Brasilien

Neymar – ein Exzentriker als kommender Weltstar

Barcelona, Real Madrid und Chelsea konkurrieren um den exzentrischen brasilianischen Angreifer Neymar, der sich selbst schon mit Lionel Messi vergleicht.

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Zu Peles Zeiten war das alles ein wenig undurchsichtiger. Da wusste Europa noch nicht so recht, was in Südamerika vorging, da konnte ein 17-Jähriger noch wie eine Natursensation über die Welt kommen, damals, 1958 bei der WM in Schweden. Heutzutage gibt es solche Geheimnisse nicht mehr.

Neymar da Silva Santos Junior ist 19 Jahre alt, er hat noch keine WM geprägt, nicht mal eine gespielt, und doch hat er genug getan, um den halben Globus verrückt zu machen.

Wenn der brasilianische Stürmer am Sonntag (21 Uhr, Sport 1 live) bei der Copa America zum Viertelfinale gegen Paraguay aufläuft, dann werden die Vorstände der größten Klubs wieder genau hinschauen und sich fragen, ob sie vielleicht noch ein paar Millionen drauflegen sollen für den Jungen mit dem Irokesenschnitt, den manche für das größte Versprechen des Weltfußballs halten. Und andere bereits für eine Realität.

Letzter Mohikaner

In seiner Heimat sehen sie den anarchischen Angreifer als einen der letzten Mohikaner des typisch brasilianischen Kunstfußballs. Die wichtigste Fußballzeitschrift erhob ihn zum „Novo Rei“, dem neuen König. Der alte, O Rei, war Pele.

Als Neymar seinen Klub FC Santos vor drei Wochen zum Gewinn der Copa Libertadores schoss, der südamerikanischen Champions League, da weinten beide Majestäten in trauter Union, der neue König auf dem Rasen, der alte auf den Tribünen. Es war der erste Libertadores-Titel für Santos seit 1963, als der „Weltfußballer des Jahrhunderts“ noch persönlich die Tore erzielte für den Verein aus der Hafenstadt bei Sao Paulo.

Nach dem Triumph begann eine herrlich absurde Debatte, wie sie so wohl nur zwischen Brasilianern und Argentiniern geführt werden kann, oder, um genau zu sein: zwischen den alten Zankbrüdern Pele und Maradona . Pele eröffnete, indem er Neymar für beidfüßig gleich schussstark erklärte („im Gegensatz zu Messi, der seinem rechten Fuß kaum vertraut“) und laut hoffte, Neymar möge auch in der Nationalelf brillieren („dass es ihm nicht geht wie Messi, der in der Auswahl nicht gut spielen kann“).

Sprücheklopfer

Derart in Position gebracht, posaunte Neymar, er könne „so groß werden wie Messi oder noch größer“. Diese Sticheleien gegen seinen Landsmann und Erben konnte Maradona nicht auf sich sitzen lassen. „Niemand kann Messi das Wasser reichen, Neymar ist genauso unverschämt wie Pele“, konterte er – und erklärte damit offiziell den Stellvertreterkrieg.

Inzwischen hat Neymar eingesehen, dass er diesen zumindest vorerst nicht gewinnen kann: „Messi ist der Beste der Welt, der Zweite und Dritte sind weit weg“, sagte er vor Beginn der Südamerika-Meisterschaft – gerade noch rechtzeitig, damit seine schwachen Darbietungen in den ersten beiden Spielen nicht ganz so peinlich daher kamen.

Bevor er sich beim 4:2 gegen Ecuador mit zwei Toren revanchierte, gelang ihm so gut wie gar nichts – obwohl er viel versuchte, zu viel vielleicht und zu viel selbst, wie ein Kommentator von „TV Globo“ deutlich anmerkte: „Die einzige Option, die Neymar zu haben scheint, ist die Einzelaktion. Immer ich, ich und ich. Hat dieser Junge vergessen oder weiß er noch gar nicht, dass Fußball ein Teamsport ist?“

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Brasilien das fragt. In Ländern mit geringerem Faible für Exzentriker würde Neymar wohl schon längst nicht mehr in königlichen Gnaden gehalten. Denn so unverkennbar wie sein Talent – Dribblings, Fantasie, ansatzlose Schusstechnik – sind auch seine Allüren.

Ein gewisser Jähzorn sowie eine sogar von Pele kritisierte Tendenz zur Fallsucht mögen in seinem Alter normal sein. Aber welcher 19-Jährige provoziert schon gestandene Gegenspieler damit, wie viel Geld er verdient, was für Autos er fährt, was für Frauen er hat? Und dann gibt es noch diese Geschichte mit dem Boykott.

Sie geschah vorige Saison, in einem Ligaspiel gegen Goianiense. Santos bekam einen Elfmeter zugesprochen, doch Neymar durfte nicht schießen. Trainer Dorival Junior verbot es ihm, weil der präpotente Jüngling es beim vorherigen Versuch allzu lässig versucht und dabei dem Torwart den Ball in die Arme gelöffelt hatte.

Neymar, außer sich, machte daraufhin erst dem Coach eine Szene und verweigerte fortan jedes Abspiel, er reihte nur noch Übersteiger an Übersteiger. Seine Egonummer war derart offensichtlich, dass der gegnerische Trainer Rene Simoes schäumte: „Im Namen des Fußballs sind wir dabei, ein Monster zu erschaffen. Eine so schlechte Erziehung habe ich noch nie gesehen.“

Wenige Tage später reagierte Santos. Trainer Junior, amtierender Pokalsieger und Staatsmeister, wurde entlassen.

Die Episode erzählt viel über die Wirklichkeit im brasilianischen Fußball, wo der Marktwert eines Spielers größer sein kann als der Etat des Vereins. Natürlich entschied sich Santos da gegen den Trainer. Nachdem es schon so manchen Abwerbungsversuch aus Europa abblocken konnte, liegt die vertraglich fest geschriebene Ablöse von Neymar bei 45 Millionen Euro.

Die Jagd läuft

Chelsea würde sie sofort bezahlen, Barcelona wohl auch, Präsident Sandro Rosell schwebte in dieser Angelegenheit extra bei der Copa ein. Als Favorit auf Neymars Dienste gilt jedoch Real Madrid – so er nicht erst mal noch bei Santos bleibt. Zur Wirklichkeit des brasilianischen Fußballs gehört mittlerweile nämlich auch, dass die Vereine genügend Gelder aus der boomenden Wirtschaft akquirieren, um ihre Stars länger zu halten. Neymar verdient rund sechs Millionen Euro im Jahr.

Seine jüngsten offiziellen Worte zum Thema lauteten: „Ich bleibe bei Santos.“ Dem Verein, aus dem vor ein paar Jahren schon Robinho kam, sein Vorgänger als vermeintlich „neuer Pelé“, der dann zu Real Madrid ging, dort schon mal betrunken beim Training erschien, weiter zog zu Manchester City, weil er dachte, es sei Manchester United, und jetzt beim AC Milan und in der Nationalelf manchmal so spielt wie man sich das damals gedacht hat, eher öfter allerdings nicht.

Als Neymar mit 17 seine ersten Profitore für Santos schoss, sagte Pele: „Man wird ihn mit Robinho oder Pelé vergleichen.” Mit wem genau, dieses Geheimnis bleibt noch zu entdecken.