Ewiges Talent

Freddy Adu und sein amerikanischer Albtraum

Mit 14 Jahren sollte Freddy Adu der erste Superstar des US-Fußballs werden. Zuletzt wollten nicht mal mehr europäische Zweitligaklubs den 22-Jährigen haben.

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Natürlich war das Stadion ausverkauft. Zunächst gab es stehende Ovationen, als er zum ersten Mal für seinen neuen Klub das Spielfeld betrat, und dann erneut, als er es wieder verließ. Nach dem Schlusspfiff klebten die Fotografen an ihm, umzingelten ihn die Reporter. Alles so, wie es geplant war, damals mit 14, als Freddy Adu zum Revolutionär des Fußballs erklärt wurde, zum Eroberer der Neuen Welt. Weniger geplant war bloß, dass sich diese Szenen vom Wochenende nicht im Mailänder San Siro abspielten, im Old Trafford von Manchester oder in einer der großen Sportarenen der USA. Sondern vor 18.500 Unentwegten im PPL Park von Chester/Pennsylvania.

22 Jahre ist der Amerikaner jetzt alt und zurück auf Los. Vorige Woche heuerte Adu bei Philadelphia Union in der heimatlichen Major League Soccer (MLS) an. In Europa war das den Nachrichtenagenturen nicht einmal mehr eine Erwähnung wert, und Benfica Lissabon, das die Transferrechte an ihm hielt, verlangte auch keine Ablöse. Als er in Philadelphia präsentiert wurde, sagte Adu: „Ich bin einfach nur froh, hier zu sein und Fußball spielen zu können.“ Bescheiden erklärte er weiter: „Ich bin hier, um zu helfen, ob im Mittelfeld, im Sturm oder auf der Bank.“ Und: „Ich bin bereit, zu lernen und zuzuhören.“

Demut in der Fußballprovinz, das ist ein weiter Weg von dem amerikanischen Traum, den er so pur zu leben schien, wie es sich Hollywood kaum zu filmen trauen würde. Geboren in Ghana, kam Adu mit acht in die USA, als die Mutter in der Lotterie eine Green Card gewann. Sein Talent fiel gleich auf, mit zehn stand er in seinem ersten Olympianachwuchskader, mit zwölf trainierte er mit 15-jährigen an der US-Fußballakademie, mit 14 unterschrieb er beim MLS-Team D.C. United.

Er wurde damit, sportübergreifend, zum jüngsten amerikanischen Profi seit dem 19. Jahrhundert und zum jüngsten US-Sportmillionär dazu, denn sogleich nahm ihn Nike unter Vertrag und setzte seine beträchtliche Marketingmaschinerie in Gang, um die Botschaft vom neuen Wunderkind ins Land zu tragen. Freddy Adu sollte Amerikas erster Fußballstar werden, erreichen, was Cosmos New York, die WM 1994 und die MLS nicht geschafft hatten, und dem globalen Spiel seinen skeptischsten Markt öffnen. Es gab Werbespots mit Pele, und sein Debüt für D.C. wurde, soccer-untypisch, landesweit übertragen.

Der Hype funktionierte, bis der Fußball dazwischengrätschte. Aus heutiger Sicht erzählt die Geschichte von Freddy Adu viel über die Sehnsüchte der amerikanischen Soccer-Community und ein wenig auch über deren geringe Fachkompetenz – wer kann bei einem 14-Jährigen schon vorhersagen, ob er mal was wird? Adu traf nicht so oft, wie er sollte, zerstritt sich mit seinem Trainer, zeigte gewisse Allüren. Eine starke U17-WM verschaffte ihm 2007 dennoch das anvisierte Engagement in Europa, für 1,5 Millionen Euro Ablöse wechselte er Benfica. Doch anstatt zum Sprungbrett wurde Lissabon zum Ausgangspunkt eines Albtraums zwischen Ersatzbank und Leihgeschäften. Über Monaco, Belenenses Lissabon, Saloniki und ein erfolgloses Probetraining bei Ingolstadt führte Adus Europa-Odyssee zuletzt zu Caykur Rizespor, zweite türkische Liga.

Bloß aufgegeben hat er nie, so sehr er auch drohte, eine Anna Kurnikowa des Fußball zu werden: reich durch die frühen Sponsoren, aber ohne sportliche Hinterlassenschaft. Als er in der Türkei wenigstens mal wieder regelmäßig spielen durfte, wurde Nationaltrainer Bob Bradley auf ihn aufmerksam und holte ihn zurück in die Auswahl. Zwei starke Darbietungen beim Gold Cup weckten die Neugier der MLS. Zurück holte ihn dabei just der Klub, den Piotr Nowak trainiert. Der ehemalige Bundesliga-Spieler (1860, Dresden) war der Coach, mit dem sich Adu einst bei D.C. beharkte. Vergangenheit. „Freddy weiß jetzt, was wichtig ist im Leben“, sagt Nowak.

Nike schmiss mit Millionen

Schon fragen die ersten ganz zart, ob es doch noch etwas werden könnte mit dem Superstar. Parallel zu ihm ist ja auch der US-Fußball nicht recht vom Fleck gekommen, Philadelphia gilt mit seinen 18.500 Fans schon als Hochburg, und die Nationalelf enttäuschte zuletzt so verlässlich, dass Erneuerer Jürgen Klinsmann sie jetzt übernehmen musste. Adu freilich wird einen Teufel zu tun, sich noch einmal als Messias einspannen zu lassen. Angenehm ehrlich sagt er, der frühe Ruhm „sei gut und schlecht gewesen: Meine Familie war arm, meine Mutter musste zwei Jobs machen, da kannst du nicht Nein sagen, wenn Nike mit Millionen nach dir schmeißt.“

Auf der anderen Seite „war ich damals natürlich nicht reif, mit dem ganzen Wahnsinn umzugehen. Also habe ich ein paar Fehler gemacht und harte Zeiten durchlebt, aber ich bin begnadet in dem Sinne, dass ich trotzdem erst 22 bin und sich vielleicht jetzt alles zusammenfügt“.

Es mag nicht der American Dream geworden sein. Aber eine gute Comeback-Story wäre auch nicht so schlecht.