Manuel Neuer

Weltklasse im Tor und am Verhandlungstisch

Der Schalker Schlussmann erhält zurzeit viel Lob. Er ist sich seiner guten Leistungen bewusst und versteht es, diese finanziell zu nutzen.

Am Ende glichen die Szenen einer Flucht. Holger Badstuber, mit grauer Wollmütze fast bis zur Unkenntlichkeit getarnt, stürmte zu einer der schwarzen Limousinen des Fahrdienstes. Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger hatten es ähnlich eilig, nach dem Länderspiel gegen Italien heim zu kommen. Doch es waren weder erboste Fans noch Ärger über den späten Ausgleichstreffer zum 1:1, die die Spieler zu Höchsttempo antrieben – sie wollten schlicht ihren Flug nach München nicht verpassen. Nur Manuel Neuer ließ sich Zeit. Kein Wunder, der Schalker Torwart wohnt ja quasi nebenan.

Er hatte aber auch allen Grund, gelassen zu sein. Gegen die Italiener hatte er eine fehlerfreie Partie geboten und war selbst beim Gegentreffer erst im Nachschuss bezwungen worden, nachdem er Giuseppe Rossis ersten Schuss bravourös pariert hatte. „Manuel hat wieder einmal gezeigt, dass er zu den weltbesten Torhütern gehört“, lobte dann auch Bundestrainer Joachim Löw. Neuer ärgerte sich mehr über den Ausgleich: „Ich hätte lieber zu Null gespielt.“ So wie fünf Tage zuvor, als er im Dortmunder Stadion der anstürmenden Borussia quasi im Alleingang Einhalt geboten und seinen Schalkern im Prestigeduell beim 0:0 einen Bundesligapunkt gerettet hatte.

Neuer bewies wieder einmal, dass er der derzeit mit Abstand beste deutsche Torwart ist – und die unumstrittene Nummer eins im Trikot des Deutschen Fußball-Bundes. Das war vor einem Jahr noch ganz anders: Vor der Weltmeisterschaft duellierte sich der 24-Jährige verbissen mit Rene Adler. Ursprünglich war der Rivale von Bayer Leverkusen vorn, Bundestrainer Löw hatte ihm einen Stammplatz in Südafrika versprochen. 51 Tage vor dem Eröffnungsspiel brach sich Adler dann aber eine Rippe, wurde nicht mehr rechtzeitig fit und musste Neuer den Platz überlassen. Der machte seine Sache mehr als ordentlich und erhielt durch die WM offenbar einen zusätzlichen Leistungsschub.

„Natürlich bringt so ein Turnier dich als Spieler weiter. Davon profitierst du enorm“, sagte Neuer. Er wird mit einem Notenschnitt von 2,5 auf Platz eins aller Bundesligaspieler im Ranking der Zeitschrift „Kicker“ geführt, gemeinsam mit dem Dortmunder Mittelfeldspieler Nuri Sahin. Gegen Italien war er mit Morgenpost Online-Note 2 neben Philipp Lahm und Miroslav Klose bester Deutscher.

Er ist der jüngste Stammtorwart in der Eliteauswahl seit Bodo Illgner, der mit 21 zur festen Kraft im deutschen Tor wurde und 1990 im Alter von 23 Jahren seine erste Weltmeisterschaft spielte – Neuer war in Südafrika ein Jahr älter. Kein Wunder, dass er vor dem Italien-Spiel selbst in Dortmund mit warmem Applaus empfangen wurde.

Vielleicht können die Borussen-Fans dem Torwart bald noch unbefangener zujubeln. Hartnäckig halten sich die Gerüchte, Neuer sei auf dem Absprung zu einem Spitzenklub. Bayern München wird regelmäßig genannt, auch wenn Neuer vermeintlich bereits bestehende Absprachen heftig dementiert.

Für Schalke wäre sein Weggang eine Katastrophe – auch abseits des Platzes. Neuer ist von Kindesbeinen an Schalke-Fan, trat bereits im Alter von fünf Jahren in den Verein ein und avancierte in der Saison 2006/2007 zum Stammtorwart. Er ist im traditionsbewussten Umfeld des Klubs ein wichtiges Bindeglied zwischen Mannschaft und Fans, die wie kaum in einer anderen Stadt von ihrem Verein Identifikationsfiguren fordern.

So erstaunt es wenig, dass Trainer Felix Magath seinem Schlussmann jeden anderen Spieler für verkäuflich erklärt hat, nur Neuer nicht. Von einem Wechsel riet er ihm – logischerweise – ab: „Manuel kann sich bei uns besser und nachhaltiger entwickeln, weil er lernen kann, mehr Verantwortung zu übernehmen. Damit meine ich nicht Verantwortung für seine Leistung und die Mannschaft, sondern für den ganzen Verein“, sagte Magath der „Süddeutschen Zeitung“.

Seines Marktwertes ist sich Neuer offenbar sehr bewusst. Nach Informationen der „Sport-Bild“ enthält sein Vertrag eine Klausel, die ihm eine 20-prozentige Gehaltssteigerung zusichert, wenn Schalke ein offizielles Angebot von 15 Millionen Euro oder mehr für den Torwart erhält und ablehnt. Bei einem kolportierten Jahresgehalt von zwei Millionen Euro wären das 400.000 Euro – pro Anfrage.