Argentinien

Im Nationalteam ist Messi ein großes Missverständnis

Nach Weltklasseauftritten für den FC Barcelona fahndet Lionel Messi im Nationaltrikot nach seiner Form. Mit Argentinien steht er bei der Copa America vor dem Aus.

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Fünf Minuten waren noch zu spielen, da konnte Lionel Messi das Elend nicht mehr mit ansehen. Gerade war ein erneuter Versuch gescheitert, seine Mitspieler in Szene zu setzen, da vergrub der Weltfußballer frustriert das Gesicht in seinem Trikot.

Wäre Kolumbien an diesem Abend in Santa Fe nicht so großzügig im Auslassen bester Tormöglichkeiten gewesen, stünde der Gastgeber der 43. Auflage der Südamerikameisterschaft bereits nach zwei Spielen vor einer kompletten Blamage.

Was zur großen Party vor eigenem Publikum werden sollte, gerät für die argentinische Nationalelf zusehends zur Qual. Statt Applaus erntet das Team von Auswahltrainer Sergio Batista immer mehr Pfiffe.

Dem enttäuschenden 1:1 zum Auftakt gegen international zweitklassige Bolivianer folgte ein torloses Remis gegen Kolumbien . Trotz Weltfußballer Messi bietet Argentinien fußballerische Magerkost. Ob Fans oder Medien, am Rio de Plata wird nur eine Frage diskutiert: Warum spielt Messi im Dress der Landesauswahl nicht so brillant wie bei seinem Klub FC Barcelona?

Auf den Namen der katalanischen Metropole reagiert Batista mittlerweile wie ein Stier, dem ein rotes Tuch vorgehalten wird. Und tatsächlich hat der 48 Jahre alte Nachfolger von Diego Maradona nie behauptet, seine Mannschaft werde eine Kopie des aktuellen Titelträgers der Champions League abgeben.

Angesprochen auf das Thema wiederholt er unermüdlich: „Es würde mir gefallen, so zu spielen.“ Aber Batista ist sich bewusst, „dass es Jahre braucht, um dorthin zu kommen“. Zeit, die er nicht hat. Batista braucht Erfolg. Und zwar sofort.

Versöhnung mit den eigenen Fans

Ein schwaches Abschneiden bei der Südamerikameisterschaft im eigenen Land kann er sich nicht leisten. Hinweise darauf, dass das große Ziel sei, bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien den Titel zu erringen, stoßen auf taube Ohren. Nach den Enttäuschungen der vergangenen Jahre hat Batista das Turnier zur „Versöhnungskampagne“ mit den eigenen Fans ausgerufen. „Im Hinblick auf die nächste WM brauchen wir einen Copa-Sieg als Impuls“, sagt er.

Seit 1993 lechzen die Argentinier nach einer internationalen Trophäe. Angeführt von Torjägerlegende Gabriel Batistuta triumphierten sie damals in Ecuador zum vorerst letzten Mal bei der Kontinentalmeisterschaft. Nichts deutet bislang darauf hin, dass die lange Zeit der Erfolglosigkeit ein baldiges Ende findet.

Derzeit spult eine Ansammlung hochveranlagter Individualisten ein konzeptloses Pensum herunter. Hinten leisten sich die Innenverteidiger Nicolas Burdisso und Gabriel Milito in unschöner Regelmäßigkeit haarsträubende Schnitzer, und vorn fehlt es der Abteilung Attacke um Carlos Tevez, Ezequiel Lavezzi und Lionel Messi an Präzision im Kombinationsspiel.

Deutschland entlarvte Maradona

Alles in allem erinnert das Auftreten der Auswahl nach wie vor stark an die Zeit, als Trainerneuling Maradona vergeblich versuchte, eine schlagkräftige Einheit um Messi herum zu formen.

Die einfache Formel des exzentrischen Ex-Mittelfeldstars bei der WM 2010 in Südafrika lautete: Messi plus zehn.

Der brillante Offensivkünstler würde Argentinien schon allein zum ersehnten dritten WM-Titel führen, dachte Maradona. So wie er es damals vor 25 Jahren in Mexiko getan hatte. Doch dann kam Deutschland und entlarvte den Einpeitscher im feinen Zwirn an der Seitenlinie beim Debakel im Viertelfinale (0:4) als taktisch zurückgebliebenen Nostalgiker.

Batista war anschließend angetreten, die Lehren aus der erfolglosen Maradona-Ära zu ziehen. „Gewinnen um jeden Preis gefällt mir nicht. Ich möchte, dass wieder feine Dribblings und intelligente Pässe beklatscht werden, und nicht, wenn sich einer auf den Boden schmeißt und den Ball ins Aus grätscht“, umreißt Batista seine Spielphilosophie.

Ein stur auf Attacke ausgerichtetes System ohne kompaktes Mittelfeld, wie es Maradona in Südafrika praktizierte, werde es unter ihm nicht geben, versprach Batista im Vorfeld der Copa. Mit Messi als Dreh- und Angelpunkt in der Offensive setzt der Trainer auf eine Elf, die mit technisch versierten Akteuren den Ball zirkulieren lässt und geduldig die Lücken in des Gegners Abwehr sucht. Ein Plan, der bislang aber nicht aufzugehen scheint.

Anfang Juni noch voller Tatendrang

Das argentinische Mittelfeld um Javier Mascherano, Ever Banega und Esteban Cambiasso ist weit davon entfernt, die Klasse von Messis kongenialen Klubkollegen Xavi und Iniesta zu verkörpern.

Dabei war der Hoffnungsträger voller Tatendrang in seine Heimat gereist. „Es ist der perfekte Moment, dem Land zu beweisen, dass ich in der Nationalmannschaft das Gleiche machen kann wie bei Barcelona. Die Antwort werde ich auf dem Platz geben“, tönte Messi noch Anfang Juni.

Dass Messi Taten bislang schuldig geblieben ist, liegt nach Meinung von Josep Guardiola, Barcelonas Trainer, allerdings nicht an seinem Musterschüler. „Du musst Messi den richtigen Rahmen schaffen, dann enttäuscht er nie die Erwartungen. Wenn er nicht gut spielt, dann liegt es daran, dass um ihn herum etwas nicht stimmt“, erklärt er.

Argentiniens Verbandsboss Julio Grondona teilt diese Ansicht: „Messi spielt nie schlecht. Das tun nur die um ihn herum.“ Bei den Katalanen weiß sich Messi Platz zu verschaffen, wo scheinbar keine Lücke ist. Er führt den Ball am Fuß, als sei dieser dort festgeklebt. Traumwandlerisch sicher surft er über den Platz. Im Kreise der Nationalelf wirkt Messi dagegen zunehmend frustrierter. Gegen Kolumbien offenbarte der 24 Jahre alte Ausnahmekönner zuletzt einem Millionenpublikum vor laufenden Fernsehkameras sein Gefühlsleben.

Mannschaftskamerad Javier Zanetti zeigt Verständnis. „Als Individualist, so wichtig er auch sein mag, wird er kein Spiel und keine Titel für uns gewinnen“, betont der Verteidiger. Messi brauche ein Team, das ihn unterstütze. „Das ist unsere Verantwortung. Wir müssen eine Struktur aufbauen, die ihn auffängt, damit er mit seinen außergewöhnlich Fähigkeiten den Unterschied ausmachen kann“, so der Profi von Inter Mailand.

Ein Wink auch an Batista. Für die abschließende Gruppenpartie am kommenden Montag gegen Costa Rica muss er Lösungen präsentieren. Die Copa America ist seine Reifeprüfung. Besteht Batista sie nicht, so könnte seine Amtszeit schnell zur Randnotiz werden. Noch hat er seinen endgültigen Arbeitsvertrag nicht unterzeichnet. Nach wie vor bezieht Batista das gleiche Gehalt wie als U20-Auswahltrainer.