Ihnen eine Debatte über Führungsspieler angeschoben, und nur kurze Zeit später haut Philipp Lahm, dem Sie Führungsqualitäten abgesprochen hatten, mit einem Buch auf den Tisch.

Oliver Kahn: Eins vorweg: Ich habe in meinem Blog-Eintrag weder jemanden angegriffen noch den heutigen Spielern Führungsqualitäten abgesprochen. Ich habe lediglich im Rahmen meiner Tätigkeit für die Internetplattform Fanorakel, deren Mitbegründer ich bin, die Frage aufgeworfen, warum wir in der Bundesliga seit zehn Jahren keinen internationalen Titel mehr geholt haben und ob dieser Umstand vielleicht auch damit zusammenhängt, dass der Begriff des Führungsspielers im heutigen Fußball so negativ besetzt ist.

Morgenpost Online: Gut, dass wir das geklärt haben. Dann fragen wir Sie jetzt: Wie beurteilen Sie die Debatte um das Lahm-Buch?

Kahn: Wenn du Kapitän des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft bist, wird das, was du tust oder sagst, sehr genau beobachtet und bewertet. Und wenn du ein Buch schreibst, ist das Echo dementsprechend groß. Ich finde es grundsätzlich nicht verwerflich, wenn ein Profi sich mit seinem Wirken auseinandersetzt, bestimmte Dinge verarbeitet und sie in einem Buch festhält. Es wird immer dann problematisch, wenn du negative Dinge über Spieler oder Trainer schreibst, mit denen du in der Vergangenheit zusammengearbeitet hast. Das kommt in der Fußball-Branche nicht gut an. Lahm hat sich bei den betreffenden Personen entschuldigt und damit sollte das Thema auch erledigt sein.

Morgenpost Online: Demnach halten Sie Konsequenzen seitens des DFB für abwegig?

Kahn: Sicherlich wird man sich zusammensetzen und über die genauen Beweggründe Lahms diskutieren. Aber weitreichende Konsequenzen sehe ich nicht.

Morgenpost Online: Das heißt, Lahm sollte Ihrer Meinung nach Kapitän der Nationalelf bleiben? Das sehen nicht alle so.

Kahn: Natürlich kann man darüber streiten und die Frage aufwerfen, ob der Zeitpunkt für das Erscheinen des Buches der richtige war. Normalerweise schreiben Profifußballer erst am Ende oder nach der Karriere ein Buch. Finanzielle Aspekte dürften heutzutage kaum eine Rolle spielen, da die Spieler genug verdienen. Inwieweit er etwas verarbeiten möchte oder mehr an Profil gewinnen möchte oder welche sonstigen Beweggründe dahinterstecken, kann aus der Distanz nur schwer beurteilt werden.

Morgenpost Online: Sie haben drei Bücher geschrieben.

Kahn: Bei meinem ersten Buch wusste ich um die Problematik, die kritische Äußerungen über Personen aus der Vergangenheit mit sich bringen. Den einzigen Namen, den ich in meinem ersten Buch genannt habe, war der von Marco Bode. Absurderweise wurden mir dann von Seiten der Medien egoistische Verhaltensweisen vorgeworfen, da ich es nicht für nötig hielt, Namen zu nennen.

Morgenpost Online: Philipp Lahm hat sich entschuldigt , aber es steht nun mal geschrieben, dass er die Methoden seiner Ex-Trainer Klinsmann, Völler, Magath und van Gaal nicht sonderlich gut fand. Haben im Fußball einige einfach nur ein Problem mit der Wahrheit?

Kahn: Wahrheit ist ein relativer Begriff. Aus Lahms Sicht stellt sich die Wahrheit unter Umständen anders dar als aus der Sicht von Jürgen Klinsmann oder Rudi Völler . Rudi Völler führte eine Mannschaft mit einem sehr menschlichen und kumpelhaften Stil. Vielleicht war das aber genau der Stil, den die Mannschaft damals gebraucht hat. Fakt ist jedenfalls, dass Rudi Völler der letzte Trainer war, der mit einer deutschen Mannschaft in einem WM-Finale gestanden hat. Jürgen Klinsmann hingegen musste nach Rudi Völler eine junge, unerfahrene Truppe führen. Und er sagte sich, wenn wir von der Erfahrung her den anderen Nationen unterlegen sind, müssen wir eben topfit sein. Das war sein Stil, das war seine Wahrheit. Die absolute Wahrheit gibt es im Fußball nicht. Das, was heute als modern und zeitgemäß bezeichnet wird, kann morgen schon wieder von ganz anderen Methoden und Vorstellungen abgelöst werden. Und genau das macht Fußball so interessant und spannend.

Morgenpost Online: Ab Montag treffen sich die Nationalspieler. Nach der neuerlichen Debatte wird Philipp Lahm garantiert unter besonderer Beobachtung stehen.

Kahn: Philipp Lahm spielt schon lange beim FC Bayern und er kennt solche Situationen. Er weiß, was es bedeutet, permanent unter dem Druck der Öffentlichkeit und der Medien seinen Beruf auszuüben. Ich glaube nicht, dass ihn das aus der Bahn wirft.

Morgenpost Online: Was glauben Sie, wie die Kollegen, mit denen er 2008 auch schon bei der EM im Kader stand, Lahm empfangen? In seinem Buch hat er auch Interna aus dieser Zeit preisgegeben.

Kahn: Ich denke, wir sind uns einig, dass es immer problematisch ist, wenn ein Spieler kritische Dinge über seine ehemaligen Vorgesetzten veröffentlicht. Das hat einen faden Beigeschmack, und ich denke, das hat Lahm mittlerweile auch eingesehen. Im Rahmen der Nationalmannschaftskollegen wird das kaum ein Thema sein, da er namentlich keine Spieler aus dem aktuellen Kader kritisiert hat.

Morgenpost Online: Noch einmal zurück zum Kapitänsamt. Kann Bundestrainer Löw seinem Kapitän denn überhaupt noch vertrauen, oder muss er nicht fürchten, dass Dinge, die er ihm sagt, irgendwann öffentlich werden?

Kahn: Es geht um grundsätzliches Vertrauen, das der Trainer haben muss – und das hat er offenbar weiterhin. Du kriegst doch auch als Spieler ohne Kapitänsbinde fast alles mit, was im "Inner Circle" gesprochen wird. Und außerdem sollten wir das Amt des Kapitäns auch nicht überschätzen. Es ist doch nicht so, dass du als Kapitän 50 Prozent mehr weißt als der Rest der Mannschaft.