Kolumne "Querpass"

Das unverschämte Glück des Amerikaners Klinsmann

Jürgen Klinsmann ist nun mal ein Glückskind. Der 47-Jährige wird neuer US-Nationalcoach. Seine Feinde hoffen, dass er scheitert.

In New York tritt am Montag um 16 Uhr (MESZ) der Präsident vor die Mikrofone, um seinen erleichterten Amerikanern mitzuteilen, dass er sein größtes Problem nach härtesten Verhandlungen wunderbar gelöst hat – nein, wir sprechen hier nicht von Barack Obama und seinem Fingerhakeln mit den Republikanern zur Behebung der Schuldenkrise, sondern vom Präsidenten des US-Fußballverbands: Sunil Galati stellt seinen neuen Nationaltrainer vor.

Und Jürgen Klinsmann kann es kaum erwarten. Er brennt lichterloh – schon übers Wochenende hat der Neue mit den Hufen im Startblock gescharrt und geschworen: „Ich lege gleich richtig los.“

Das Echo ist gemischt.

Nach ersten Erhebungen können die Amerikaner gut mit ihm leben, und die Deutschen in Amerika auch. „Das passt für beide perfekt“, freut sich Dirk Nowitzki. Nur hier in Deutschland legen Scharen von Menschen die Stirn in Falten wie eine Ziehharmonika.

Erstaunliche Gehässigkeit

Am Massenstammtisch des Internets hat am Samstag nur ungefähr einer von zehn Debattierern dem einstigen Bundestrainer zu seinem 47. Geburtstag gratuliert, bei den übrigen neun war der Gedankenaustausch geprägt von einer gewaltigen Skepsis, ja mitunter sogar von einer erstaunlichen Gehässigkeit – noch schlechter weg in der öffentlichen Meinungsentfaltung kommt höchstens der Freiherr von und zu Guttenberg, der dieser Tage bekannt gab, dass er eine Auszeit von Deutschland nimmt und an die US-Ostküste nach Connecticut auswandert.

Klinsmann lebt in Kalifornien, aber das macht ihn nicht beliebter. Es gibt zurzeit populärere Ideen, als mit den Amerikanern etwas am Hut zu haben. Die sind, finden viele, nicht nur an ihrer Schuldenkrise schuld, sondern an allem, auch am Sauwetter der letzten Wochen. Man mag sie nicht.

Beim Finale der Frauen-WM sind die gescheiterten deutschen Ballerinas auf der Tribüne im Rahmen ihres antiamerikanischen Reflexes bei jedem Tor der Japanerinnen aufgesprungen, auf fast geschmacklose Art auch die Bundestrainerin Silvia Neid.

Peinliche Beschimpfung

Wesentlich peinlicher ist jetzt auch nicht die Klinsmann-Beschimpfung eines gewissen „ND“, der im Schutz der Anonymität in so einem Forum schäumt: „Backnangs Bäckerbuje ist im Land der Puddingfresser besser aufgehoben. Da schätzt man eine hohle leere Phrasendresche maximalst monitär.“

Backnang? Buje? Da paart sich maximalst das Blindgängerwissen mit dem Frust und dem Neid aufs Monitäre – oder sagen wir es mit „El Mundo“ in derselben Klinsmann-Debatte: „Ich gönne ihm die Kohle nicht.“

Das war anno 2006 nach dem Sommermärchen noch anders. Damals wollten 94 Prozent von uns Deutschen flehentlich, dass Klinsmann als Bundestrainer weitermacht, aber inzwischen mögen ihn nur noch die übrigen sechs Prozent, der gefühlte Rest beleidigt ihn schlimmstenfalls als Nichtskönner und Abzocker – jedenfalls ist er etwa so beliebt wie ein Topmanager aus dem Bankwesen, der sich mit der Abfindung aus dem Staub macht und in eine kalifornische Hängematte legt.

Klinsmann spürt den Knüppel des Zeitgeists: Wer vom Glück zu sehr geküsst wird, kommt nicht mehr ungeschoren davon. Wieder hat er einen Traumjob . Wieder alle Macht. Wieder gutes Geld. Diesmal kommen die Spieler sogar zu ihm, und dann wird trainiert, in der Sonne, womöglich am Strand?

Nun hat er auch noch dieses unverschämte Glück, nicht mehr in Deutschland trainieren zu müssen, dem Weltsitz des Grübelns. Ab sofort wird ihn keiner mehr behelligen, wenn er mit neuen, bisher nie gesehenen innovativen Ideen aufwartet – oder den Einsatz von Psychologen verschärft, die von uns Deutschen nach wie vor beäugt werden, „als ob das“, so unser anderer Wahlamerikaner Nowitzki, „nur etwas für Sportler mit Dachschaden ist.“

In Amerika regt sich keiner auf – spätestens seit der Finanzkrise gehört ein Psychologe dort zum guten Ton.

Himmelfahrtskommando?

Klinsmann übernimmt also seinen bisher besten Job. Wie 2006 übernimmt er eine Mannschaft, die kriselt. Die Amerikaner sind in der Weltrangliste auf Platz 30 durchgesackt, eine neue Aufbruchstimmung tut Not – und wenn es ihm gelingt, seine eigene Leidenschaft mit der seiner künftigen US-Boys zu kombinieren, könnte aus dem neuen Job mehr werden als ein Himmelfahrtskommando.

Seit 1990 sind die Amerikaner bei jeder WM dabei, und vor zwei Jahren beim Confed-Cup haben sie die unschlagbaren Spanier besiegt. Klinsmann spielt mit dem Feuer, aber er vertraut seinem eigenen Feuer: Just do it.

So hat er sein Glück geschmiedet, und schon früh wusste er, dass er es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten suchen würde. Nach der Bäckerlehre beim Vater ging er mit 18 seine eigenen Wege und spazierte schon damals mit dem Rucksack durch Amerika – nur ein paar Jahre später schickte die Chicago Tribune bereits ihren berühmtesten Kolumnisten zu diesem Fußballer nach Europa, der so anders als andere war: „Ein Deutscher ohne Grenzen“, notierte Phil Hersh, „ein Mann mit globaler Sichtweise“.

Heute ist Klinsmann amerikanischer als viele Amerikaner, seine Frau ist Amerikanerin, seine Kinder sind Amerikaner, er denkt amerikanisch und spricht amerikanisch, jedenfalls war ihm sein perfektes Schwäbisch fürs Leben nie genug. Außerdem kann er Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch und Spanisch. Der „Observer“ in London beschrieb ihn einmal als den „coolsten Deutschen seit Marlene Dietrich“.

Geschadet haben unsere ausgewanderten Deutschen den Amis übrigens selten, eine Erfolgsgeschichte jagt da die nächste, denken wir nur an Albert Einstein, den anderen Schwaben. Auch über Henry Kissinger müssen wir nicht reden, und Wernher von Braun hat die Amerikaner auf den Mond geschossen.

Jetzt also Klinsmann. Alle sind gespannt, und seine Feinde hoffen, dass er verliert, möglichst schon nächste Woche gegen Mexiko. Sonst bleibt ihnen nur noch der Rat von Goethe, der jedem Neidhammel gegen den unerträglichen Schmerz zwei Dinge empfohlen hat, einen Balken und einen Strick – „das hält und trägt, und er wird fühlen, dass sein Zorn sich legt.“

Denn anders ist er sonst nicht mehr auszuhalten, dieser Botnanger Bäckersbub, der alles gebacken bekommt und für den der Wandspruch erfunden wurde: Glück hat auf Dauer nur der Glückliche.