WM 2014

Benedikt Höwedes – „Der Boateng haut gern mal einen raus“

Niemand hatte Höwedes für die WM auf dem Zettel. Selbst ein Paninibild blieb ihm verwehrt. Doch gegen Ghana ist er gesetzt und spricht über das Duell mit seinem Schalker Kollegen Kevin-Prince Boateng.

Foto: Andreas Gebert / dpa

Etwas verschwitzt kommt Benedikt Höwedes, 26, zum Gespräch. Der Verteidiger von Schalke 04 hat gerade eine Partie Boccia mit Miroslav Klose am Strand gespielt. Und, gewonnen? „Leider nein, der Miro hat mich nassgemacht“, sagt Höwedes.

Nassmachen ließ sich der gelernte Innenverteidiger am Montag nicht gegen Portugal, obwohl er auf der ungewohnten Position des Linksverteidigers spielte. Weil Höwedes sich nun im Team von Bundestrainer Joachim Löw festgespielt hat, trifft er im zweiten WM-Spiel gegen Ghana am Sonnabend (21 Uhr) auf seinen Schalker Teamkollegen Kevin-Prince Boateng.

Berliner Morgenpost: Herr Höwedes, eigentlich dürften Sie gar nicht hier sein, wissen Sie das?

Benedikt Höwedes: Ach ja? Das müssen Sie mir aber mal erklären!

Zumindest wenn es nach dem italienischen Sticker-Produzenten Panini ginge. Dort hat man für die Sammelbilder nämlich keinen „Benedikt Höwedes“ eingeplant und musste Sie nachproduzieren. Sie sind nun Teil eines „Ergänzungssets“.

Na, dann hat ja einer extrem viel Ahnung bei Panini gehabt, nicht wahr?

Sind Sie jemand, den man gern unterschätzt – der Typ „Ergänzungsset“?

Ich glaube, das meine Qualitäten nicht immer angemessen wahrgenommen werden. Ich habe über Jahre hinweg gute Leistungen gebracht und bin seit drei Jahren konstant bei der Nationalmannschaft dabei. Von daher wundere ich mich schon. Aber ob ich bei Panini dabei bin oder nicht, lässt mich kalt.

Bundestrainer Löw dagegen hat Ihnen sogar zugetraut, gegen Portugal auf einer Position zu spielen, die Sie sehr selten gespielt haben: links in der Viererkette.

Ich habe die Position schon öfter gespielt und im Training geübt. Gegen Portugal habe ich es, denke ich, sehr gut gemacht. Der Trainer lag also nicht allzu falsch damit.

Sie sind eigentlich Innenverteidiger. Muss man bei der Nationalmannschaft eine gewisse Anpassungsfähigkeit mitbringen, um zum Zuge zu kommen?

Ich habe daraus nie einen Hehl gemacht, dass meine Lieblingsposition die Innenverteidigung ist. Aber ich bin bei Schalke in der Jugend umfassend ausgebildet worden und sehr flexibel einsetzbar. Für mich geht es bei dieser WM darum, dass ich spiele. Deshalb nehme ich die Position links an und haue mich rein für die Mannschaft.

Auch bei Schalke mussten Sie öfter als Außenverteidiger aushelfen. Ist Ihre Anpassungsfähigkeit eher Fluch oder Segen?

Bei Schalke habe ich meine Position im Zentrum gefunden. Aber wenn es personelle Veränderungen im Team gibt, muss man sich auch mal der Mannschaft unterordnen. Das finde ich in Ordnung. Was soll ich rumheulen, dass ich doch eigentlich Innenverteidiger bin, wenn ich der Mannschaft damit nicht helfe? Ich bin ein Teamplayer und mache keinen Stress deswegen. Außerdem macht es mir auch Spaß, außen zu spielen. Da kann man viel mehr offensive Akzente setzen.

Stimmt es, dass Sie in der Jugend mal als Stürmer angefangen haben?

Ja. Auf wurde ich zum Defensivmann umfunktioniert. Keine Ahnung, warum. Vielleicht war gerade Not am Mann, aber vielleicht wusste auch der Trainer nicht, wen man sich da geholt hatte. Seitdem bin ich hinten hängen geblieben, aber es ist mir ja gut bekommen.

Wahrscheinlich wären Sie als Stürmer gar nicht bei dieser WM dabei.

Das stimmt. Eigentlich muss ich ein Dankesschreiben an meinen damaligen Trainer aufsetzen (lacht).

Gegen Portugal ließ Löw mit vier Innenverteidigern in der Viererkette spielen. Denken Sie, das könnte eine Variante sein, die sich in Zukunft durchsetzt?

Möglich wäre das schon. Wenn man vier starke Verteidiger zur Verfügung hat, die den Laden hinten dicht machen, dann ist das mit Sicherheit gut. Aber das hängt vom jeweiligen Trainer ab: Der eine möchte offensivere Außenverteidiger haben, der andere eher defensivere. Ob das auch im Vereinsfußball eine dauerhafte Lösung wird, muss sich erst zeigen.

Auf Schalke sind Sie Kapitän und Führungsspieler, bei der Nationalelf einer von vielen. Eine schwierige Umstellung?

Vor zwei Jahren hat mich das schon einmal jemand gefragt, und ich habe gesagt: Ich fühle mich ganz wohl, wenn ich mich bei der Nationalelf auch mal etwas zurücknehmen kann. Schon hieß es, der Höwedes ist amtsmüde. Das ist natürlich Quatsch. In der Tat ist es hier eine andere Rolle für mich. Hier sind nur gestandene Spieler von großen Vereinen. Aber man darf sich das nicht falsch vorstellen: Das ist hier ein großes Miteinander. Wir haben keine Hierarchie wie früher, als es nur ein, zwei Lautsprecher gab, und die anderen hatten nichts zu melden. Hier muss jeder Verantwortung übernehmen.

Sie spielen nun gegen Ihren Teamkollegen auf Schalke, Kevin Prince Boateng. Vor kurzem hätte man gesagt, dieses Duell wird es nicht geben, weil Höwedes nicht spielt. Nun saß Boateng zunächst auf der Bank. Hat Sie das gewundert?

Ja, ziemlich. Ich weiß ja um Kevins enorme Qualitäten. Ich denke aber, er wird gegen uns in der Startelf stehen.

Sie spielten früher mit Boateng in der Jugendnationalmannschaft. Was zeichnet ihn aus?

Kevin ist ein extravaganter Typ und sehr impulsiv. Er hat unglaubliche fußballerische Qualitäten – technisch, läuferisch, körperlich. Er ist ein ausgezeichneter Spieler, auf den wir gegen Ghana aufpassen müssen. Auf Schalke sind wir froh, dass wir ihn haben.

Hätten Sie ihn auch gern in der deutschen Nationalelf? Möglich wäre es ja gewesen.

Wir haben in Deutschland fantastische Spieler und einen tollen Weg eingeschlagen. Kevin hat eine persönliche Entscheidung getroffen, für Ghana und nicht für Deutschland zu spielen. Und das brauche ich nicht zu bewerten.

Vor dem Turnier sagte Boateng, Deutschland würden die Führungspersönlichkeiten fehlen, um Weltmeister zu werden. Hat er sich dafür etwas anhören müssen?

Nein. Kevin haut gern mal einen raus. Das war ein Spruch von ihm, aber recht hat er sicher nicht. Wir haben genau die richtigen Typen in der Mannschaft, um eine vernünftige Mischung zu haben. Wir brauchen keine Lautsprecher wie früher. Wir sind eine starke Truppe mit tollen Charakteren. Das mag also Kevins Meinung gewesen sein, aber wir hier haben eine andere.

Ihr Vertrag auf Schalke läuft noch bis 2017. Zieht es sie noch mal woanders hin?

Man sollte niemals nie sagen. Ich fühle mich unheimlich wohl auf Schalke. Ich sehe auch, dass sich dort etwas entwickelt, denn wir spielen nun zum dritten Mal hintereinander in der Champions League, haben uns als dritte Macht in Deutschland etabliert. Aber ich bin auch jemand, der irgendwann mal noch andere Erfahrungen sammeln und ins Ausland gehen möchte. Irgendwann möchte ich vielleicht eine neue Herausforderung suchen und neue Sprachen und Kulturen kennenlernen.