Raffael kommt etwas zu spät zum verabredeten Treffpunkt und entschuldigt sich gleich drei Mal. „Ich habe irgendwie die Zeit verpennt“, sagt er. Wir laufen die Strandpromenade in Fortaleza entlang zu seiner Wohnung. 18. Stock, Dachterrasse mit Blick auf das Meer. Der ehemalige Hertha-Profi und große Bruder von Ronny verbringt hier in seiner Geburtsstadt den Urlaub. Das zweite Gruppenspiel der deutschen Mannschaft gegen Ghana hat der 29-Jährige live im Stadion gesehen.
Berliner Morgenpost: Die WM findet ihn Ihrem Heimatland statt. Was ist hier während des Turniers los?
Raffael: Die Leute sind völlig aus dem Häuschen. Wir Brasilianer sind glücklich, dass die Welt auf uns schaut. Aber eines steht fest: Wir wollen unbedingt, dass Brasilien Weltmeister wird.
Wie haben Sie die Selecao bisher erlebt?
Ich habe das Spiel gegen Kroatien mit meiner Familie zu Hause gesehen. Beim zweiten Spiel war ich sogar im Stadion.
War Ihr jüngerer Bruder Ronny dabei?
Nein. Er sollte ja eigentlich in Berlin bleiben, durfte dann aber doch für ein paar Tage herkommen. Wir schauen das Spiel gegen Kamerun zusammen. Nächste Woche muss er zurück.
Sind Sie mit der Selecao bisher zufrieden?
Wir spielen noch nicht so gut. Bis jetzt haben wir noch nicht die echte Selecao gesehen. Da muss mehr kommen. Und das wird es auch.
Die Spieler hatten bei der Nationalhymne Tränen der Rührung in den Augen. Was bedeutet die Selecao für Fußballer in Brasilien?
Jeder Brasilianer will irgendwann in der Selecao spielen. Wenn du da angekommen bist, hast du es geschafft. Die Selecao ist ein Mythos in Brasilien. Pelé, Garrincha, Ronaldo – all die großen Spieler, all die Titel. Einmal Teil davon zu sein, ist ein großer Traum für uns Brasilianer. Und dass es jetzt sogar bei der WM im eigenen Land passiert, muss für die Spieler überwältigend sein. Ich hätte auch Tränen in den Augen, würde ich da stehen.
Sie hatten bei Borussia Mönchengladbach eine sehr gute Saison, 14 Tore erzielt und acht vorbereitet. Hatten Sie Hoffnungen auf die WM?
Ja, davon hatte ich geträumt. Aber das ist unglaublich schwer. Brasilien hat so viele gute Spieler auf meiner Position. Wäre ich in einem anderen Land geboren, wäre ich wohl bei der WM dabei gewesen, denke ich. Aber irgendwann werde ich in der Selecao spielen.
Wie schlimm wäre es für Brasilien, wenn die Selecao nicht Weltmeister wird?
Puh. Wenn wir nicht Weltmeister werden würden, wäre das eine Katastrophe. Der Druck hier ist enorm hoch. Brasilien muss einfach Weltmeister werden. Sonst wird das Land weinen.
Sie waren 9 Jahre alt, als Brasilien 1994 Weltmeister in den USA wurde. Erinnern Sie sich noch daran?
Das war die erste WM, die ich richtig verfolgt habe. Romario war mein Held. Er hat uns zum Titel geschossen. Ronny und ich haben damals oft Fußball am Strand gespielt. Jeder von uns wollte Romario sein.
Wie sind Sie und Ronny hier in Fortaleza aufgewachsen?
Unser Vater Caetano war Fußballprofi hier in der zweiten Liga. Ronny und ich wollten ihm immer nacheifern. Als Kinder haben wir am Strand oft gegeneinander gespielt und später zusammen in einer Mannschaft. Und wir haben immer gewonnen.
Wann wussten Sie, dass Sie beide es zum Profi schaffen können?
Ziemlich früh. Die Leute hier haben immer gesagt: Raffael und Ronny, die spielen mal in Europa. Die schaffen es auch in die Nationalmannschaft.
Wer war der Talentiertere von Ihnen?
Ich! (lacht) Ich habe immer viele Tore geschossen und Dribblings versucht. Ronny war auch sehr talentiert, aber er kam mehr über seinen starken Schuss von hinten.
Ronny hat eine schwierige Saison bei Hertha hinter sich. Viele trauen ihm nicht zu, dass er das hohe Tempo in der Bundesliga mitgehen kann.
Ronny hat große Qualitäten, aber er muss noch lernen, professioneller zu arbeiten. Dann wird er sich auch bei Hertha durchsetzen.
Ihre Heimatstadt Fortaleza gilt als eine der gefährlichsten Städte Brasiliens. Auch Sie wurden hier schon ausgeraubt.
Leider ist das heute in Brasilien fast schon normal. Ich habe dem Typen einfach mein Geld gegeben, und er verschwand. Das passiert vielen hier.
Vor einem Jahr waren in Fortaleza beim Confed-Cup die Proteste gegen die WM am stärksten. Was denken Sie darüber?
Ich habe das damals hautnah miterlebt. Ich war in Fortaleza im Urlaub und musste zurück nach Deutschland. Aber als ich zum Flughafen wollte, waren die Straßen gesperrt, und es hat Randale mit der Polizei gegeben. Ich hatte wirklich Angst. Aber die Leute haben ja recht, wenn sie protestieren. Es wird unglaublich viel Geld für diese WM ausgegeben, aber für Schulen und Krankenhäuser ist keines da. Die Brasilianer sind wütend deswegen, und ich kann das verstehen.
Welche Mannschaften bei dieser WM haben Sie bisher am meisten beeindruckt?
Costa Rica ist unerwartet stark. Aber ich glaube, dass am Ende Brasilien, Deutschland oder die Niederlande Weltmeister werden.
Was halten Sie von der deutschen Mannschaft bisher?
Die Deutschen spielen, als hätten sie kaum Druck. Sie spielen mit so viel Vertrauen in sich selbst. Die Deutschen machen Spaß.
Was trauen Sie Ihrem Ex-Klub Hertha zu?
Hertha hatte eine tolle Hinrunde, aber eine schwache Rückrunde. Man muss mal sehen, wie es jetzt ohne meinen Freund Adrian Ramos geht. Aber ich traue ihnen zu, in die Europa League zu kommen.

