Shkodran Mustafi hat sich vorgenommen, sein Handy auf Flugmodus zu stellen. „Ich muss erst einmal realisieren, was gerade alles so passiert ist“, sagt der 22-Jährige nach dem 4:0 der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal. Für all die Glückwunsch-SMS aus der Heimat sei später noch Zeit. „Ich habe das alles noch gar nicht so richtig verstanden“, berichtet Mustafi. Das mag daran liegen, dass er sich ja gerade selbst in einer Art Flugmodus befindet.

Vor etwas mehr als einer Woche noch hatte der Abwehrspieler vom italienischen Erstligisten Sampdoria Genua schon seine Sachen gepackt, um mit ein paar Kumpels in den Urlaub nach Ibiza abzuheben. Dann verletzte sich Marco Reus. Bundestrainer Joachim Löw fragte, ob Mustafi nicht vielleicht doch noch einmal seine Pläne überdenken möchte und nominierte ihn nach. So begann der Abflug in das bisher wohl größte Abenteuer in der noch jungen Karriere des Shkodran Mustafi.

Verzicht auf klassische Außen

Schon im ersten Spiel gegen die Iberer hat Mustafi unverhofft die Reisehöhe erreicht. Als Mats Hummels in der zweiten Halbzeit wegen eines Schlags auf den Oberschenkel verletzt ausgewechselt werden musste, brachte Löw ihn in die Partie – nicht den Freiburger Matthias Ginter und auch nicht Kevin Großkreutz. Mustafi durfte zu seinem erst zweiten Länderspiel auf das Feld und sagte danach: „Das muss man auch erst einmal verdauen.“

Das war ein schönes Zeichen an den in Bad Hersfeld geborenen Sohn albanischer Eltern, dass er nicht nur für den Job als Beobachter aus nächster Nähe auf den geplanten Männerurlaub verzichtet hat. Der ehemalige Jugendspieler vom Hamburger SV, der vor dieser WM nur wenigen Experten ein Begriff war, wird tatsächlich gebraucht. Ein Zeichen aber war seine Bevorzugung vor allem vor Großkreutz auch an diejenigen in Deutschland, die sich seit geraumer Zeit die Frage zu beantworten versuchen, wie Löw auf dem Weg zum sehnsüchtig erwarteten WM-Titelgewinn eines der größten Probleme seiner Auswahl in den vergangenen Jahren lösen will: die Anfälligkeit in den Defensive.

Seit der WM 2010 hatte Löws Team in 49 Länderspielen 60 Gegentreffer kassiert. Mit einer Quote von durchschnittlich 1,2 Gegentoren pro Spiel gegen mitunter nicht die ruhmreichsten Mannschaften werde man keineswegs Weltmeister, musste die Schlussfolgerung daraus lauten.

Mustafi-Einstand gelungen

Löw hat gemeinsam mit seinem Chefscout Urs Siegenthaler nach einer Antwort auf jenes unschöne Missverhältnis gesucht und ist dabei auf einen bis dahin nie erlebten Pragmatismus bei sich selbst gestoßen. Gegen Portugal bot der 54-Jährige mit Jerome Boateng, Hummels, Per Mertesacker und Benedikt Höwedes vier gelernte Innenverteidiger in der Viererkette auf. Und das änderte sich auch nicht, als Hummels verletzt raus musste. Mustafi, in dessen Lebenslauf ebenfalls die Bezeichnung „zentraler Abwehrspieler“ zu lesen ist, kam und übernahm die für ihn ungewohnte Position des Rechtsverteidigers gegen Cristiano Ronaldo. Boateng rückte nach innen. „Mein Auftrag war einfach, den Laden hinten dicht zu machen“, sagt Mustafi, was er gegen den portugiesischen Superstar erstaunlich gut hinbekam.

Erstaunlich ist aber auch Löws Auftrag an ihn, weil es zeigt, wie sehr der Bundestrainer bei dieser WM von seinem bisherigen Defensivkonzept abgerückt ist. Statt Mustafi hätte er Großkreutz bringen können, der die Rolle des Rechtsverteidigers als verkappter Angreifer und Flügelläufer spielen kann, wie Löw sie liebt und sie gängig ist im modernen Fußball. Oder er hätte auch Philipp Lahm auf dessen alte Position zurückziehen und ihn mit Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld ersetzen können. Löw tat dies nicht, weil Siegenthaler und er zu der Überzeugung gelangt sind, dass unter den schwierigen klimatischen Bedingungen in Brasilien mit hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit die Außenverteidiger als permanente Unruhestifter in des Gegners Hälfte und Flankenschläger nicht vornehmlich gebraucht werden.

Taktisch gut verteidigt

Man muss sich Löw bei diesem Weltturnier als einen Zirkusdirektor vorstellen, der weiß, dass seine Schaustellertruppe die ganz große Nummer im Repertoire hat, der aber auch dafür Sorge tragen muss, dass diese unter den Augen des Publikums reibungslos funktioniert. Boateng, Hummels, Mertesacker, Höwedes und später Mustafi sind diejenigen, die das Gerüst festhalten, auf dem die Artisten Mario Götze, Mesut Özil, Thomas Müller und Co. in schwindelerregender Höhe ihre Kunststückchen vorführen. Sie sind die Statiker des schönen Spiels und gleichermaßen der doppelte, ja der vierfache Boden.

„Aus einer guten Grundordnung heraus schnell zum Abschluss kommen“, hat Boateng den Matchplan gegen Portugal beschrieben. Nach dem Spiel sagte Hummels, ihm habe trotz der vier deutschen Tore – darunter sein eigener Kopfballtreffer zum 2:0 – am besten gefallen, „dass wir taktisch gut und leidenschaftlich verteidigt haben“. Wenn die Defensive so stabil bleibe, „dann wird es für jede Mannschaft der Welt schwer, ein Tor gegen uns zu schießen“.

Hummels-Einsatz ist fraglich

Nun könnte es aber sein, dass Löw seine bewährte Abwehrkette neu zusammenstellen muss. Hummels erlitt eine Muskelverletzung und ist für die zweite Gruppenpartie gegen Ghana am Sonnabend in Fortaleza fraglich. „Es ist nicht ganz so schlimm. Vielleicht verpasse ich ein Spiel, aber ich falle nicht drei Monate aus“, sagte der Dortmunder.

Dass Löw gegen die Afrikaner, die nach dem 1:2 gegen die USA unter Zugzwang stehen, aber vom Konzept der vier Innenverteidiger in der Viererkette abweichen wird, ist unwahrscheinlich. Boateng würde ins Zentrum rücken, fiele Hummels tatsächlich aus, und Mustafi könnte erneut die Position des Rechtsverteidigers übernehmen. Es wäre die konsequente Fortführung des Defensivkonzepts durch den pragmatischen Zirkusdirektor Löw. Und es wäre eine neuerlich erreichte Flughöhe für Mustafi auf seiner unverhofften Abenteuerreise durch Brasilien.