Die Mondpalast-Arena in Wanne ist das einzige deutsche Stadion, das nach einem Theater benannt wurde. Im namensgebenden Schauspielhaus wird seit Jahren erfolgreich die Fußballkomödie „Ronaldo und Julia“ aufgeführt; was am Samstag in der Mondpalast-Arena zu sehen war, ähnelte jedoch einer Tragödie.
Hauptdarsteller war Albert Streit, als Komparsen dienten einige Fans des FC Schalke 04. Diese beschimpften und bespuckten den Fußballprofi bei dessen erstem Auftritt für die Schalke Amateuren, die ihre Heimspiele in Wanne austragen, weil die Glückauf-Kampfbahn derzeit nicht den Anforderungen für die Regionalliga entspricht. Streit war froh, dass er nach dem Viertligaspiel gegen Waldhof Mannheim mit heiler Haut davonkam.
Ursprünglich hätte dem 29-Jährigen ein ruhiges Wochenende bevorgestanden. Die Schalker Profis, zu denen Streit noch bis vorige Woche zählte, hatten am Samstag frei, am Tag darauf waren sie bei der Benefizveranstaltung „Schalke hilft“ auf der Gelsenkirchener Trabrennbahn. Aber Trainer Felix Magath hatte wenige Tage zuvor ein Exempel statuiert und Albert Streit wegen mangelhafter Berufsauffassung suspendiert. Nach einigem Hin und Her durfte er zumindest bei den Amateuren seinem Job weiter nachgehen.
Dort traf ihn nun des Volkes Unmut mit Macht, „Hurensohn“ war noch das harmloseste Wort. „Die Fans haben meine Mutter beleidigt, mir gedroht: ‚Nach dem Spiel hauen wir dir auf die Fresse.’ Das war einfach nur asozial“, klagte Streit im „Express“.
Magath versteht den Ärger
Ganz unschuldig an der Entwicklung ist er allerdings nicht. Schon vor seinem Rauswurf hatte er gedroht, seinen Kontrakt zur Not aussitzen zu wollen: „Ich habe hier den besten Vertrag meines Lebens unterschrieben, bekomme noch drei Jahre gutes Geld.“
Für Magath ein Unding: „So etwas kann nicht sein. Was nun passiert ist, muss er selbst verantworten. Er hat sich ungeschickt verhalten und die Fans auf die Palme gebracht.“ Der Schalker Trainer ergänzte: „Einen Spieler zu bespucken ist natürlich nicht in Ordnung, aber der Ärger der Fans ist verständlich.“
Streits Berater Klaus Gerster sieht seinen Klienten allerdings eher als Opfer einer Hetzkampagne der Boulevardmedien, die den Fußballspieler als „Null-Bock-Streit“ bezeichnet hatten: „Ich kann nur hoffen, dass der Verein, der auch eine Fürsorgepflicht gegenüber seinen Spielern hat, dem entgegenwirkt.“
Eine Sichtweise, die Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies nicht teilt: „Streit ist eine Figur, an der sich die Fans reiben. Mit seinen Äußerungen hat er sich unbeliebt gemacht. Dass die Fans ihn nun aufs Korn nehmen, kann ich verstehen.“
Die Fanattacke auf Streit ist zwar der heftigste, nicht jedoch der erste Vorfall, in dem sich Schalker Anhänger gegen die eigenen Spieler wenden. In der vergangenen Saison glichen viele Heimspiele für Kevin Kuranyi einem Spießrutenlauf, jede Aktion des Stürmers wurde von den eigenen Fans mit Schmährufen bedacht.
Honeymoon und Rosenkrieg
Wie sensibel das Publikum in Gelsenkirchen reagiert, zeigte sich auch beim vergangenen Bundesliga-Heimspiel gegen den SC Freiburg (0:1). Da gab es Pfiffe gegen Abwehrspieler Rafinha, weil eine Zeitung während des Spiels veröffentlicht hatte, dass der Brasilianer zum FC Bayern wechseln würde. Die Falschmeldung gelangte in Windeseile bis ins Stadion und sorgte dort für Missstimmung.
Die Beziehung zwischen Fans und Fußballspielern ist besonders bei Schalke ein ewiger Balanceakt zwischen Honeymoon und Rosenkrieg. „Hier sehen sie lieber eine anständige Grätsche als Schönspielerei. Wer malocht, darf dann auch mal verlieren“, beschreibt Rolf Rojek, der Vorsitzender des Schalker Fanklubverbandes, die Basis der Beziehung.
An Kampf und Engagement haperte es zuletzt. Vergangene Saison wurde Schalke Achter, scheiterte in der Champions-League-Qualifikation und der Gruppenphase des Uefa-Cups. Im Pokal war der damalige Zweitligaverein Mainz 05 zu stark.
„Der Vorfall um Streit zeigt, dass es zwischen Fans und Spielern eindeutig einen Unterschied in der Bewertung der gezeigten Leistungen gibt. Das Verhältnis zum Publikum hat sich hier auf Schalke in den vergangenen Jahren verschlechtert“, sagt Magath, der zu Saisonbeginn die Mannschaft übernahm und mit ihr nach vier Spielen den vierten Tabellenplatz einnimmt. Die aktuelle Entwicklung sei aber „kein Einzelfall Streit“, betont Magath: „Die Fans sind viel unzufriedener mit den vergangenen Leistungen als gedacht. Wir haben noch viel zu tun, um das Verhältnis wieder zu normalisieren.“




