WM-Film

„Ein bleibendes Geschenk für das ganze Land“

Ein Hoch auf den Fußball: Bundespräsident Gauck ehrt die Weltmeister in Berlin, danach feiern sie die Premiere von „Die Mannschaft“. Doch der Film bleibt all zu oft nur an der Oberfläche.

Ganz am Ende des neuen WM-Films „Die Mannschaft“ kommt noch einmal Joachim Löw zu Wort. Knapp 90 Minuten lang kann der Zuschauer bis dahin auf der Kinoleinwand nachempfinden, was der Bundestrainer und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in diesem Sommer in Brasilien erlebten. Weltmeister werden. Sehnsüchte erfüllen. Kritikern eine lange Nase zeigen.

Löw spricht so etwas wie den Schlusssatz und sinniert darüber, wie er in vielen Jahren – alt und in einem Schaukelstuhl auf seiner Veranda sitzend – sich noch an all das Erlebte wird erinnern können. „Wenn man Geschichte schreibt“, sagt Löw, „ist es irgendwie ja auch etwas Faszinierendes.“

Dieser Satz lässt einen sprachlos zurück. So erschreckend trocken, dass er nur von einem Mann stammen kann, der sich in einer Welt voller Rastlosigkeit bewegt. Erfolge sind im Fußball immer schon vergangene Erfolge. Das nächste Ziel steht schon bereit. Nach der Weltmeisterschaft ist vor der Europameisterschaft 2016 in Frankreich. Die vier vergangenen Monate seit dem Finalsieg gegen Argentinien fühlen sich in dieser Gemengelage an wie vier Jahre. Dabei besteht der Wunsch, den Triumph zu konservieren, ja weiterhin – bei Fans und Beteiligten. Man will sich erinnern.

Im Dezember schon im Fernsehen

Am Montag wurde sich in Berlin mit zwei Veranstaltungen noch einmal an diesen goldenen Sommer in Brasilien erinnert. Wenn es schon so flüchtig ist, dann sollte das Weltmeister-Gefühl noch einmal beschworen werden. In einem Festakt im Schloss Bellevue überreichte Bundespräsident Joachim Gauck („Deutschland sagt danke!“) zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (beide CDU) den 21 anwesenden von 23 Spielern, die am 13. Juli Weltmeister wurden, das Silberne Lorbeerblatt – die höchste Auszeichnung des Landes für herausragende sportliche Leistungen. Julian Draxler (verletzt) und André Schürrle (krank) fehlten.

Seltsam war, dass Löw nicht ein einziges Mal erwähnt wurde. Aber sei es drum. Am Abend dann feierte der WM-Film „Die Mannschaft“ Kino-Premiere im Sony Center am Potsdamer Platz. Mitarbeiter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hatten mit Beginn der Turnier-Vorbereitung im Trainingslager von Südtirol bis hin zu der Siegesfeier am Brandenburger Tor die Kameras mitlaufen lassen.

Bei Gauck war alles weniger staatstragend als erwartet. Als Lukas Podolski zum Beispiel nach vorn lief, um sich seine Auszeichnung abzuholen, haute der Angreifer dem Bundespräsidenten wie einen alten Kumpel auf die Schulter. Staatstragende Worte gab es trotzdem: Gauck würdigte das vorbildliche Verhalten der Weltmeister in Brasilien und hob ihre gesellschaftliche Funktion 25 Jahre nach dem Mauerfall hervor: „Fußball ist in diesem Land immer etwas mehr als nur Sport. Eine Gesellschaft lebt auch von einem Wir-Gefühl, und das hat die Mannschaft erzeugt“, sagte der 74-Jährige. Der vierte Stern für den vierten gewonnenen deutschen WM-Titel wurde erstmals für das geeinte Land gewonnen und leuchte deshalb besonders und sei „ein bleibendes Geschenk für das ganze Land“.

„Wir fighten solange, bis wir in Rio sind“

Die Frage, ob der DFB dem ganzen Land darüber hinaus auch mit dem WM-Film, der ab Donnerstag in den Kinos zu sehen sein wird, ein bleibendes Geschenk gemacht hat, muss mit „eher nein“ beantwortet werden. Löws Diktum: „irgendwie ja auch etwas Faszinierendes“, gilt zwar ebenso hier. Es gibt Momente in diesen 90 Minuten, die Einblicke hinter die Kulissen zulassen und manche, die ziemlich viel Spaß machen. Etwa wenn Neuling Christoph Kramer nach dem 4:0-Auftakt-Sieg gegen Portugal auf der Fähre zurück ins Basislager Campo Bahia die Schnulze „If you say nothing at all“ von Ronan Keating zum Einstand singt.

Oder wenn Thomas Müller, der heimliche Star des Films, in Südtirol im Dirndl das Mittagessen serviert, weil er eine Golfwette gegen den Physiotherapeuten Christian Huhn verloren hat. Und auch, als man Löw vor dem 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien bei der Kabinen-Ansprache zuhören kann: „Wenn wir jetzt da rausgehen, sind fast alle gegen uns“, brüllt Joachim Löw in den Spielerkreis. „Umso wichtiger ist es, dass wir alles zusammen machen. Wir fighten solange, bis wir in Rio sind. Wir treten wie Gewinner auf “

Ein Film auf der Oberfläche

Darüber hinaus aber bleibt es ein Film auf der Oberfläche. Echte Interna über das Innenleben des Teams erfährt der Zuschauer nicht – kein Blick in die WGs im Campo Bahia, kein Dabeisein, als über die Position des Kapitäns Philipp Lahm debattiert wird. Chronologisch entlang der Spiele bis zum Finale kann der Zuschauer durch das Turnier flanieren – doch er bleibt stets auf den vom DFB vorgegebenen Pfaden.

Kein einziges Bild zeigt die massive Präsenz der Militärpolizei in Santo André, über die sich vor allem die Dorfbewohner erbosten. Der Autounfall bei einem Sponsorentermin im Südtiroler Trainingslager wird zwar kurz erwähnt, doch abgelöst wird er von einem Interview mit Sami Khedira, der erzählt, wie sich die negative Berichterstattung über die schlechte Stimmung im Passeier Tal nicht mit seiner eigenen Wahrnehmung deckte, als er nachträglich im Trainingslager eintraf. Diese kleine Medienschelte gönnt sich der DFB.

Der Verband will mit „Die Mannschaft“ an den Erfolg des Vorgängerfilms „Deutschland ein Sommermärchen“ von Sönke Wortmann über die Heim-WM 2006 anknüpfen. Der spielte insgesamt vier Millionen Euro ein, doch damals lag auch mehr Zeit zwischen der Kino-Premiere und der TV-Premiere als diesmal.

Rechtzeitig für das Weihnachtsgeschäft

Schon im Dezember soll „Die Mannschaft“ im Fernsehen zu sehen sein und rechtzeitig für das Weihnachtsgeschäft auf DVD erscheinen. Mit rund zwei bis drei Millionen Euro Erlös rechnet der DFB. Das Geld soll überwiegend in Stiftungen des Verbandes und der Fifa fließen. Filmisch aber kommt „Die Mannschaft“ nicht an Wortmanns Film heran, weil das WM-Märchen 2014, vielleicht auch wegen des Happy Ends, wesentlich weichgespülter wirkt.

Einer, der in jeder Einstellung authentisch bleibt, ist Thomas Müller. Nach dem Finalsieg sitzt der Münchner in der Kabine und brüllt: „Ey, wer hat denn den Kasten Bier hier reingestellt? Wir müssen doch fit bleiben für die Qualifikation der Europameisterschaft.“ Das war als Witz gemeint, aber es zeigt: Für das Verweilen im Moment des Erfolgs ist kein Platz im Fußball. Deshalb ist es bei aller Kritik auch gut, dass es diesen Film gibt.