Die letzten Sekunden wurden zur Qual. Fast vier Minuten ließ Schiedsrichter Nicola Rizzoli nachspielen, obwohl nur zwei Minuten angezeigt waren. Dann war es vollbracht. Deutschland schlägt Argentinien im WM-Finale von Rio mit 1:0 nach Verlängerung durch ein Tor von Mario Götze in der 113. Minute und ist zum vierten mal Fußball-Weltmeister.
Danach brachen alle Dämme. Selbst Bundestrainer Joachim Löw konnte und wollte seinen Tränen nicht zurückhalten. Die ganze Anspannung der vergangenen Wochen musste raus. Die Titelmission, die Löw vor acht Jahren begonnen hatte, ist vollendet. Auf dem Feld fielen sich die Spieler, ebenfalls mit Tränen in den Augen, um den Hals. Erschöpft, wie Bastian Schweinsteiger gezeichnet vom harten Spiel der Südamerikaner, aber überglücklich. Rekordtorschütze Miroslav Klose hatte seine Kinder im Arm und konnte sein Glück kaum fassen – bei der vierten WM endlich am Ziel. Und im Hintergrund des Maracana leuchtete die Christus-Statue in Schwarz, Rot und Gold. „Unglaublich. Der Zusammenhalt ist der Grund, warum wir Weltmeister geworden sind“, sagte Torwart Manuel Neuer: „Ganz Deutschland ist Weltmeister.“
Beim Spiel der Spiele wollte Joachim Löw auf Überraschungen verzichten. Der Bundestrainer, der seine Startelf bis zum Viertelfinalspiel gegen Frankreich immer kräftig durchgeschüttelt hatte, war fest entschlossen, gegen Argentinien zum dritten Mal in Folge die Elf seines Vertrauens ranzulassen. Doch sein wohlüberlegter Plan wurde nur wenige Minuten vor dem Anpfiff durchkreuzt. Statt des zuletzt bärenstarken Sami Khediras, der sich nach dem Warmmachen mit Wadenproblemen abmeldete, musste Löw im Spiel des Lebens auf den gerade mal 23-jährigen Christoph Kramer setzen. Was für ein Paukenschlag noch vor dem Anpfiff!
So erlebte Berlin den Sieg der Deutschen im WM-Finale
Ohne Khedira enorm anfällig für Konter
Trotz der Last-Minute-Umstellung blieb Philipp Lahm auf der rechten Abwehrseite, wo es der Kapitän im ersten Durchgang überwiegend mit Di-Maria-Vertreter Ezequiel Lavezzi zu tun bekam. Um Superstar Lionel Messi sollten sich abwechselnd Linksverteidiger Benedikt Höwedes, Innenverteidiger Mats Hummels sowie die defensiven Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger und eben Kramer in seinem vierten Länderspiel kümmern. Und für die Offensive zeigten sich erneut Toni Kroos und Thomas Müller sowie Mesut Özil und der ewige Miroslav Klose verantwortlich.
Löws Mannschaft machte zwar das Spiel, war aber ohne Stabilisator Khedira enorm anfällig für Konter. Bereits nach drei Minuten war es Gonzalo Higuain, der einen verunglückten Freistoßtrick der Deutschen auf der anderen Seite fast zum frühen Stimmungsdämpfer nutzte. Der Neapolitaner war auch die Hauptfigur des nächsten DFB-Missgeschicks, als er nach einer Kopfballrückgabe von Kroos plötzlich alleine vor Torhüter Manuel Neuer auftauchte. Sein harmloser Schuss ging links am Tor vorbei (21.).
Fußballkrimi mit hochkarätigen Chancen auf beiden Seiten
Neun Minuten später war Higuain erstmals treffsicher – aus deutscher Sicht aber glücklicherweise im Abseits. Die 30. Spielminute blieb allerdings eine echte Schockminute, da Khedira-Ersatz Kramer, der eine Viertelstunde zuvor von Ezequiel Garay mit der Schulter niedergestreckt wurde, immer noch angeknockt raus musste. Löws Lieblingsjoker André Schürrle kam – und hatte auch gleich die erste deutsche Torchance (37.). Argentiniens Torhüter Sergio Romero konnte allerdings gerade noch rechtzeitig seine Fäuste hochreißen.
Anders als fünf Tage zuvor gegen Brasilien, wo 90-minütiger Einbahnstraßenfußball höchster Qualität geboten wurde, entwickelte sich von nun an im Maracana ein echter Fußballkrimi mit hochkarätigen Chancen auf beiden Seiten. Topstar Lionel Messi machte den Anfang, als er zum wiederholten Male Hummels umkurvte, Torhüter Neuer ausguckte und nur noch von Jerome Boateng auf der Linie gebremst werden konnte (40.). Doch auch Deutschland wollte sich durch all das Khedira-Kramer-Pech nicht verunsichern lassen und bot noch in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit mit einem Höwedes-Kopfball an den rechten Pfosten die vielleicht beste Chance der ersten Halbzeit. Kurz danach war der erste Durchgang vorbei.
Mehr als 15 Minuten durchatmen war allerdings nicht drin. Bereits zwei Minuten nach dem Wiederanpfiff schlich sich mit Messi ausgerechnet der wohl beste Spieler der Welt im Rücken Boatengs davon und kreuzte wie aus dem Nichts alleine vor Neuers Tor auf. Doch auch der Schuss des vierfachen Weltfußballers wollte nicht den Weg ins Netz finden.
Entscheidung in der 113. Minute
Argentiniens Nummer 10 blieb in den wenigen Aktionen, die er hatte, brandgefährlich. So wie in der 75. Minute, als er quer zur Strafraumgrenze ging und zum Schuss ansetzte, der glücklicherweise weit links am Tor vorbeiflog.
Nach 82 Minuten setzte Özil nach einem mustergültigen Konter mit einem Pass Kroos am Strafraum in Szene. Doch der Versuch blieb harmlos. Es schien der Startschuss für die deutsche Schlussoffensive werden. Doch die Argentinier berappelten sich – Verlängerung.
Und Schürrle hatte nach Vorarbeit des eingewechselten Mario Götze nur wenige Minuten nach Wiederbeginn die Riesenchance, doch Torwart Sergio Romero stand goldrichtig. Im direkten Gegenzug musste Boateng in höchster Not retten. Die Spannung war zum Greifen, Palacios Heber geht nach Stellungsfehler Hummels über Neuer hinweg, aber auch links am Tor vorbei (97.). Es kam die 113. Minute – und die Entscheidung. Schürrle setzt sich auf links durch, flankt auf Götze. Und der Münchner nimmt den Ball an und haut ihn volley an Romero vorbei – 1:0, der vierte Stern.

