Real Madrid

Die Zeit der Ausreden ist für Mourinho abgelaufen

Jose Mourinho hat jetzt bei Real Madrid den Kader, den er haben wollte. Besonders umkämpft sind die Positionen zwischen Abwehr und Angriff.

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Als José Mourinho vor einem Jahr zu Real Madrid kam, dämpfte er erst einmal die Erwartungen. „Meine Mannschaften sind im zweiten Jahr immer besser“, sagte er. Es war ein Satz, der in den vergangenen Monaten oft zitiert wurde und so etwas wie eine Schonzeit anzeigte – niemand konnte ernsthaft verlangen, dass Mourinho auf Anhieb die epochale Truppe des FC Barcelona entthronen würde.

Bei allem Verdruss über sein kontroverses Benehmen bescheinigen ihm daher bislang auch seine Kritiker eine ordentliche sportliche Bilanz. Barça in der Meisterschaft ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert und im Pokalfinale sogar geschlagen, dazu erstmals seit 2003 wieder ein Champions-League-Halbfinale erreicht; das konnte sich für das erste Jahr sehen lassen.

Nun aber muss Mourinho seine Ankündigung wahrmachen. Barcelona ist nicht schlechter geworden, aber es hilft ja nichts – dieses Jahr werden zweite Plätze und Achtungserfolge nicht ausreichen, dafür ist der Fußball seiner Elf oft zu unspektakulär, sein persönliches Auftreten zu streitbar. Das System Mourinho definiert sich allein über Erfolg, und der Trainer ist zuversichtlich, dass es den geben wird. Wo er letztes Jahr noch häufig auf Defizite beim Personal hinwies, sagt er jetzt: „Wir haben den Kader, den wir haben wollen.“

Neymar kommt spätestens im Winter

In Erwartung des 19-jährigen Supertalents Neymar, der einen Vorvertrag in Madrid unterschrieben haben soll und spätestens nach Ende der brasilianischen Saison im Winter vom FC Santos kommen dürfte, sind die wichtigsten Zugänge dabei Nuri Sahin und Fábio Coentrão.

Der deutsch-türkische Regisseur kam aufgrund seiner Ausstiegsklausel für vergleichsweise schlappe zehn Millionen Euro von Borussia Dortmund. Wegen Knieprobleme musste er gleich zu Trainingsbeginn ein paar Wochen pausieren – kein idealer Einstieg für den überragenden Spieler der letzten Bundesliga-Saison im Rennen um einen der Stammplätze.

Diese sind hart umkämpft – Mourinho hät es mit dem Prinzip, jede Position doppelt besetzt zu haben, ohne bei einem Wechsel signifikant an Qualität einzubüßen. Deshalb schätzt er vielseitige Spieler ganz besonders. Der Portugiese Coentrão zum Beispiel kam als Linksverteidiger von Benfica Lissabon (für 30 Millionen Euro), wurde von Mourinho aber in den bisherigen Testspielen auch im linken und zentralen Mittelfeld eingesetzt – mit jeweils sehr ansprechendem Resultat. „Er kann der Mannschaft eine andere Dynamik geben“, lobte der Trainer danach.

Sahin strebt Stammplatz an

Zwischen Abwehr und Angriff sind die Positionen besonders umkämpft, was die beiden deutschen Nationalspieler Sami Khedira und Mesut Özil betrifft, den vom FC Bayern ablösefrei gekommenen Hamit Altintop – und eben auch Sahin. Der sagt zwar selbstbewusst: „Ich werde in der Startelf sein“, und: „Mourinho hat mir die Mission übertragen, das Mittelfeld zu organisieren.“

Legt man das 4-2-3-1-System von letzter Saison zugrunde, gibt es allerdings nur zwei zentrale Mittelfeldpositionen zu vergeben. Die eine belegt der spanische Nationalspieler Xabi Alonso, der kaum aus der Startelf wegzudenken ist. Die andere Sami Khedira.

Womöglich stellt Mourinho aber auch auf ein 4-3-3 um, wie er es bei seinen vorherigen Klubs Chelsea und Inter praktizieren ließ. Dann könnte Sahin als Wandler zwischen den Strafräumen vor den „Sechsern“ Alonso und Khedira spielen. Umso komplizierter würde die Lage in diesem Fall allerdings für Özil, denn es wären nur noch drei offensive Stellen zu besetzen – wovon eine sicher an Cristiano Ronaldo geht und eine zweite an einen Mittelstürmer, Gonzalo Higuaín oder Karim Benzema.

Bleiben Özil, Flügelstürmer Ángel Di María und derjenige, der, so die Hoffnung vieler, zum wichtigsten, jedenfalls aber prominentesten Neuzugang der Saison werden könnte – Ricardo Izecson dos Santos Leite, alias: Kaká.

Kaka war meist verletzt

Eigentlich spielt der Brasilianer ja schon seit zwei Jahren bei Madrid, aber er ist in dieser Zeit nicht groß aufgefallen. Meisterns war er verletzt oder zumindest angeschlagen. In der bisherigen Vorbereitung nun hatte er einige gute Szenen, aber solche Wiederauferstehungsgeschichten gab es während der Leidenszeit des streng gläubigen Evangelikalen immer mal wieder.

Neben den Hoffenden gibt es unter den Anhängern daher auch die Zyniker, die von dem Weltfußballer des Jahres 2007 nichts Großartiges mehr erwarten. Jedenfalls gilt auch als Möglichkeit, dass er vor Ende der Transferfrist am 31. August noch abgegeben wird. Inter und der AC Mailand gelten als Hauptinteressenten, Kakás stattliches Jahressalär von zehn Millionen Euro als Haupthindernis.

Als er 2009 für 65 Millionen Euro nach Madrid kam, sollte er eigentlich eine neue Ära begründen, zusammen mit dem gar 94 Millionen teuren Ronaldo. Mit 26 bzw. zuletzt sogar 40 Saisontreffern allein in der Liga hat wenigstens „CR7“, der Poster-Boy aus Portugal, die Erwartungen klar erfüllt. Entgegen seines anderswo schlechten Images wird er in Madrid sogar als Vorbild an Motivation und Professionalität gefeiert.

Ronaldos "fantastische Einstellung"

Als er beim 3:0-Testspielsieg vorige Woche in San Diego gegen Chivas Guadalajara binnen zehn Minuten drei Treffer erzielte, titelte das Sportblatt „Marca“ begeistert: „Für CR7 gibt es keine Freundschaftsspiele“. Auch Mourinho war angetan: „Er hat den Stolz, gut zu spielen, wo und gegen wen auch immer. Seine Einstellung ist fantastisch.“

Der Trainer weiß, dass er seinen Superstar besonders bei der Stange halten muss, da haben warme Worte noch nie geschadet. Ronaldo ist der einzige Spieler im Kader, der genauso prominent ist wie Mourinho selbst – und der einzige, der es wagt, ihn öffentlich zu hinterfragen, so wie vorige Saison nach der Champions-League-Niederlage gegen Barcelona, als er Mourinhos defensive Aufstellung kritisierte.

Der Coach ließ ihn daraufhin für ein Ligaspiel draußen, und die Sache war schnell erledigt. Aber das war ja auch noch Mourinhos erste Saison, seine Probezeit. Dieses Jahr aber könnte sich so ein kritisches Lüftchen auch mal zu einem Sturm ausweiten. Denn jetzt gilt es wirklich.