Chaotischer Clasico

Als Özil zur Geisterstunde den "Raging Bull" gab

Brutale Fouls von Madrid und Tumulte nach Spielschluss trüben Barcelonas Supercup-Triumph. Real-Trainer Mourinho spielt wieder die unrühmliche Hauptrolle.

Ein paar Mitspieler von Real Madrid hatten es versucht, ein Teambetreuer des FC Barcelona und auch dessen Spieler Adriano. Vergebens. Mesut Özil war einfach nicht zu bändigen.

Wild zeternd stapfte er über den Platz des Camp Nou, blanke Wut in den Augen, kaum jugendfreie Worte auf den Lippen. Erst Kollege Marcelo schaffte es, ihn sachte zum Spielertunnel zu schieben. Marcelo, ausgerechnet.

Der brasilianische Linksverteidiger hatte durch einen beidfüßigen Angriff auf die Gesundheit von Barcelonas Zugang Cesc Fabregas – Grätsche mit links, Tritt mit rechts – die Tumulte erst ausgelöst, die ein ausgeglichenes und mitreißendes, aber von Madrider Seite extrem schmutzig geführtes Rückspiel um den spanischen Supercup in den Schlusssekunden eskalieren ließen.

Danach beobachtete der Brandstifter gelassen sein Werk – wer mochte, konnte ein teuflisches Grinsen in seinem Gesicht entdecken, als die von ihm gelegte Lunte loderndes Feuer fing. Praktischerweise hatte er seine Attacke just an der Seitenlinie platziert, von den Ersatzbänken sprangen die Belegschaften beider Teams auf und lieferten sich eine wüste Keilerei.

Drei Mal Rot

An deren Ende sah nicht nur Marcelo die Rote Karte, sondern auch zwei Spieler, die schon ausgewechselt waren. Barcelonas David Villa sowie eben Mesut Özil, beide werden für mindestens ein Spiel gesperrt.

Was musste da bloß passiert sein? Normalerweise strahlt der Spielgestalter der deutschen Nationalelf ja allenfalls das Aggressionspotenzial eines Kühlschranks aus, so ruhig, fast bieder, wie er daherkommt.

In 249 Spielen als Fußballprofi brachte er es gerade mal auf 14 Gelbe Karten plus einmal Rot bei einem Ligaspiel mit Werder Bremen 2008 in Bochum.

Wo war "Nemo"?

Seine Mitspieler nennen ihn angeblich „Nemo“, nach dem niedlichen und definitiv friedfertigen Clownfisch aus dem Disney-Film. Doch wer Özil dann am Ende der Geisterstunde sah, musste eher an „Raging Bull“ denken.

Der 22-Jährige wollte sich bislang nicht zum Tathergang äußern, weitgehend unbestritten scheint jedoch, dass er in dem allgemeinen Gerangel von Villa, ob absichtlich oder unabsichtlich, am Kinn erwischt wurde.

Zuvor war er weder durch sonderlich überragendes Spiel noch durch irgendwelche Aggressionen aufgefallen, aber offenbar kann selbst einer wie er nicht dauerhaft unbeeindruckt bleiben von der unerträglichen Größe des „Clasico“. Seit Jahrzehnten wird das bedeutendste Duell des Weltfußballs mit einer Intensität bis and den Rande der Gewalt geführt. Zuletzt geht es regelmäßig darüber hinaus.

Vordergründig dafür verantwortlich sind Spieler wie Marcelo oder Innenverteidiger Pepe, die Barcelonas Wundertechnikern mit Haken, Ösen und kalkulierten Tätlichkeiten den Schneid abzukaufen versuchen. Aber letztlich erscheinen sie darin nur als Marionetten ihres Vorgesetzten.

Nicht zufällig fällt die Ausweitung der Kampfzone in den vergangenen Clasicos mit der Amtsübernahme von Jose Mourinho zusammen, dem Manipulator auf der Trainerbank. Beim mit 2:3 verlorenen Supercup-Rückspiel ( Hinspiel: 2:2 ) zeigte er am selben Abend seine beste und schlimmste Seite.

Katastrophales Verhalten

Fachlich hat der Mann erhebliche Qualitäten, er verordnete seiner Mannschaft ein mutiges Offensivpressing, das Barcelona zu nie gesehenen Abspielfehlern zwang und seiner Mannschaft durch Ronaldo (20.) und Benzema (82.) zweimal den Ausgleich ermöglichte. In seinem Verhalten ist er eine Katastrophe.

Die überragende Leistung von Lionel Messi – Traumvorlage auf Iniesta zum 1:0 (15.), zwei Traumtore zum 2:1 (44.) und 3:2 (88.) – kommentierte er Mitte der zweiten Hälfte mit einer kindisch-vulgären Geste: Als der kleine Argentinier vor ihm stand, suggerierte Mourinho mit seinen Gebärden, er würde stinken.

Auch nach Spielende ließ er sich die Hauptrolle nicht nehmen, indem er auf Barcelonas Co-Trainer Tito Vilanova zulief und ihm seinen Finger in die Wange bohrte. Abgerundet wurde der Auftritt von der Weigerung, sich später dafür bei dem ihm angeblich unbekannten Assistenten zu entschuldigen: „Pito Vilanova? Ich weiß nicht, wer dieser Pito sein soll.“

Realitätsverlust

Die Rotzigkeit des Trainers wurde von seinem Team erwidert, als es die Pokalübergabe boykottierte. Versunken in eine Parallelwelt unterstellte Kapitän Iker Casillas seinem Nationalelfkollegen Fabregas bei dem brutalen Foul von Marcelo eine Schwalbe („Da hat sich halt mal wieder einer fallen lassen“) und sprach Vizekapitän Sergio Ramos vom „großartigen Bild“, das sein Team abgegeben habe.

Diesen Realitätsverlust teilen inzwischen jedoch nicht mal mehr die vereinsnahen Hofblätter. „As“ fordert in seinem Leitartikel Real-Präsident Florentino Perez zum Einschreiten auf („Diese Sachen müssen unter Kontrolle kommen“), der „Marca“-Kommentator schreibt gar von der „Schäbigkeit, die alles umgibt, was Mourinho anfasst“.

In Barcelona sind sie da natürlich nicht anderer Meinung. Trainer Pep Guardiola zeigte sich zwar einerseits erfreut über den elften Titel seiner erst dreijährigen Amtszeit (womit er sein großes Vorbild Johan Cruyff als erfolgreichsten Barcelona-Trainer einholt), jedoch auch besorgt über die Eskalation der Feindseligkeiten.

„Das kann übel ausgehen, wenn es nicht bald gestoppt wird.“ Noch deutlicher äußersten sich manche seiner Spieler. „Real Madrid gibt ein erbärmliches Bild“ ab, urteilte Mittelfeldmann Xavi, während Abwehrchef Pique eine Wirkung weit über den Hauptstadtklub hinaus befürchtet: „Mourinho zerstört den spanischen Fußball.“ Daran, dass der erste Spieltag am Wochenende wohl entfällt, hat der Portugiese allerdings ausnahmsweise keine Schuld. Die Spieler streiken.