Nationalelf

In Stuttgart trägt Cacau stolz einen deutschen Namen

Er wurde in Brasilien geboren und stürmt jetzt für Deutschland. Warum Stuttgarts Stürmer Cacau als Musterbeispiel gelungener Integration gilt.

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Fußballer und Mathematik, das ist seit jeher eine verquere Beziehung und nicht erst, seit Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge in Richtung des damaligen Trainers Ottmar Hitzfeld, vormals Rechenlehrer, fauchte: „Fußball ist keine Mathematik!“ Da gab es einst den Übungsleiter Fritz Langner, der seine Spieler im Training anwies: „Ihr fünf spielt jetzt vier gegen drei.“ Oder Thorsten Legat, der besser grätschen als Prozentrechnung konnte und orakelte: „Unsere Chancen stehen jetzt 70 zu 50.“

Der deutsche Nationalstürmer Cacau ist über den Verdacht erhaben, derlei Probleme mit dem Zahlenwerk zu haben. Und dennoch geriet er vor dem Länderspiel am Mittwoch gegen Brasilien (20.45 Uhr, ARD) ins Schlingern. Der Angreifer wurde vor 30 Jahren im brasilianischen Santo André als Claudemir Jeronimo Barreto geboren, und natürlich wollten vor der Partie gegen sein Heimatland alle von ihm wissen, ob er sich denn mehr als Deutscher oder als Brasilianer fühlt. Er fand eine diplomatische, wenn auch unter wissenschaftlichem Blickwinkel zweifelhafte Antwort: „Ich bin zu hundert Prozent Deutscher und zu hundert Prozent Brasilianer.“

Zunächst nur auf der Bank

Sehr wahrscheinlich wird Cacau am Mittwoch der bewegteste Spieler sein, wenn die Nationalhymnen erklingen. Auch wenn er wohl zunächst auf der Reservebank Platz nehmen muss. Zum einen wegen der besonderen Spielpaarung, zum anderen, weil die die Partie im frisch renovierten Stuttgarter Stadion stattfindet, wo Cacau für den ortsansässigen VfB auf Torejagd geht. „In Stuttgart mit der deutschen Nationalmannschaft gegen mein Heimatland Brasilien zu spielen, das ist ein unbeschreibliches Gefühl“, schwärmt er deshalb ohne falschen Pathos, „ein Höhepunkt meiner Karriere.“

Es ist auf jeden Fall der wohl emotionalste Punkt einer außergewöhnlichen Laufbahn. Denn als er vor zwölf Jahren nach Deutschland kam, gab es den Fußballer Cacau nicht. Oder besser: nicht mehr. Zwar hatte er beim brasilianischen Klub Nacional AC Sao Paulo zuvor schon ein bisschen Geld mit Kicken verdient, doch dann war er ausgemustert worden: zu untalentiert, zu wenig torgefährlich, lautete die Diagnose. Mit einer Sambagruppe kam er 1999 nach Deutschland und tingelte tanzend durchs Land.

Mit 19 Jahren bekam Cacau einen Vertrag bei Türk Gücü München in der fünftklassigen Landesliga („Wir haben sieben Monate kein Gehalt bekommen“). Ein Jahr später wechselte er zu den Amateuren des 1. FC Nürnberg und schaffte von dort den Sprung zu den Profis. Seit 2003 spielt er beim VfB Stuttgart, wo er am kommenden Wochenende voraussichtlich ein Jubiläum feiern kann: Verletzt er sich nicht zuvor, wird er gegen Borussia Mönchengladbach sein 250. Bundesliga-Spiel machen.

Zuvor will Cacau aber sein 18. Länderspiel für Deutschland bestreiten. 2009 ist er deutschen Staatsbürger geworden, vor einem Jahr berief ihn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zum Integrationsbeauftragten. Ein Job, für den er wahrlich prädestiniert ist. Wo sich Brasilianer wie Marcelinho auch nach Jahren im Land noch ausschließlich mit Dolmetscher vor die Kamera trauten, parliert Cacau mittlerweile in gutem Deutsch. Beobachter berichten gar, dass er die schwäbische Kehrwoche, das turnusmäßige Reinigen des Treppenhauses, stets pünktlich, eigenhändig und äußerst akkurat durchführt.


Er will in Deutschland bleiben

Auch nach seiner Karriere will Cacau bleiben, er sagt: „Meine Zukunft liegt vermutlich hier. Meine Kinder sind hier aufgewachsen, wir haben viele Freunde und fühlen uns hier sehr wohl. Ich kann mir momentan schwer vorstellen, wieder zurück nach Brasilien zu gehen.“ Es sind wohl auch die Erinnerungen an die alte Heimat, die ihn an einer Rückkehr zweifeln lassen. „Mein ganzes Leben war ein Kampf“, sagt Cacau. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, sein Vater verließ früh die Familie: „Meine Mutter hat als Putzfrau gearbeitet, um uns drei Brüder zu ernähren.“

Der Traum vom Fußballprofi drohte früh zu platzen: „Als 16-Jähriger bin ich in Sao Paulo von der Fußballschule von Palmeiras als talentfrei abgelehnt worden. Als ich nach Deutschland kam, war ich ein Niemand. Jetzt spiele ich in meiner neuen Heimat gegen mein Heimatland. Das ist etwas ganz Großes.“

Auch zahlreiche Stuttgarter Vereinskollegen werden ihm dabei die Daumen drücken. Sie haben dem deutschesten aller Bundesliga-Brasilianer schon vor Jahren einen Spitznamen verpasst, den Cacau heute noch mit Stolz trägt: Helmut.