Als Bundestrainer Joachim Löw am Montagabend endlich eine unerfreuliche Pflicht hinter sich gebracht hatte und in seinem Zimmer im Düsseldorfer „Hotel Hyatt“ verschwunden war, klingelte das Telefon. Per Mertesacker , wie die übrigen Nationalspieler in derselben Herberge untergebracht, hatte ein dringendes Anliegen.
Der Abwehrspieler von Werder Bremen brauchte die Erlaubnis, sich von der Mannschaft entfernen zu dürfen. Löw gewährte sie ihm, und so flog der 26-Jährige am Dienstagmorgen nach London, um einen Traum wahr werden zu lassen. Stets hatte er davon geschwärmt, einmal in Englands Premier League spielen zu wollen. Nun unterschrieb er beim FC Arsenal bis 2015, die Ablöse soll bei rund zehn Millionen Euro liegen.
Der Transfer des 75-maligen Nationalspielers wäre die Hauptmeldung des Tages gewesen, schließlich wird eine Löwsche Stammkraft von nun an von Traineridol Arsene Wenger angeleitet und muss dem Traditionsklub nach dessen 2:8 gegen Manchester United schnellstens defensive Stabilität verleihen.
Doch das Unterkommen des nächsten deutschen Nationalspielers bei einem internationalen Spitzenklub war nur eine Randnotiz. Denn das beherrschende Thema war vorgegeben, und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) reagierte pflichtbewusst: Am Dienstag saßen der Trainer und sein Kapitän Philipp Lahm auf der Pressekonferenz im Düsseldorfer „Congress Center“.
Und natürlich ging es um Lahms Buch „Der feine Unterschied“, über das Löw mit dem Hobbyautoren bereits zu Gericht gesessen hatte.
Lange nicht mehr hatte Fußball-Deutschland sich so echauffiert wie über dieses Werk. In dieser Vehemenz zuletzt 1987, als Torwart Toni Schumacher in seinem „Anpfiff“ Dopingvorwürfe erhob, nahezu jedem seiner Kollegen wenig Charmantes ins Stammbuch schrieb und dafür aus der Nationalelf flog.
Ein Bestseller
Lahms Buch ist von dieser Wucht meilenweit entfernt, die allermeisten der 272 Seiten kommen über den Status von netter Plauderei nicht hinaus. Doch aus unerfindlichen Gründen fühlte sich der Kapitän der deutschen Nationalelf berufen, an einigen Stellen zu übertreiben.
Statt seine Intention durchzuziehen, dem Leser den Fußball aus Sicht eines Profis näherzubringen, ließ er sich zu Kritik an seinen ehemaligen Trainern Rudi Völler, Jürgen Klinsmann, Felix Magath und Louis van Gaal hinreißen. Und weil er die Vorabrechte verkaufsfördernd an die „Bild“ vergeben hatte, wurden exakt diese Passagen abgedruckt. „Kleine Auszüge, die zu Missverständnissen geführt haben“, nannte Lahm das am Dienstag.
Das ist natürlich ebenso blauäugig wie kurzsichtig. Denn wenn jemand die Auflage mittels der größten Boulevardzeitung des Landes hochtreiben will („Der feine Unterschied“ hat in der Amazon-Bestsellerliste bereits Charlotte Roches „Schoßgebete“ von Platz eins verdrängt), muss er damit rechnen, dass diese selektiv vorgeht bei ihrer Auswahl von Textpassagen.
Sitzung mit Lahm
Und wer schreibt, dass das Training unter Teamchef Rudi Völler „völlig unsystematisch“ gewesen sei, dann kann er es kaum auf ein Missverständnis schieben, wenn der Kritisierte wütend wird.
Genau das geschah: Völler bezeichnete Lahms Ausflug ins Literarische als „schäbig und erbärmlich“ und attestierte dem Autoren „null Charakter“ . Weitere Fußballgrößen inklusive Felix Magath („So wirst du kein Führungsspieler“) schlossen sich Völler an. Auch Marko Rehmer, der 2002 unter Rudi Völler WM-Silber gewonnen hatte, sagte dem Sender TV Berlin: „Natürlich war es unter Völler nicht so, wie Lahm schreibt. In Verbindung mit Michael Skibbe (Völlers Co-Trainer – d.R.) haben wir auch viel Taktik gemacht. Es war beim Training nicht nur lustig.“
Er glaube nicht, dass Lahm länger Kapitän der Nationalmannschaft sein könne: „Als Mitspieler wäre ich jetzt vorsichtig bei allem, was ich sage. Gegenüber der Mannschaft hat es Lahm jetzt ganz sicher nicht leicht, Kapitän zu bleiben.“
Ganz so hoch will Joachim Löw das Thema dann aber doch nicht hängen. Bis Montag, 19.00 Uhr, mussten die Nationalspieler in Düsseldorf eintreffen. Bereits kurz darauf tagten der Trainerstab und Manager Oliver Bierhoff mit Lahm.
Der Spieler erklärte – wie bereits in einer Presseerklärung, die am Donnerstag erschienen war – er habe niemanden kritisieren wollen. Löw sieht das anders: „Wir sind in den vergangenen Tagen mit diesem Buch ununterbrochen konfrontiert worden. Ich habe Philipp Lahm deutlich gemacht, dass ich es nicht glücklich finde, dass er als aktiver Spieler über ehemalige Trainer urteilt. Das steht niemandem zu.“
Er fände das Buch aber auch anders, als es in den Vorabdrucken den Anschein hat: „Philipp gibt keine Interna preis, darum stellte sich auch nicht die Frage, ob er als Kapitän abgesetzt werden solle.“
Lahm betete die Vorlagen des Bundestrainers anschließend brav und ungewöhnlich wortkarg nach: „Das Buch ist gedruckt, ich kann nichts mehr raus streichen. In Zukunft werde ich nicht mehr über Trainer urteilen, wenn der Trainer das nicht will. Ich habe mit den Reaktionen, die jetzt kamen, nicht gerechnet.“ Er hoffe aber, dass Spieler, die etwas mit ihm als Kapitän zu bereden haben, weiter zu ihm kommen werden. Auch mit Rudi Völler will er beizeiten Frieden schließen.
Löw: "Es stört mich"
Es soll ein Schlussstrich unter den „feinen Unterschied“ gezogen werden, schließlich steht am Freitag das vorentscheidende Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 2012 gegen Österreich in Gelsenkirchen an. Ein Sieg, und die Tickets für den Flug Richtung Polen und Ukraine können bestellt werden.
„Es stört mich, dass tagelang andere Themen diskutiert werden“, sagte Löw. Statt über die anstehenden Aufgaben würden alle nur über das Buch reden: „Ich wünsche mir, dass das Ganze jetzt ad acta gelegt wird.“ Nur noch einmal will er das Wort ergreifen. Mit dem Mannschaftsrat soll die Thematik auch noch besprochen werden.
Allerdings konnte das Gespräch am Dienstag nicht stattfinden: Das Gremium war nicht komplett. Per Mertesacker kehrte erst am Abend aus England zurück, im Gepäck seinen neuen Vertrag. Für derlei Kinkerlitzchen hätte er nach seinem wegweisenden Ausflug wohl auch kaum ein offenes Ohr gehabt.




